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Social Media: Warum beim Scrollen die Zeit verfliegt

08.06.2026

Der Kognitionspsychologe Zhuanghua Shi über soziale Medien, Zeitgefühl und Erinnerung

Jugendliche sitzen nebeinenader und blicken in ihre Smartphones

Das Smartphone bindet nicht nur Aufmerksamkeit, Scrollen verändert auch das Zeitgefühl. | © IMAGO / Panthermedia / NomadSoul

Warum vergeht die Zeit auf Social Media oft wie im Flug? Professor Zhuanghua Shi, Leiter des Multisensory Perception Lab am Lehrstuhl für Neuro-kognitive Psychologie der LMU, erforscht, wie das Gehirn Zeit konstruiert. Im Interview erklärt er, warum Scrollen das Zeitempfinden verändert, weshalb selbst ein stummes Smartphone auf dem Schreibtisch Konzentration kostet und wie digitale Dauerreize beeinflussen, woran man sich später erinnert.

Wenn wir durch Apps wie Instagram scrollen, scheint die Zeit nur so dahinzurasen. Wie untersucht die neurokognitive Psychologie dieses Phänomen?

Zhuanghua Shi: Mein Labor erforscht, wie unser Gehirn das Gefühl von Zeit erzeugt. Denn aus neurokognitiver Sicht nimmt es Zeit nicht einfach passiv wahr. Das Gehirn konstruiert unser Zeitempfinden aktiv, im aktuellen Moment durch Aufmerksamkeit und im Rückblick durch Erinnerung.

Beim Scrollen kommt vieles zusammen: Inhalte, die oft individuell auf unsere Interessen zugeschnitten sind, ein ständiger schneller Themenwechsel, die Möglichkeit, selbst durch die Inhalte zu navigieren, und gleichzeitig kein zusammenhängender Erzählfaden. Dadurch binden Social Media unsere Aufmerksamkeit besonders stark. Weil Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle für unser Zeitempfinden spielt, untersuchen wir aktuell, was passiert, wenn sie dauerhaft von solchen Medien beansprucht wird.

Scrollen für die Forschung

Teilnehmerin einer Studie im MSense Lab von Professor Zhuanghua Shi

Teilnehmerin einer Studie im MSense Lab von Professor Zhuanghua Shi | © Aldo Montesano/Plastico Film

Mit welchen Methoden haben Sie das gemacht?

Wir haben das Scrollen gewissermaßen ins Labor geholt und Probandinnen und Probanden vergleichbare Inhalte unter drei verschiedenen Bedingungen gezeigt. In einer Variante scrollten sie selbst aktiv, ähnlich wie bei Instagram. In einer anderen sahen sie sich die Inhalte passiv an, ähnlich wie bei einem Film. Und in der Kontrollvariante sahen sie lediglich ein einzelnes statisches Landschaftsbild. Nach jedem Durchgang fragten wir die Teilnehmenden, wie lange ihnen die gezeigte Zeitspanne vorgekommen war. Außerdem testeten wir, wie gut sie sich an die Inhalte erinnerten.

Während des gesamten Experiments saßen die Teilnehmenden vor einem Bildschirm und trugen eine EEG-Kappe mit Sensoren, die die elektrische Aktivität des Gehirns messen, während gleichzeitig ihre Augenbewegungen verfolgt wurden. Das ist wichtig, weil Aufmerksamkeit nicht nur ein subjektives Gefühl ist, sondern auch objektive Spuren im Gehirn hinterlässt. Bisher haben wir rund 20 Personen untersucht. Die Daten sind zwar noch vorläufig, ein Muster zeichnet sich aber bereits recht klar ab.

Was machen Social Media also mit unserem Zeitempfinden?

Sowohl Scrollen als auch das passive Ansehen bewegter Inhalte lassen Zeit kürzer erscheinen als das Betrachten eines statischen Bildes, wobei das Scrollen den Effekt noch etwas verstärkt. Wenn ein Inhalt beispielsweise 40 Sekunden lang war, schätzten die Teilnehmenden ihn beim passiven Betrachten auf etwa 30 Sekunden und beim Scrollen sogar nur auf rund 27 Sekunden.

