Philologie: Das lateinische Erbe Europas
16.09.2026
Philologin Katja Weidner korrigiert ein männerzentriertes Geschichtsbild: Sie macht die Texte von Frauen sichtbar, die im Mittelalter geschrieben haben.
16.09.2026
Philologin Katja Weidner korrigiert ein männerzentriertes Geschichtsbild: Sie macht die Texte von Frauen sichtbar, die im Mittelalter geschrieben haben.
„Das kulturelle Erbe Europas ist ein lateinisches Erbe“, sagt Professorin Katja Weidner und bedauert gleichzeitig, dass dieses Erbe mit seinem gigantischen Fundus an Quellen und Texten in der Forschung bislang relativ wenig Niederschlag findet. „Das primär antike Latein, das wir an der Schule kennenlernen, macht ungefähr 0,1 Prozent der lateinischen Textualität aus – alles Übrige ist nachklassischer Herkunft“, weiß die Lehrstuhlinhaberin für Lateinische Philologie des Mittelalters, die seit April dieses Jahres an der LMU forscht und lehrt.
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Weidner freut sich sehr, an ihre Alma Mater zurückgekehrt zu sein, wo sie studiert hat und promoviert wurde. Die LMU sei der Ort, an dem die Lateinische Philologie des Mittelalters als Fach gegründet worden sei. Zudem gebe es in München die Staatsbibliothek mit ihrem riesigen Bestand an mittellateinischen Pergament- und Papiercodices – thematisch breit aufgestellt von den Naturwissenschaften bis in die hochliterarischen Sphären.
„Und es gibt die Bayerische Akademie der Wissenschaften, die das Mittellateinische Wörterbuch erarbeitet“, so Weidner, die dort die stellvertretende Projektleitung übernommen hat. „München ist ein richtiger Hub für Mittelalter-Studien!“
In diesem Kontext sieht sie ihr Forschungsfeld in einer Schlüsselstellung, weil hier die Auseinandersetzung mit und die Bearbeitung von Texten erfolgt – nicht nur, was ihre lexikografische, sondern auch ihre editorische und fachwissenschaftliche Erschließung betrifft.
Bei der ungeheuren Quantität an Quellen muss sie natürlich Schwerpunkte setzen. Einer davon war schon Thema ihrer Dissertation an der LMU. Darin hat sie sich mit mittelalterlichen Texten zu Jenseits-Visionen befasst. So untersuchte sie beispielsweise ein Werk über die Seereise des heiligen Brendan, eines irischen Abtes, der auf diesem Weg das Paradies sucht und sich zahlreichen Fährnissen gegenübersieht – darunter Begegnungen mit Monstern und Engeln auf diversen Inseln oder mit dem Verräter Judas, der sich von seinen höllischen Folterqualen erholt. „Das ist eine Literatur mit theologischem Anspruch, die sozusagen als Bestseller überliefert ist und in ganz Europa bekannt war.“
Man kann sagen, dass Latein eine ähnliche Rolle spielte wie heute das Englische. Es gab eine große Gemeinschaft von Menschen, deren Muttersprache zwar nicht Latein war, die es aber trotzdem im Alltag verwendeten: in der Liturgie, bei Hof, an der Universität.Katja Weidner
Ein weiteres Thema, mit dem sich Katja Weidner im Rahmen ihrer Habilitationsschrift befasst hat, ist die als „Cambridge Songs“ bekannte Sammlung. Diese Anthologie der Lyrik ist mit den berühmten „Carmina Burana“ vergleichbar. Die „Cambridge Songs“ sind jedoch etwa 200 Jahre älter und stammen aus dem 11. Jahrhundert.
Obwohl die Sammlung lateinische und lateinisch-deutsche Gedichte auch theologischen und historischen Anspruchs enthält, scheinen einige Teile der „Cambridge Songs“ aufgrund ihres erotischen Inhalts zensiert worden zu sein. Dennoch erklärt die Philologin: „Auch solche eher zotigen Gedichte waren in ganz Europa verbreitet und wurden entsprechend rezipiert.“
Dieser Umstand verweist auch auf die Verbreitung des Lateinischen als eine Art „Lingua franca“ im europäischen Mittelalter. „Man kann sagen, dass Latein eine ähnliche Rolle spielte wie heute das Englische. Es gab eine große Gemeinschaft von Menschen, deren Muttersprache zwar nicht Latein war, die es aber trotzdem im Alltag verwendeten: in der Liturgie, bei Hof, an der Universität.“ Natürlich, sagt Weidner, blieb das lange auf die gebildeten und privilegierten Schichten beschränkt. Darunter vor allem Kleriker, aber auch etliche Frauen.
