Philosophie: Wie die frühe Neuzeit unser Weltbild prägte
17.07.2026
Zu den Umbrüchen im Denken der frühen Neuzeit forscht und lehrt Sebastian Bender seit Herbst vergangenen Jahres an der LMU.
17.07.2026
Zu den Umbrüchen im Denken der frühen Neuzeit forscht und lehrt Sebastian Bender seit Herbst vergangenen Jahres an der LMU.
Ist das Feuer ein selbst handelndes Element, das den Ofen erhitzt? So erklärten sich die aristotelischen Philosophen im Mittelalter und in der Spätscholastik kausale Zusammenhänge: als handelnde Dinge oder Akteure in der Natur. Die Dinge in der Welt haben diesem Bild zufolge ‚substantielle Formen‘ und ‚kausale Kräfte‘, vermöge derer sie etwas bewirken. „Mit der Entstehung der modernen Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert wurde das aristotelische Weltbild einer grundlegenden Kritik unterzogen“, weiß Professor Sebastian Bender. Denn mit Erfindungen wie dem Mikroskop oder dem Teleskop oder mit der Begründung der newtonschen Mechanik seien ganz andere Einblicke und Schlussfolgerungen möglich gewesen, die auch die Philosophie dieser Zeit beeinflussten.
Vor diesem Hintergrund interessiert Bender besonders der wissenschaftliche Diskurs von Denkerinnen und Denkern des 17. Jahrhunderts wie René Descartes, Nicolas Malebranche, Gottfried Wilhelm Leibniz, Anne Conway, Baruch de Spinoza, Catherine Trotter Cockburn, David Hume oder auch Immanuel Kant– insbesondere was ihre Beschreibungen von kausalen Zusammenhängen betrifft. Viele dieser Philosophinnen und Philosophien hätten, so Bender, das aristotelische Modell abgelehnt und durch ein ‚mechanistisches‘ ersetzt, das ohne geheimnisvolle Formen oder Kräfte auskommt. „Der Hauptkritikpunkt an der aristotelischen Philosophie war im 17. Jahrhundert, dass etwas behauptet wurde, das nicht beobachtbar und damit auch den empirischen Wissenschaften nicht zugänglich war.“
Dennoch, so stellt er fest, habe man zwar das überkommene Weltbild zum Teil rigoros abgelehnt, aber trotzdem an alten Vorstellungen im Hinblick auf die Kausalität weiter festgehalten: Dass nämlich irgendetwas wirksam sein, handeln müsse. Dies hätte zu seltsamen Theorien geführt, sagt Bender. Etwa der, dass es in der Natur keine Kausalität mehr gebe – der sogennannte ‚Okkasionalismus‘ –, weil vermeintlich handelnde Dinge dort nicht beobachtbar und demnach nicht vorhanden seien. Deshalb sei allein Gott kausal für die Vorgänge in der Welt verantwortlich. Oder gar, dass eine Art Beseelung der Natur vorherrschen müsse. „Solche Annahmen sind natürlich mit einem modernen Weltbild auf den ersten Blick nur schwer ein Einklang zu bringen“, weiß Bender.
Entsprechend habe sich der begriffliche Rahmen der Philosophie des 17. Jahrhunderts zunächst nicht sehr geändert. „Die Anpassung an die Philosophie der Neuzeit war ein gradueller Prozess. Man überwindet zwar die ontologischen Annahmen oder das Verständnis, was das Universum ist. Aber die begrifflichen Annahmen ändern sich nicht so schnell.“
Bender kontextualisiert dieses Thema vor allem anhand von mehreren philosophischen Persönlichkeiten. Dies, sagt Bender, habe den Vorteil, dass man auf diese Weise gut herausarbeiten kann, wie der Diskurs funktioniert hat – etwa in Form von persönlichen Briefen und nicht nur durch öffentliche Publikationen.“
Um sich einem Gesamtbild der neuzeitlichen Philosophie anzunähern, sei es mittlerweile üblich, sich in der philosophischen Forschung nicht mehr nur auf ein oder zwei Exponenten einer bestimmten Denktradition zu konzentrieren, sondern mehrere in den Blick zu nehmen. So können man Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufdecken, die sonst nicht berücksichtigt worden wären.
