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LMU-Alumna Carolin Matzko: „Wenn dein Weg dich trägt: Go for it“

28.07.2026

Carolin Matzko spricht über ihre Studienzeit, Frauenförderung und warum sie keine Lust auf permanente Untergangsstimmung hat.

Frau Matzko, beim diesjährigen Stiftungsfest der LMU haben Sie den Round Table „Mehr Frauen. Mehr Wissenschaft.“ moderiert. Welche Veränderungen wünschen Sie sich, damit mehr Frauen in Spitzenpositionen kommen?

Carolin Matzko: Universitäten wurden früher für Männer geschaffen. Und ein wenig scheint sich von dieser „Bastion“ bis in die Jetzt-Zeit herübergerettet zu haben. Männer haben bis heute starke Netzwerke. Das kenne ich auch aus der Unterhaltungsbranche, wo Frauen bis heute oft außen vor sind. Ich habe das lange als wahnsinnig mühsam und entwürdigend erlebt. Aber ich finde es großartig, dass der neue LMU-Präsident Matthias Tschöp sich der Baustelle „Frauen in der Wissenschaft“ angenommen hat.

Autorin Caro Matzko liest aus ihrem Buch Alte Wut bei einer Lesung an einem beleuchteten Rednerpult mit Mikrofon.

Carolin Matzko bei einer Lesung aus ihrem Buch „Alte Wut“, in dem sie der Herkunft und der Flucht ihres Vaters aus Ostpreußen nachspürt.

© Sentinel Holding Institut GmbH

Sie haben an der LMU Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Soziologie studiert. Wie haben Sie Ihre Studienzeit in Erinnerung?

Matzko: Ich war damals unfassbar orientierungslos an dieser großen Uni. Es hat mehrere Semester gedauert, bis ich nicht mehr in die falschen Räume gelaufen bin. (lacht) Aber weil zwei andere Trottel genau wie ich vor dem falschen Vorlesungsraum gestanden sind, habe ich zwei richtig gute Freunde gefunden. Ich hätte mir damals gewünscht, mehr an die Hand genommen worden zu sein und früher gewusst zu haben, was Studieren bedeutet. Lange habe ich nicht verstanden, was ich überhaupt leisten soll. Damals dachte ich, ich bin zu blöd für die Uni. Was aber in Wahrheit nicht wahr war – immerhin habe ich meinen Abschluss doch noch hingekriegt. Aber sollte das hier jemand lesen, der oder die sich in einer ähnlichen Krise befindet, kommt hier meine Botschaft: Ihr schafft das auch, wenn ich das hingekriegt habe!

Wenn Sie auf Ihr Studium zurückblicken: Welche Inhalte haben Ihnen im Berufsalltag besonders geholfen – und was hat Ihnen gefehlt?

Matzko: Ehrlich gesagt nicht besonders viele. Und ich hatte in Wahrheit direkt nach dem Abi auch nicht die nötige innere Ruhe noch die nötige Reife, um mich auf ein Studium zu konzentrieren. Darum war es gut, dass ich mein Politikstudium nach zwei Semestern für einige Zeit auf Eis gelegt habe und zum Radiosender Dasding des SWR in Baden-Baden gegangen bin. Da wurde ich richtig ins kalte Wasser geschmissen – aber ich habe gemerkt, dass es genau das Richtige für mich ist. Zum Glück gab es damals die Auflage des SWR, dass man maximal zwei Jahre beim Jugendsender Vollzeit arbeiten kann, dann aber sein Studium zu Ende bringen muss. Das habe ich dann auch gemacht. Und habe an der Uni die Grundlagen für ein Verständnis von Politik und Gesellschaft mitgenommen. Besonders präsent blieb mir mein Abschlussthema im Nebenfach Soziologie über die Theorie der feinen Unterschiede von Pierre Bourdieu. Seinen Namen habe ich mir sogar auf ein T-Shirt gedruckt – und es im Fernsehen in der Sendung „Ringlstetter“ getragen und positive Zuschriften von Soziologie-Fans erhalten.

© Sentinel Holding Institut GmbH

Sie sind Radiomoderatorin auf Bayern 2 und moderierten im Fernsehen Jugendformate auf BR-alpha, 800 Wissenssendungen auf arte und in der ARD, waren Sidekick in der Late-Night-Show von Hannes Ringlstetter. Wollten oder mussten Sie so viel arbeiten?

Matzko: Ich habe früh gesagt bekommen: „Wir werden auf keinen Fall für Sie und Ihr Leben finanzielle Verantwortung übernehmen, also stellen Sie sich breit auf.“ Da ich ADHSlerin bin, interessiere ich mich für alles und hatte und habe keinen klassischen Schwerpunkt, über den ich berichte. Ich hatte im Studium gelernt: Auch wenn ein Thema noch so abwegig ist – wenn man sich einliest, eröffnet sich ein neues Universum. Sonst hätte ich mir das Leben in München nicht leisten können.

Sie waren neun Jahre Teil der Talkshow „Ringlstetter“, ehe die Sendung im vergangenen Jahr endete. Was ist Ihr nächstes Projekt?

