Mit Lola Montez am nächtlichen Unibrunnen
20.01.2026
LMU-Alumna Marita Krauss forscht unter anderem zu Ludwig I., der die Universität vor 200 Jahren nach München holte.
20.01.2026
LMU-Alumna Marita Krauss forscht unter anderem zu Ludwig I., der die Universität vor 200 Jahren nach München holte.
Eine Feldkirche bei Landau an der Isar, die als einziges Gebäude eines früheren Dorfes den Dreißigjährigen Krieg überdauert hat. Die Wallenstein-Spiele in Memmingen, die an die Belagerung erinnern. Oder der Blick von der Schellingstraße hinunter auf die Ludwigstraße, eine der Prachtstraßen König Ludwigs I. – Professorin Marita Krauss beginnt ihre Forschung oft an konkreten Orten und folgt dann den Spuren in die Archive. „Man muss den Transfer schaffen“, sagt die Historikerin, „zwischen dem, was man in Büchern und Quellen sieht, und dem, was sich im Stadtbild niederschlägt.“
Die LMU-Alumna, in Zürich geboren und am Starnberger See aufgewachsen, begann ihr Studium zunächst mit Germanistik und Romanistik. „Aber diese Fächer packten mich nicht so“, erinnert sie sich. Ganz anders die geschichtswissenschaftlichen Veranstaltungen, die sie parallel besuchte. „Christoph Stölzl, damals Assistent in der Bayerischen Landesgeschichte der LMU, sah wohl meine Begeisterung – und fragte kurzerhand: ‚Wollen Sie gleich ins Hauptseminar?‘“, erzählt Krauss und lacht. „So etwas war damals möglich – wohl auch, weil ich schon einige Semester Germanistik und Romanistik studiert hatte.“
In diesem Hauptseminar entstand eine Ausstellung über die 1920er-Jahre in München. Es folgten Ausstellungen zur „Trümmerzeit“ und zur „Prinzregentenzeit“ oder zu „Leben in München von der Jahrhundertwende bis 1933“. Hier arbeitete Marita Krauss mit Quellen, schrieb an Katalogen und organisierte Teams von Studierenden. „Dozierende und Studierende arbeiteten eng zusammen – an der Ausstellung, an der Forschung, aber auch an allem, was zur öffentlichen Präsentation gehört“, erklärt sie heute. „Dabei entstand eine sehr fruchtbare wissenschaftliche Atmosphäre.“
Nach ihrem Studium wurde sie an der LMU promoviert und habilitierte sich hier auch. Anschließend wirkte sie als Lehrbeauftragte und später als Privatdozentin für Neuere und Neueste Geschichte. Es folgten eine Dozentur für „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ in Bremen, eine Gastprofessur am Institut für Zeitgeschichte in Wien sowie eine Vertretungsprofessur „Frühe Neuzeit“ in Bremen. Zudem gehörte Marita Krauss der Arbeitsgruppe an, die das NS-Dokumentationszentrum konzipierte. 2008 erhielt sie schließlich den Ruf auf die Professur für Europäische Regionalgeschichte mit Schwerpunkt Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg.
„Stadt- und Landesgeschichte sind so interessant, weil sie viele Schnittstellen zu anderen Disziplinen haben – zur Geografie, zur Literatur, zu den Kulturwissenschaften.“ Man könne große Entwicklungen nur verstehen, „wenn man sieht, was sie in einzelnen Orten bewirken“. Deshalb ermunterte sie Studierende, auch in ihren Heimatorten in Archiven zu Themen wie wirtschaftliche Eliten am Beispiel der bayerischen Kommerzienräte, zur NS-Zeit oder der Vertriebenenintegration zu forschen. „Wenn der eigene Ort plötzlich zum Forschungsthema wird, motiviert das ungemein.“
Man muss den Transfer schaffen zwischen dem, was man in Büchern und Quellen sieht, und dem, was sich im Stadtbild niederschlägt.Professorin Marita Krauss
Ihre eigenen wissenschaftlichen Arbeiten führten sie auch in Dörfer wie nach Feldafing am Starnberger See, über dessen Geschichte zwischen exklusiver Villenkolonie, NSDAP-Eliteschule und Displaced-Persons-Camp sie mit ihrem Mann ein Buch verfasst hat, das mit zur Grundlage für ein Theaterstück der Kammerspiele wurde. Und auch nach Filetto di Camarda in den Abruzzen reist Marita Krauss regelmäßig – wegen eines Kooperationsprojekts mit dem Ort Filetto und der Gemeinde Pöcking zum Kriegsverbrechen von Matthias Defregger. Der spätere Münchner Weihbischof war dort 1944 als Wehrmachtsoffizier an einem Massaker an der Zivilbevölkerung beteiligt.
