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Reden und Vergessen im alten Rom

03.11.2026

Die Latinistin Verena Schulz erforscht, wie Menschen mit Sprache überzeugen, Geschichte beeinflussen und Erinnerungen verändern – und hat seit April den Lehrstuhl für Lateinische Philologie der Antike an der LMU inne.

Ausgerechnet der große Redner Cicero konnte sich als junger Mann schwer Gehör verschaffen. Weil seine Stimme zu schwach war für die langen Reden vor Gericht oder im römischen Senat, zog er einen renommierten Stimmlehrer auf Rhodos zu Rate. Auf der griechischen Insel lernte er unter anderem, Atmung und Bauchmuskulatur gezielt einzusetzen. „Für die politische Karriere im alten Rom war eine kräftige Stimme von klarem Vorteil“, erklärt Professorin Verena Schulz.

„Mich fasziniert, wie Menschen sich und andere von ihren Auffassungen überzeugen und wie sie dabei Stimme, Sprache und Literatur nutzen – von der Antike bis heute“, erläutert Schulz. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen antike Rhetorik und römische Geschichtsschreibung. „Das Beispiel Ciceros zeigt, welche Bedeutung dem gesprochenen Wort in der römischen Gesellschaft zukam“, so die Latinistin. „Wer andere überzeugen wollte, musste nicht nur die richtigen Worte finden, sondern sie auch wirkungsvoll vortragen können.“

Professorin Verena Schulz mit schulterlangen Haaren steht mit verschränkten Armen vor einer hellen Wand. Sie trägt einen schwarzen Blazer über einer mintgrünen Bluse und lächelt freundlich in die Kamera.

Professorin Verena Schulz

© Privat

An der Universität Tübingen studierte Verena Schulz Allgemeine Rhetorik, Lateinische Philologie, Ältere deutsche Sprache und Literatur, bevor sie in Oxford einen Master in „Greek and Latin Languages and Literature“ absolvierte. 2012 wurde sie an der LMU in Lateinischer und Griechischer Philologie promoviert und habilitierte sich dort 2018 in Klassischer Philologie – mit einer Arbeit, für die sie den Förderpreis der Münchener Universitätsgesellschaft erhielt. Forschungsaufenthalte führten sie unter anderem an die Universitäten Berkeley, Princeton, Seattle und Amsterdam. Nach einer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg folgte sie dem Ruf auf eine Professur an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, bevor sie 2026 an die LMU wechselte.

Wirkungsvoller Regelbruch

In München befasst sich die Latinistin unter anderem mit dem Thema des Regelbruchs in der Rhetorik. „Zwar vermitteln Rhetorikratgeber damals wie heute Regeln, die man für eine gelungene Rede beachten sollte", so Schulz. „In der Praxis gibt es aber viele Fälle, in denen gerade das Brechen dieser Regeln eine Rede besonders wirkungsvoll macht – etwa, wenn Vortragende entgegen allen Empfehlungen plötzlich laut werden oder sogar in Tränen ausbrechen.“

Schulz forscht im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten, interdisziplinären Netzwerks „Rhetorik des Regelbruchs: erfolgreich gegen die Norm“, das Konventionsverstöße von der Antikenforschung über die Rechtswissenschaft bis zum Journalismus und zur heutigen politischen Kommunikation untersucht. „Einige Projekte befassen sich etwa mit Ordnungsrufen im Bundestag gegenüber der AfD oder den Regelverstößen eines niederländischen Rechtspopulisten.“ Man untersuche dabei, warum solche Verstöße mitunter zum Erfolg einer Rede führen, aber auch, welchen Stellenwert rhetorische, moralische oder politische Regeln heute bei uns haben – auch im Vergleich zur Antike.

