Multiperspektivität im frühen Christentum
08.10.2026
Durch wessen Augen erleben wir die Geschichten des Neuen Testaments? LMU-Theologe Christoph Heilig zeigt erstmals, wie sich Erzählperspektiven in frühchristlichen Texten bestimmen lassen.
08.10.2026
Durch wessen Augen erleben wir die Geschichten des Neuen Testaments? LMU-Theologe Christoph Heilig zeigt erstmals, wie sich Erzählperspektiven in frühchristlichen Texten bestimmen lassen.
In der Literaturwissenschaft ist die Erzählperspektive, fachsprachlich „Fokalisierung“, ein Grundbegriff – in der neutestamentlichen Wissenschaft wurde sie bislang jedoch kaum beachtet. PD Dr. Christoph Heilig von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der LMU weist in seinem Buch mit Erzähltheorie und kognitiver Linguistik nach, woran sich im griechischen Text erkennen lässt, aus welchem Blickwinkel eine Szene geschildert wird.
„Erzählungen sind viel mehr als ihre Handlung“, sagt Heilig. „Dieselbe Geschichte wirkt ganz anders, je nachdem, welche Figur uns ihre Perspektive leiht.“ Damit lassen sich alte Streitfragen neu beantworten – etwa, ob hinter dem Markus- und dem Johannesevangelium Augenzeugen stehen oder wie die Offenbarung des Johannes aufgebaut ist, in der wir dem Seher zwischen Himmel und Erde folgen.
Wie viel der Standpunkt ausmacht, zeigt die Entdeckung des leeren Grabes, die alle vier Evangelien schildern. „Im Markusevangelium, dem ältesten, gehen wir mit den Frauen zum Grab, hören ihre Sorge, wer ihnen den Stein wegwälzen soll, und nehmen im Grab nur wahr, was ihnen vor Augen steht: ein junger Mann in weißem Gewand“, so Heilig. „Matthäus erzählt aus übergeordneter Warte und spricht gleich von einem Engel – den Blick der Frauen teilen wir nicht mehr.“ In der Kirchengeschichte seien manche Perspektiven weitergetragen worden, andere an den Rand gedrängt – etwa die der Frauen bei Markus.
Heilig plädiert dafür, diese Vielfalt wiederzuentdecken, statt sie in einer einzigen großen Erzählung aufzulösen oder gar auf einzelne Aussagen zu reduzieren. „Verschiedene Perspektiven können sich zu einem umfassenderen Bild ergänzen“, sagt er. Auch die Theologie heute sei eingeladen, eigene Sichtweisen einzubringen. Laut Heilig, der 2025 für seine KI-Forschung als erster Theologe überhaupt ins Junge Kolleg der Bayerischen Akademie der Wissenschaften berufen wurde, ist das gerade jetzt entscheidend: „Wenn Bibelwissenschaft nur darin besteht, möglichst unpersönlich über antike Texte zu schreiben, können wir das bald an Maschinen auslagern. Ihren bleibenden Wert hat sie dort, wo Menschen offenlegen, wie sie diese Geschichten sehen – und andere einladen, mitzuschauen.“
Das Buch ist der zentrale Ertrag von Heiligs Nachwuchsforschungsgruppe „Fokalisierung in frühchristlichen Erzählungen“, die das Elitenetzwerk Bayern seit 2023 mit rund 1,4 Millionen Euro fördert. Mit der Arbeit habilitierte sich Heilig 2024 in Basel, wo sie den Fakultätspreis „Dewetteanum“ erhielt. Zwei Dissertationen werden das Projekt durch Detailstudien abrunden.
Christoph Heilig: Just a Matter of Perspective? Mohr Siebeck 2026