Die Eye-Tracking-Daten bestätigen dieses Muster. In beiden Bedingungen mit bewegten Bildern wurden die Blick-Fixationen kürzer und häufiger. Gleichzeitig führte aktives Scrollen zu etwas besseren Erinnerungen als passives Betrachten. Wenn Menschen ihren eigenen Weg durch Inhalte wählen, scheint das die Erinnerung teilweise zu stabilisieren. Scrollen kann dadurch ein Gefühl von Kontrolle erzeugen und den Eindruck vermitteln, man habe etwas Sinnvolles getan, während die Zeit selbst scheinbar verloren geht.

Scrollen und Aufmerksamkeit

Verschwinden diese Effekte, sobald man das Handy weglegt?

Wahrscheinlich nicht sofort, denn Aufmerksamkeit lässt sich nicht einfach abschalten. Ein Teil von ihr bleibt noch eine Zeit lang an der vorherigen Tätigkeit haften – ein Phänomen, das in der Psychologie als „attentional residue“ bezeichnet wird, also eine Art Nachhall von Aufmerksamkeit. Man unterhält sich nach dem Scrollen vielleicht bereits mit jemandem, aber ein Teil des Gehirns sucht noch immer nach dem nächsten Reiz, zu dem man weiterwischen könnte.

Auch das Belohnungssystem kann weiter aktiviert bleiben. Dadurch entsteht dieser Impuls, erneut aufs Handy zu sehen. Doch wenn ein Teil der Aufmerksamkeit ständig woanders bleibt, prägt sich das, was wir gerade erleben, weniger stark ein.
Die gute Nachricht ist allerdings, dass dieser Zustand nicht dauerhaft ist. Oft reichen schon etwa 20 Minuten mit einer zusammenhängenden Tätigkeit, etwa Spazierengehen, Lesen oder ein Gespräch, um wieder präsenter und konzentrierter zu sein.

Lassen sich Ihre Ergebnisse auf Fernsehen, Computerspiele oder Bücher übertragen?

In gewisser Weise schon. Dabei ist nicht nur entscheidend, wie fesselnd ein Medium im Moment ist, sondern auch, was davon später in Erinnerung bleibt. Computerspiele binden zwar im Moment viel Aufmerksamkeit, bieten rückblickend aber meist Orientierungspunkte wie Levels, Ziele oder Wendepunkte. Fernsehen dagegen scheint Zeit sowohl im Moment als auch in der Erinnerung zu verkürzen.

Ein spannender Roman kann die Zeit wie im Flug vergehen lassen. Gleichzeitig hinterlässt seine Handlung aber oft tiefere Spuren als andere Medien, weil wir beim Lesen selbst innere Bilder von Szenen, Figuren und Handlungen erzeugen. Beim Scrollen dagegen vergeht Zeit zwar schnell, zurück bleiben aber oft schwächere Erinnerungen.

Entscheidend ist nicht nur, wie stark verschiedene Medien unsere Aufmerksamkeit binden, sondern auch, wie viel uns davon später im Gedächtnis bleibt. Ein gutes Beispiel ist das sogenannte Urlaubsparadox: Zwei Wochen Urlaub fühlen sich währenddessen erstaunlich kurz an, weil unsere Aufmerksamkeit stark gebunden ist. Im Rückblick aber erscheinen sie viel länger, weil so viele unterschiedliche Eindrücke entstanden sind, die der Zeit Struktur gegeben haben.

Aufwachsen mit Smartphone: mögliche Folgen

Was könnte das für eine Generation bedeuten, die mit Smartphones aufwächst?

Darauf haben wir noch keine vollständige Antwort. In gewisser Weise ist diese Generation selbst noch das Experiment. Aber wir verstehen die zugrunde liegenden Mechanismen inzwischen gut genug, um drei Dinge zu erkennen: Aufmerksamkeit prägt, wie wir Zeit erleben. Das Zeiterleben beeinflusst, was zur Erinnerung wird. Und Erinnerungen sind das Material, aus dem wir die Geschichte unseres Lebens zusammensetzen.