Die Verfasserschaft von Frauen ist ein Forschungsschwerpunkt, den Weidner mit ihrem Team aktuell an der LMU untersucht. Im Fokus der Arbeit steht dabei die Bibelexegese, also die Auslegung beziehungsweise Erläuterung der Heiligen Schrift. „Ich befasse mich derzeit mit dem Buch Rut. Hier konnte ich bereits nachweisen, dass eine Nonne nicht nur Abschriften angefertigt, sondern tatsächlich Teile des Kommentars selbst verfasst hat.“
Die Schwierigkeit allgemein sei, sagt sie, dass die Namen von Autorinnen und Autoren vielfach nicht überliefert seien. „Wir können immer nur Schlüsse aus dem ziehen, was wir vor uns haben.“ Das führe dazu, dass die Forschenden bei fehlendem Namen oder Geschlecht vielfach einen männlichen Autor voraussetzen.
„Wir wollen Methoden entwickeln, die Zuordnungen von Texten zu konkreten Personen ermöglichen.“ Um die Forschung im Hinblick auf Verfasserinnen zu intensivieren, hat Weidner bereits einen Forschungsantrag für einen Mixed-Method Approach eingereicht, der paläographische, stilistische und stilometrische Analysen verbinden wird, um den literarischen Fingerabdruck der Autorinnen zu ermitteln.
Ich befasse mich derzeit mit dem Buch Rut. Hier konnte ich bereits nachweisen, dass eine Nonne nicht nur Abschriften angefertigt, sondern tatsächlich Teile des Kommentars selbst verfasst hat.Katja Weidner
Ein erfolgreicher Nachweis dieser Urheberschaft hieße nichts weniger, so Weidner, als dass eben auch Frauen systematisch am intellektuellen Leitdiskurs im Mittelalter teilgenommen hätten. Denn vor allem die Bibel bot die maßgebliche Orientierung – wie man die Bibel verstand, so verstand man die Welt.
Weidner ist überzeugt, dass durch diese Textuntersuchungen ein besseres Verständnis der geschichtlichen Entwicklung möglich wäre: „Wir wollen den Beitrag der Frauen in dem Korpus der anonymen mittelalterlichen Textproduktion nachweisen", sagt sie, „und daraus folgend die männliche intellektuelle Dominanz relativieren. Wir wüssten dann, dass eine Frau wie Hildegard von Bingen nicht einfach aus dem Nichts gekommen ist“, betont Katja Weidner. Unser Bild des Mittelalters könnte korrigiert werden, was gleichzeitig den Vorteil hätte, eine Vereinnahmung des Mittelalters zu erschweren. Insbesondere in rechtsextremen Kreisen habe das Mittelalter zunehmend an Bedeutung gewonnen.
Vor dem Beginn ihrer Tätigkeit an der LMU war Weidner Assoziierte Professorin für Spät- und Mittellateinische Philologie der Universität Wien.
Von dort bringt sie auch den vierten Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit mit nach München: eine Auseinandersetzung mit dem sogenannten „Alexander-Roman“. „Natürlich ist ‚Roman‘ ein moderner Begriff und passt daher nicht ganz. Was wir hier jedoch vor uns haben, ist ein unterhaltsamer Text, der das Leben Alexanders des Großen nachzeichnet – seine Eroberungen im Osten, seine Begegnungen mit Ungeheuern und sogar eine Reise tief ins Meer in einer gläsernen Taucherglocke“, erklärt Weidner.
Sie und ihr Team untersuchen die verschiedenen Fassungen des Romans unter anderem danach, wie durch Rekombination von Textpassagen immer wieder neue Erzählungen entstanden. „Wir wollen verstehen, wie die Mönche (und Nonnen) in den Klöstern die Texte bearbeitet haben, welche Bestandteile sie pointieren und welche nicht und was der Roman letztlich ist: ein theologisches Werk oder nur eine einfallsreiche Geschichte von vielen.“
Wir wollen verstehen, wie die Mönche (und Nonnen) in den Klöstern die Texte bearbeitet haben, welche Bestandteile sie pointieren und welche nicht und was der Roman letztlich ist: ein theologisches Werk oder nur eine einfallsreiche Geschichte von vielen.Katja Weidner
Es sei auf jeden Fall ein offenes Werk und kein Buch im eigentlichen Sinn. Entsprechend seien bei Abschriften immer wieder Aktualisierungen oder Änderungen eingefügt worden. Eines zeigt dies ganz deutlich: Die Romane sollten unterhalten, aber sie konnten gleichzeitig Vorschläge für ein makelloses Leben liefern und die durchaus unterschiedlichen Interessen der Rezipienten adressieren. „Quellen zeigen, dass das europäische Mittelalter sehr plural war.“ Diese Epoche sei eben mehr als das düstere Bild von Mönchen, die unkreativ irgendwelche Texte abgeschrieben hätten.
Für ihre Forschung setzt Weidner, die seit Kurzem auch Herausgeberin des Mittellateinischen Jahrbuchs ist – einer renommierten Zeitschrift für mediävistische Forschung –, auch auf Kollaborationen, denn die Mittelalterforschung sei an der LMU, vor allem im Zentrum für Mittelalter- und Renaissancestudien, sehr gut vertreten. „Die Münchner Mediävistik ist deutschlandweit einzigartig“, freut sich Weidner.