Auch nach München führt die Wissenschaft sie immer wieder. Seit 2022 forscht sie dort gemeinsam mit dem Stadtarchiv und dem Institut für Zeitgeschichte zum Projekt „München nach Olympia 1972. Die Ära Kronawitter und Kiesl“. Zudem ist die Stadt eng mit einem weiteren Schwerpunkt ihrer Arbeit verbunden: Ludwig I., der die LMU 1826 von Landshut nach München verlegte und damit Stadtentwicklung und Universitätsgeschichte nachhaltig formte.
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Mit Ludwig I. – Träume und Macht hat Krauss gerade eine neue, auf breitem Quellenmaterial basierende Biografie vorgelegt. „Es war seine Vision, Universität, Staatsbibliothek und Museen räumlich eng miteinander zu verbinden“, erklärt sie. „Diese Nähe erleichterte Kooperationen, machte Museen zugänglich und formte Schwerpunkte wie sammlungsnahe Kunstgeschichte, Archäologie und eine starke landes- und stadtgeschichtliche Forschung.“
Im Buch zeichnet sie Ludwig nicht nur als Kunstsammler und Universitätsgründer, sondern als komplexe Figur zwischen Erfahrungen mit Krieg und Tod in der napoleonischen Epoche, weitreichendem kulturellen Gestaltungswillen und großen Emotionen. Besonders eindrücklich ist die Verbindung von privatem Tagebuch und großer Politik. „Wenn ich heute vor dem LMU-Hauptgebäude stehe, denke ich oft daran, dass Ludwig im Tagebuch beschreibt, wie er Lola Montez den neuen Universitätsbrunnen bei Nacht zeigen wollte.“
Man muss neugierig bleiben. Denn Geschichte lebt von Orten und Originalquellen und nicht davon, anderer Leute Texte zusammenzuschreiben.Professorin Marita Krauss
Geschichte zu erzählen – das gelingt Marita Krauss auch im Radio. Schon seit den 1980er-Jahren arbeitet sie für den Bayerischen Rundfunk. „Eigentlich bin ich Funkfrau“, sagt sie. Über 70 Radiosendungen hat sie produziert, vor allem für die Sendereihen „Land und Leute“, „Bayerisches Feuilleton“ und „Radiowissen“ auf Bayern 2. Gleichzeitig verschaffte ihr der Funk in frühen Karrierephasen finanzielle Sicherheit: „Gerade in meinen frühen Jahren ohne feste Stelle ernährte ich mich oft zu hundert Prozent vom Radio.“
Marita Krauss bei einem Vortrag an der LMU | © Fabian Vogl
Auch nach ihrer Emeritierung 2023 bleibt Krauss aktiv: Sie arbeitet an Forschungsprojekten, schreibt Radiosendungen und erarbeitet für die Industrie- und Handelskammer Schwaben Kurzfilme über jüdische Wirtschaftsbürger. Gemeinsam mit ihrem Mann betreut sie überdies den Nachlass ihres Stiefvaters, des Künstlers Helmut Ammann, aus dem eine Galerie in Pöcking entstand. „Für mich ist das eine Welt jenseits der Wissenschaft“, sagt sie. „Bei Lesungen, Konzerten und Ausstellungen trifft man ganz andere Menschen als in der Universität.“
Für ihre Recherchen fährt sie weiterhin regelmäßig nach München und Augsburg. Die Studierenden seien heute „anders sozialisiert – und stark auf Punkte fokussiert“. Auch die Verbindlichkeit habe sich verändert: „Früher wäre man auch mit dem Kopf unter dem Arm noch ins Seminar gekommen“, sagt Krauss und lacht. „Heute wird ein Referat am selben Morgen einfach abgesagt.“ Große Projekte seien weiterhin möglich, müssten jedoch nun in Modulpläne eingebettet werden.
Beim Weg durch München hat sie immer die Stadtgeschichte im Kopf: „Wenn man durch den Alten Hof geht, denkt man an Ludwig den Bayern. Wenn man an der Bayerischen Staatsbibliothek vorbeikommt, sieht man sofort ihren Wiederaufbau nach dem Krieg.“
Auch Studierenden empfiehlt sie, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen – und möglichst viele Arbeitsweisen abseits des Hörsaals auszuprobieren: Ausstellungen, Tagungen, Archive. „Man muss neugierig bleiben. Denn Geschichte lebt von Orten und Originalquellen – und nicht davon, anderer Leute Texte zusammenzuschreiben.“