Matzko: Ich habe gerade fünf Folgen meines neuen Fernsehformats „Die Supertiere“ veröffentlicht – in der ARD Mediathek – und meinen neuen Podcast „Zitronen. Leben am Limo“ gestartet in ARD Sounds. Darüber hinaus bin ich Host für den Podcast „Science Tea Time“, Gastautorin der Süddeutschen Zeitung und bin in der Pitchphase für mein drittes Buch. Die Situation für Medienschaffende wird leider nicht leichter. Ich hatte das Glück, noch die guten Zeiten des Fernsehens mit langjährigen Formaten mitzuerleben. Aber mit meinen bald 47 Jahren muss man am Ball bleiben. Wer darauf wartet, dass irgendjemand kommt, den roten Teppich ausrollt und dir einen maßgeschneiderten Job anbietet: That's not gonna happen. Zum Glück langweilt mich vieles schnell, daher bin ich immer in Bewegung, empfinde meine Arbeit als sinnstiftend und ich arbeite auch nur noch mit Menschen zusammen, die ich mag.

Sie sind auch Dozentin an der Deutschen Journalistenschule. Was geben Sie den jungen Menschen dort mit?

Matzko: Ich habe dieses Schuljahr dort zusammen mit der DJS-Leiterin Henriette Löwisch den Workshop „Andersdenkende aushalten“ initiiert, in dem wir die Meinungsvielfalt im Journalismus und den journalistischen Umgang mit Vertretenden extremer Parteien beleuchten. Der Umgang mit den jungen Nachwuchjournalistinnen und -journalisten bedeutet mir viel – und der Austausch mit ihnen erinnert mich daran, warum ich diesen Job mal begonnen habe. An der DJS landet die junge Crème de la Crème – aber trotz dieser guten Startrampe, die die jungen Menschen haben, spiegeln sie mir auch eine große berufliche Zukunftsangst. Ich halte Journalismus für einen der großartigsten Berufe dieser Welt und versuche, ihnen Mut zu schenken. Aber die Sorgen dieser tollen jungen Talente schmerzen mich. Die Disruption durch KI steckt noch in den Kinderschuhen. Aber ich glaube an menschengemachten Journalismus und an natürliche Intelligenz – die Leidenschaft meiner Studierenden stimmt mich kämpferisch und hoffnungsvoll. Ich habe keine Lust auf permanente Untergangsstimmung. Wenn du diesen Job machen willst und du dafür brennst: Go for it.

Haben sich die Herausforderungen für Frauen in den vergangenen Jahren aus Ihrer Sicht verändert?

Matzko: Beim Hörfunk und im Print habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Es gilt dort nach wie vor das gesprochene Wort. Aber im Bereich der Fernsehunterhaltung wird der Mensch, der vor der Kamera steht, optisch bewertet – insbesondere Frauen. Egal, wie du aussiehst: Du wirst immer mehr nach ästhetischen und sexualisierten Parametern beurteilt. Und was mich immer sehr beschäftigt hat: Auch Frauen haten Frauen auf Social Media. Und das bringt uns nicht voran: Anstatt uns Steine in den Weg zu legen, sollten wir mehr und besser zusammenhalten.

In Ihrem Buch „Alte Wut“ (PIPER Verlag) erzählen Sie von Ihrer Familiengeschichte, den Folgen des Zweiten Weltkriegs für Ihre Familie sowie von Ihren eigenen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen. Was hat Sie dazu bewegt, dieses persönliche Buch zu schreiben?

Matzko: Für mich war es eine klare Entscheidung, meine Familiengeschichte zu erzählen, weil das Politische mit dem Privaten bei uns immer damit verwoben war: Mein Vater ist ja AfD-Mitglied. Ich wollte ein Buch über transgenerative Übertragung von Trauma schreiben, das gleichzeitig ein Roadmovie ist und auch die psychischen Parameter für Radikalisierung beleuchtet. Die Entscheidung, extrem und aus Protest zu wählen, hat viel mit Enttäuschung und einem Gefühl von Minderwertigkeit und Opfertum zu tun. Mich hat die soziologische Studie von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey sehr beschäftigt, die im Buch „Zerstörungslust“ veröffentlicht wurde. Vieles, was dort erhoben wurde, warum Menschen radikal werden, konnte ich auch in unserer Familie wiederfinden. Aber ich bin keine Expertin für Radikalisierung und ich wollte kein wissenschaftliches Buch schreiben – ich wollte einfach unsere Geschichte unterhaltsam aufschreiben und damit ein Angebot für den Diskurs machen.

Sie waren 2022 Mitglied der Bundesversammlung für die Wahl des Bundespräsidenten und haben für Ihr Buch den „Brückenbauer“-Preis der SPD-Landtagsfraktion erhalten. Denken Sie über eine politische Karriere nach?

Matzko: (lacht) Nein, auf keinen Fall. Dafür bin ich nicht diplomatisch genug und habe zu sehr das Herz auf der Zunge. Ich weiß gar nicht, warum die SPD mich damals nominiert hat. Vielleicht kannten sie mich aus der Ringlstetter-Sendung oder wollten einfach mal nur ein Achtel mit mir trinken gehen. Das ist ja auch ein Grund. Aber ich bin froh, dass es die SPD in Bayern noch gibt.

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