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Medienwandel: Warum er (nicht) stattfindet und manchmal sehr langsam voranschreitet

27.05.2026

LMU-Professor Neil Thurman verbindet in einer neuen Publikation über Veränderungen in der heutigen Medienlandschaft historische Analyse, einen neuartigen konzeptionellen Rahmen und umfangreiche empirische Erkenntnisse.

Neil Thurman

Professor Neil Thurman | © Thurman

Die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Medienlandschaft sind enorm, doch die damit einhergehenden Veränderungen sind nicht allumfassend. „Wir leben im digitalen Zeitalter, aber nicht alles darin ist digital, genauso wie in der Eisenzeit nicht alles aus Eisen bestand“, sagt Neil Thurman, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU. „Der Medienwandel hört nie auf, aber dieser Wandel kann, obwohl er manchmal sehr schnell geschieht, auch langsam und sprunghaft erfolgen und gelegentlich sogar rückläufig verlaufen. Und dort, wo neue Medienformen und -praktiken existieren, verdanken sie den alten unweigerlich viel.“

Mit dieser komplexen Situation befasst sich die Publikation Media Change: Contemporary Cases, Consequences, and Conceptualizations von Neil Thurman. Das Buch untersucht Medienwandel und dessen Fehlen anhand von neun Fallstudien. Diese reichen von der Nutzung von KI bei der Erstellung von Medieninhalten über die Umstellung von Medienmarken wie Zeitungen und Fernsehsendern auf reine Online-Präsenz bis hin zur Rolle der Automatisierung im Arbeitsalltag von Journalistinnen und Journalisten.

Das „Sechs-R“-Modell

Das Buch ordnet den aktuellen Medienwandel in den Kontext vergangener Medienveränderungen ein und zeigt, wie dieser Wandel nicht nur durch technologische Fortschritte geprägt wird, sondern auch durch das wirtschaftliche Umfeld und Widerstände von Organisationen sowie aus der Öffentlichkeit. Thurman hat ein Modell entwickelt, das diese Art von Widerstand sowie fünf weitere grundlegende Themen konzeptionell aufgreift: Revolution, Remediation (Umgestaltung), Resistance (Widerstand), Rapidity (Schnelligkeit), Regulation (Regulierung) und Reversals (Umkehrung).

Medienmarken, die auf reine Online-Präsenz umsteigen

Thurman stützt sich dabei auf jahrzehntelange Forschungsergebnisse über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Medienlandschaft. Aktuell geben Medienmarken – wie die taz – aufgrund finanzieller Schwierigkeiten den analogen Bereich auf und konzentrieren sich auf reine Online-Präsenz. Das entsprechende Kapitel berichtet über Thurmans Untersuchungen dazu.

Seine Ergebnisse zeigen, dass die Umstellung auf reine Online-Präsenz den betreffenden Marken zwar Einsparungen ermöglicht hat, aber auch zu einem erheblichen Verlust an Publikumsinteresse geführt hat. Teilweise als Folge dieses dramatischen Verlusts wurden analoge Plattformen wiederbelebt – ein Beispiel für die Kehrtwenden, die den Wandel in den Medien zu einer äußerst komplexen Angelegenheit machen.

Wie Automatisierung die Erstellung von Medieninhalten verändert

Eine auffällige aktuelle Entwicklung ist der zunehmende Einsatz von Automatisierung bei der Produktion von Medieninhalten, einschließlich des Verfassens journalistischer Texte. Thurman zeigt auf, dass einige frühere Untersuchungen darüber, wie Lesende über automatisierten Journalismus denken, methodisch fragwürdig waren. So wurden beispielsweise kleine, nicht repräsentative Stichproben von Befragten verwendet und Teilnehmende aufgefordert, nicht vergleichbare Texte miteinander zu vergleichen.

Gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen an der LMU stellte Thurman in einer eigenen Studie fest, dass die Befragten maschinell verfasste Artikel als deutlich weniger verständlich empfanden als von Menschen geschriebene Artikel. Dabei wurde die Verständlichkeit durch die Wortwahl und den Umgang mit Zahlen in den Texten beeinträchtigt.

Thurman zeichnet in der aktuellen Veröffentlichung ein komplexes Bild des Medienwandels und verdeutlicht, welche Rolle die Forschung dabei spielen kann, Gefahren für Medien zu erkennen und Veränderungen in eine positive Richtung voranzutreiben.

Das Buch ist im Wiley-Verlag erschienen, das Titelbild zeigt eine Skulptur des südkoreanischen Künstlers und LMU-Absolventen Nam June Paik.

Neil Thurman: Media Change: Contemporary Cases, Consequences, and Conceptualizations. Wiley 2026.

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