Ein weiteres wichtiges Thema, das Sebastian Bender im Kontext der Philosophie der frühen Neuzeit behandelt, betrifft die Frage, wie vor dem Hintergrund eines wissenschaftlichen Weltbildes moralische Normen begründet werden können. Während im Mittelalter Gott als Quelle von Moral und Normativität galt, werde diese Vorstellung in der Philosophie des 17. Jahrhunderts zunehmend infrage gestellt und die Welt weniger durch göttliches Wirken, als durch Naturgesetze erklärt.
Wie Bender erläutert, waren die meisten Philosophinnen und Philosophen dieser Zeit zwar keine Atheisten. Dennoch vertraten viele die Auffassung, dass Moral nicht allein auf Gott zurückgeführt werden könne, sondern aus dem Menschen selbst hervorgehen müsse. Damit gewinnt die Frage der Autonomie des Menschen an Bedeutung.
Die Denkerinnen und Denker der frühen Neuzeit standen vor der Herausforderung, innerhalb eines naturwissenschaftlich geprägten Weltbildes die menschliche Handlungsfreiheit und Verantwortung zu bewahren. Sie suchten nach einer innerweltlichen Begründung von Moral und Normen, also nach einer Quelle der Normativität, die nicht ausschließlich auf religiösen Vorstellungen beruht.
Die Anpassung an die Philosophie der Neuzeit war ein gradueller Prozess. Man überwindet zwar die ontologischen Annahmen oder das Verständnis, was das Universum ist. Aber die begrifflichen Annahmen ändern sich nicht so schnell.Professor Sebastian Bender
Neben seiner Forschung zur Philosophie der frühen Neuzeit beschäftigt sich Bender mit dem frühen Werk und Denken Immanuel Kants. Während der berühmte Königsberger Philosoph heute vor allem für seine späten Hauptwerke bekannt sei, untersucht Bender eine weniger erforschte Phase, in der Kant dem Rationalismus noch nahesteht. Gemeinsam mit dem Kant-Spezialisten Professor Andrew Stephenson von der LMU widmet er sich unter anderem der Frage, warum Kant zunächst einen Gottesbeweis entwickelte, diesen später jedoch nicht mehr weiterverfolgte.
Ein weiteres Forschungsfeld ist überdies der Übergang von der scholastischen Vorstellung gemeinsamer menschlicher Wesensmerkmale zu einem stärker individualistischen Menschenbild. Bender untersucht, wie sich nominalistische Positionen im 17. und 18. Jahrhundert durchsetzten und das moderne Verständnis von Individualität prägten. Dabei stehen insbesondere Denker wie Leibniz und Spinoza im Mittelpunkt der Forschung.
Künftig möchte Bender verstärkt die politischen Implikationen frühneuzeitlicher Philosophie erforschen. Ihn interessiert insbesondere die Verbindung zwischen Metaphysik und politischer Philosophie – eine Schnittstelle, die bislang nur selten untersucht wurde. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit aktuellen Debatten der Kausalitätstheorie und setzt dabei auf den Austausch zwischen verschiedenen Teilbereichen der Philosophie. Zu seinen wichtigsten Kooperationspartnern zählen neben Andrew Stephenson, Professor Peter Adamson, Professor Christof Rapp, Professorin Laura Valentini und Professor Christian List, die ebenfalls an der LMU tätig sind.
„Interdisziplinarität ist ein großes Thema in der Wissenschaft“, konstatiert Bender. Dabei gerate, ist er sich sicher, aber manchmal die Intradisziplinarität aus dem Blick: sich mit seinem Fachkolleginnen und -kollegen auszutauschen, um zu wissen, was sie machen und gemeinsame Schnittstellen zu finden. Gerade sein Bereich biete gute Anknüpfungspunkt an die Politische Philosophie oder die Entscheidungstheorie, wie sie Laura Valentini und Christian List repräsentieren.
Vor seinem Wechsel an die LMU lehrte Sebastian Bender an der Universität Göttingen. Promoviert wurde Bender an der Humboldt-Universität Berlin und Forschungsaufenthalten führen ihn unter anderem an die Yale University. Zudem ist Bender Associate Researcher am von der DFG geförderten Human Abilities Centre for Advanced Studies in the Humanities sowie Mitglied des New Voices Center on Women in the History of Philosophy.