Daneben beschäftigt sich Verena Schulz mit dem gezielten Umgang mit der Vergangenheit – und der Frage, wie Menschen und Gesellschaften Ereignisse bewusst in Vergessenheit geraten lassen. „Während das kulturelle Erinnern bereits seit den 1990er-Jahren intensiv erforscht wird, wird das Vergessen oft etwas stiefmütterlich behandelt“, so die Wissenschaftlerin. „Dabei wurde es oft sehr gezielt eingesetzt, um das Bild von Ereignissen oder Personen zu verändern – vom alten Rom bis in die heutige Zeit.“

Aus Geiz wird Sparsamkeit

Cicero etwa musste als Anwalt nicht selten Menschen verteidigen, die er zuvor einmal angeklagt hatte, erklärt Schulz. „Solche Widersprüche versuchte er rhetorisch abzuschwächen und die Aufmerksamkeit seines Publikums auf andere Aspekte zu lenken.“ Eine weitere Strategie bestand darin, negative Eigenschaften sprachlich umzudeuten: So konnte etwa aus „Geiz“ plötzlich „Sparsamkeit“ werden, um beim Publikum ein anderes Bild entstehen zu lassen.

Wie sich das Bild einer historischen Persönlichkeit im Nachhinein verändern kann, zeige das Beispiel Kaiser Neros. „Zwar war er beim Volk durchaus beliebt, unter anderem wegen seiner Begeisterung für Musik, Theater und öffentliche Auftritte.“ Dennoch zeichneten spätere Geschichtsschreiber wie Tacitus das Bild eines Kaisers, dessen künstlerische Ambitionen und öffentliche Auftritte nicht mit der Würde seines Amtes vereinbar gewesen seien. Schulz untersucht, wie solche Darstellungen die Erinnerung an historische Persönlichkeiten prägten und ihre positiven Seiten in den Hintergrund treten ließen.

Noch heute spielten solche Strategien eine Rolle, so die Wissenschaftlerin. „Politische Reden und öffentliche Debatten zeigen immer wieder, wie durch gezieltes Auswählen, Umdeuten oder Auslassen von Informationen bestimmte Bilder der Vergangenheit entstehen.“ Die Beschäftigung mit der Antike könne helfen, solche Strategien besser zu verstehen. Um sie zu ergründen, verbindet Schulz die Analyse einzelner Wörter und Formulierungen in antiken Texten mit literaturwissenschaftlichen, sprachwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Theorien. „Mitunter gehe ich Hunderte von Textstellen durch, um herauszufinden, wie ein bestimmter Begriff im alten Rom verwendet wurde und welche Bedeutung er in unterschiedlichen Zusammenhängen hatte.“

Alte Texte, neue Fragen

Besonders wichtig ist Schulz der Austausch mit anderen Disziplinen und mit ihren Studierenden, die immer wieder neue Fragen und Perspektiven einbringen. Dass sie an die LMU zurückgekehrt ist, habe gerade auch mit der fachlichen Vielfalt der Universität zu tun. „Schon während meiner früheren Zeit in München schätzte ich es sehr, hier auch immer wieder mit Forschenden anderer Disziplinen ins Gespräch zu kommen.“ Seit ihrer Rückkehr hat sie beispielsweise Kontakte zur Slavistik geknüpft, wo unter anderem zur politischen Rhetorik Wladimir Putins geforscht wird. Auch der Austausch mit Forschenden, die sich mit anderen Sprachen und Kulturen beschäftigen, könne neue Perspektiven eröffnen. „Denn selbst ein scheinbar so selbstverständlicher Begriff wie das Vergessen ist keineswegs überall mit denselben Vorstellungen verbunden.“

Abgesehen von gelegentlichen Papyrusfunden oder der Entzifferung bislang unbekannter Inschriften arbeiten Forschende in der Klassischen Philologie mit einem weitgehend festen Bestand an überlieferten Texten. „Aber auch die seit Jahrhunderten bekannten Werke lassen sich immer wieder aus einem neuen Blickwinkel betrachten“, so Schulz. Ihre eigene Forschung zum strategischen Vergessen zeige, wie sich mit neuen Fragestellungen auch vertrauten Werken bislang wenig beachtete Aspekte abgewinnen ließen. „Denn die alten Texte haben auch heute noch viel zu sagen, wenn man nur die richtigen Fragen stellt.“

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