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Leipziger Buchmesse: LMU-Forscherin erhält Preis in der Kategorie Sachbuch

19.03.2026

Für ihr Buch Balkan-Odyssee 1933–1941, das ein bislang unerforschtes Kapitel der Exilgeschichte beleuchtet, hat die LMU-Historikerin Marie-Janine Calic den renommierten Buchpreis gewonnen.

„Wir hatten keine Ahnung von Albanien, aber das tat nichts zur Sache.“ Für die fast 16-jährige Trude Grünwald galt, was viele Juden im nationalsozialistischen Deutschland und Österreich der 1930er-Jahre umtrieb: Nur fort von hier, egal wohin. Nur überleben.

Während populäre Kulturschaffende oder Intellektuelle wie etwa Thomas Mann aufgrund ihrer Popularität, ihrer Netzwerke und finanziellen Mittel die Möglichkeit hatten, nach Frankreich, England oder in die USA – mithin in Länder zu emigrieren, die Stabilität, eine gewisse strukturierte Lebensführung und vor allem Sicherheit versprachen, blieb für die übrigen, weniger privilegierten jüdischen oder politisch sonst nicht akzeptierten Menschen dieser Weg verschlossen.

Die Historikerin Prof. Dr. Marie-Janine Calic

© Florian Generotzky / LMU

Für diese – bis auf Namen wie Tilla Durieux, Ernst Toller oder Manès Sperber – weitgehend unbekannt Gebliebenen war nur noch ein Weg offen: in den Südosten, auf den Balkan. In Länder wie Jugoslawien, Albanien, Rumänien oder Bulgarien.

Preis der Leipziger Buchmesse

Marie-Janine Calic, Professorin für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der LMU, hat sich mit diesem bislang ungeschriebenen Kapitel in der historischen Exilliteratur befasst. Balkan-Odyssee. 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa heißt ihr jüngstes Werk, das jetzt den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch erhalten hat. Balkan-Odyssee zeichnet die Geschichte(n) dieses Exodus jenseits des Mainstreams anhand von Ego-Dokumenten – also Briefen, Tagebucheinträgen oder Erlebnisberichten – nach.

Emotionale Einblicke in eine Flucht

Warum steht dieses Kapitel der Fluchtgeschichte bisher nicht im Fokus? „Ich denke, das hat mit Vorurteilen gegenüber dem Balkan allgemein zu tun“, mutmaßt Calic. Diese Region werde vor allem mit Gewalt und ethnischen Säuberungen assoziiert – als Region also, die eher Fluchtbewegungen produziere. Dabei waren Länder wie Jugoslawien oder Rumänien für Zehntausende von Menschen zumindest zeitweilig ein sicherer Hafen, in dem sie freundliche Aufnahme, selbstlose Unterstützung und Gastfreundschaft fanden: Obwohl sie selbst nicht viel hatten, waren die einheimischen Menschen bereit, ihr Weniges mit den Geflüchteten zu teilen – was deren Aufenthalt oft erst ermöglichte.

Davon zeugen die Dokumente, die die Historikerin ausgewertet hat und die Balkan-Odyssee zu einem Zeitbild machen, das neben politischen und gesellschaftlichen Aspekten auch eine emotionale Tiefe erhält: Die Briefe und Tagebücher berichten von dem ungeheuren psychischen Druck beim langen Warten der Fluchtsuchenden auf Visa zur Ausreise, während ihnen die Schergen des NS-Regimes im Nacken sitzen. Sie erzählen von herzzerreißenden Abschieden und dem stetigen Versuch der Selbstvergewisserung im Chaos.

Gefangen auf der Donau

Besonders berührt, sagt Calic, habe sie die Geschichte des Juden Walter Klein, der, aus dem KZ entlassen, endlich die Reise nach Palästina antreten wollte, wo seine Familie schon länger auf ihn wartete. Auf einem überfüllten Donaudampfer kam er immerhin bis Jugoslawien. Dann hieß es, für viele Monate in dieser Enge auszuharren: zunächst, weil in den rumänischen Schwarzmeerhäfen kein Schiff für die Weiterfahrt nach Palästina zur Verfügung stand; des Weiteren, weil das Eis des Winters die Donau gefrieren ließ. Und da sie ein internationales Gewässer war, fühlten sich allein die jugoslawischen jüdischen Hilfsorganisationen für die festsitzenden Flüchtenden zuständig. Aus Schmutz, drangvoller Enge und schlechter Ernährung keimte jedoch immer wieder Hoffnung auf eine Weiterfahrt, die sich auch wegen des Ausgreifens Deutschlands und Italiens zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wiederholt zerschlug.

Der Faschismus holt die Flüchtenden ein

Um die zahlreichen persönlichen Erinnerungen in die politisch-historischen Zusammenhänge einzuordnen, standen Calic vielfältige klassische Quellen, wie etwa Dokumente und Aufzeichnungen von Auswärtigen Ämtern oder Geheimdiensten, zur Verfügung. Mit ihrer Hilfe dokumentiert die Historikerin die politisch äußerst wechselvolle und prekäre Lage der Balkanstaaten vor und während des Zweiten Weltkriegs; sie schildert den wachsenden Druck der faschistischen Regime in Deutschland und Italien auf Länder wie Jugoslawien, die auf territoriale Expansion und die Ausbeutung von Rohstoffen für die Rüstungsindustrie zielten.

Zugleich zeigt sie, wie sich die Situation für Jüdinnen und Juden in der Region durch politische Einflussnahmen zunehmend verschlechterte. So konnte etwa Albanien, das zuvor für Betroffene antisemitischer Verfolgung vergleichsweise moderate Bedingungen geboten und auf Betreiben des Königs Juden gezielt eingeladen hatte, diesen Schutz schließlich nicht länger bieten: Nach der Invasion Italiens in Albanien griff auch dort die antisemitische Gesetzgebung des faschistischen Landes.
Auch arbeitet Calic in Balkan-Odyssee die durchaus kritikwürdige Rolle der späteren Alliierten heraus, die ihre Grenzen vor den Flüchtenden verschlossen und Hitler mit Appeasement-Politik begegneten.

Das Buch ist aber – wie gesehen – weit mehr als eine historische Monografie: Es ist eine Geschichte von Menschen, die in ihrer Verzweiflung jede sich bietende Gelegenheit ergriffen, um dem Grauen der Diktatur in ihrer Heimat zu entkommen. Und es behandelt ein Thema, das heute leider wieder sehr aktuell ist.

Balkan-Odyssee, 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa
C.H. Beck 2025
383 Seiten, mit 38 Abbildungen und 2 Karten
Hardcover
28 Euro
ISBN 978-3-406-83634-3

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