Ältere Menschen berichten oft, dass die Jahre mit zunehmendem Alter schneller zu vergehen scheinen, fast wie eine Beschleunigung des Lebens. Eine mögliche Erklärung könnte derselbe Mechanismus sein, den wir beim Scrollen beobachten: Der Alltag enthält weniger neue Orientierungspunkte und hinterlässt dünnere Erinnerungsspuren. Deshalb könnte dieses Gefühl von Zeitverdichtung, das früher eher mit dem Älterwerden verbunden wurde, heute schon bei Menschen in ihren Zwanzigern oder Dreißigern auftreten. Erlebnisse selbst mögen zwar weiterhin wichtig sein, lassen sich später aber womöglich schwerer zeitlich einordnen, voneinander unterscheiden und lebendig erinnern.

Maßnahmen, um Erinnerung zu schützen

Welche Gegenmaßnahmen empfehlen Sie, damit die Zeit weniger schnell vergeht?

Zunächst einmal hilft es, das Smartphone außer Reichweite zu legen. Studien zeigen, dass selbst ein stummes Handy auf dem Schreibtisch im Hintergrund wie ein Aufmerksamkeitsmagnet wirken kann.

Außerdem sollte man bewusst Raum für Tätigkeiten schaffen, die die Aufmerksamkeit für mindestens zwanzig Minuten binden, etwa Lesen, Spazierengehen, Sport oder echte Gespräche. Auch klare zeitliche Grenzen können helfen, zum Beispiel Smartphone-freie Tages- oder Mahlzeiten. Hilfsmittel wie Bildschirmzeit-Statistiken oder digitale Wellbeing-Tools dagegen helfen oft weniger oder verschärfen das Problem sogar, weil man dafür auch wieder zum Handy greift.

Und um unsere Erinnerungen in einer Welt ständiger Ablenkung durch Benachrichtigungen und Scrollen zu schützen, kann man bewusst Erlebnisse schaffen – etwa indem man etwas Neues ausprobiert, neue Menschen trifft oder Alltagsroutinen durchbricht.

Was bedeutet all das für die Debatte über Altersbeschränkungen bei Social Media?

Ich bin Forscher, kein Politiker. Aber unsere Ergebnisse sprechen dafür, den Einstieg in soziale Medien für Kinder und Jugendliche hinauszuzögern. Während der Jugendzeit reagiert das Belohnungssystem besonders empfindlich auf Reize. Gleichzeitig entwickelt sich die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren und Aufmerksamkeit zu steuern, noch bis weit in die Zwanziger hinein. Schon ein Smartphone in der Hosentasche kann aber Aufmerksamkeit kosten, selbst wenn es gar nicht benutzt wird.

Deshalb reicht es nicht, Jugendlichen einen verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Medien nur nahezulegen. Auch für Alkohol, Glücksspiel oder Autofahren gibt es Altersgrenzen. Angesichts dessen, was wir über Aufmerksamkeit und die Entwicklung des Gehirns wissen, erscheint es sinnvoll, ähnliche Regeln auch bei sozialen Medien zu diskutieren.

Zur Person

Prof. Zhuanghua Shi

Prof. Dr. Zhuanghua Shi | © Zhuanghua Shi (CC BY-ND)

Professor Zhuanghua Shi leitet das Multisensory Perception Lab (MSense) am Lehrstuhl für Neuro-kognitive Psychologie der LMU. Er erforscht, wie das Gehirn Informationen aus verschiedenen Sinnen zusammenführt, wie Aufmerksamkeit Wahrnehmung prägt und wie Kontext und Erwartungen unser Erleben beeinflussen. Seine Forschung verbindet Verhaltensexperimente, Messungen der Hirnaktivität und computergestützte Modellierung. Zudem ist Shi Mitglied der Graduate School of Systemic Neurosciences sowie der Neuroimaging Core Unit Munich.

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