Technologie: Ein kurzes „Ich denk an dich“ schicken
28.01.2026
Wie kann Technik ein Gefühl der Verbundenheit erzeugen, auch über Distanzen hinweg? Interview mit Psychologin Sarah Diefenbach über Möglichkeiten und unerwünschte Effekte neuer Anwendungen
Prof. Sarah Diefenbach (l.) und ihre Mitarbeiterin Angelina Krupp
Professorin Sarah Diefenbach forscht am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Organisationspsychologie. Im Rahmen des Verbundprojekts „Nähe über Distanz“ hat sie zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Angelina Krupp die Entwicklung von Prototypen, die Verbundenheit herstellen sollen, methodisch begleitet und evaluiert.
Wir telefonieren, schreiben uns Nachrichten, zoomen: Was muss eine Technologie haben, damit sie Teil unseres alltäglichen sozialen Austauschs wird?
Sarah Diefenbach: In erster Linie geht es darum, ob eine Technologie eine nützliche Funktion erfüllt. Aktuell sehen wir bei KI, wie schnell sie von vielen Menschen angewendet wird, weil darin ein Vorteil gesehen wird. Oder die Apps auf dem Smartphone: Die meistgenutzten sind oft ganz simple Anwendungen wie der Wecker, die Kamera oder die App für den Öffentlichen Nahverkehr. Damit eine Technologie akzeptiert wird, spielt aber aus psychologischer Sicht auch anderes als das rein Pragmatische eine Rolle. Im weitesten Sinne geht es darum, wie ich mich dabei als Anwenderin fühle. Unterstützt mich eine Technik zum Beispiel dabei, mich als kompetent zu erleben, Neues zu entdecken oder mich mit anderen Menschen verbunden zu fühlen?
Verbundenheit entsteht auch implizit durch Spuren im Alltag, die Krümel auf dem Esstisch, die auf einmal fehlen, wenn der andere auf Reisen ist.
Sarah Diefenbach, Lehrstuhl für Wirtschafts- und Organisationspsychologie der LMU
In einem aktuellen Projekt, an dem Sie beteiligt waren, wurden Technologien entwickelt, die Verbundenheit über Distanz ermöglichen sollen. Wie erleben wir Verbundenheit im direkten Miteinander?
Sich verbunden zu fühlen mit anderen ist eines der grundlegenden Bedürfnisse des Menschen, es ist für uns als soziale Wesen überlebenswichtig. Im Alltag gibt es viele Strategien, um dieses Bedürfnis zu unterstützen. Das können kleine Rituale sein, etwa bei der Begrüßung oder in der Familie der Gute-Nacht-Kuss. In Freundschaften gibt es ganz individuelle Praktiken, wie man sich verbunden zeigt – einander Geschenke machen, Briefe schreiben. Aber Verbundenheit entsteht auch implizit durch Spuren im Alltag, die Krümel auf dem Esstisch, die auf einmal fehlen, wenn der andere auf Reisen ist.
Wie lassen sich solche Alltagsspuren über Technik herstellen?
Da geht es zum einen etwa darum, ein Gefühl der Anwesenheit des anderen zu erzeugen, etwa für Paare in Fernbeziehungen. Dann geht zum Beispiel das Licht in der Wohnung des Partners an, wenn ich selbst nach Hause komme. Das kann sich aber schnell wie eine Art Überwachung anfühlen und dazu führen, dass die Partner sich wundern, warum der oder die andere noch nicht oder schon zuhause ist. Da wird dann unter Umständen die Lampe abgeklemmt, um nicht Rechenschaft ablegen zu müssen. Das zeigt, wie anspruchsvoll es ist, etwas so Sensibles wie Verbundenheit artifiziell zu unterstützen. Solche Technologien können Folgen haben, die man mitdenken muss und ihrer Akzeptanz im Weg stehen können.
Welche Ideen zur Unterstützung von Verbundenheit entstanden in dem Projekt?
Es wurden zum Beispiel Kuscheltiere entwickelt, die taktile Signale übertragen, um die Verbundenheit von Eltern und Kindern zu unterstützen. Oder ein Datenhandschuh, mit dem Angehörige an Personen, die im Krankenhaus oder Pflegeheim sind, Berührung übertragen können. An diesem Beispiel sieht man den schmalen Grat bei der Entwicklung solcher Technologien. Die Vorstellung kann unter Umständen auch ein bisschen gruselig wirken.
Technik als Workaround
Wenn es Technologie gelingt, Nähe zu vermitteln. Kann sie echte Nähe ersetzen?
Durch Technik exakt das gleiche Gefühl wie bei einer direkten Begegnung schaffen zu wollen, ist der falsche Anspruch. Eher kann sie in unterschiedlichen Situationen hilfreich sein. Es ist auch die Frage, ob Technik versucht, etwas zu simulieren, oder neue Erlebnisse schafft. Der Datenhandschuh simuliert nur, die echte Berührung ist wahrscheinlich immer vorzuziehen. Aber es ist ein Workaround für Situationen, wo das nicht möglich ist. Dagegen schafft zum Beispiel das schnelle Senden von Fotos von unterwegs ein Erlebnis, das nur durch Technik möglich ist. Diese leichtgewichtige Form der Kommunikation durch Messenger wird von vielen geschätzt, um miteinander verbunden zu sein: Ein kurzes „Ich denk an dich“ zu schicken, ohne gleich in einen Dialog zu gehen.
Prof. Sarah Diefenbach
lässt bewusst das Handy auch mal weg. „Weil ich schon sehr präsent habe, was damit einhergeht. Alleine dass ein Handy auf dem Tisch liegt, verändert die Gesprächsatmosphäre. Man ist nicht so beieinander, weil man das Gefühl hat, man könnte unterbrochen werden oder der andere könnte sich eine Ablenkung suchen.“
Früher gab es all diese technischen Möglichkeiten nicht. Fühlen sich Menschen heute dadurch verbundener?
Ja und nein. Ich forsche viel zu Social Media. Einerseits bringen die Sozialen Netzwerke mehr Menschen in Kontakt, gleichzeitig ist das ständige Vernetztsein mit allen eine Falle, weil man sich mehr vergleicht, in eine Art Wettbewerb um Follower und Likes eintritt und ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit bekommt.
Es zeigt sich auch, dass reale Kontakte dadurch seltener werden. Selbst Telefonate werden weniger geführt, weil man auf der oberflächlichen Ebene, etwa durch eine Nachricht im Family Chat, schneller miteinander in Kontakt ist. Aber dadurch bekommt man nicht wirklich mit, wie es dem anderen geht.
Viele Reports zeigen, dass das Gefühl der Einsamkeit in der Gesellschaft zunimmt. Da spielt sicher vieles mit hinein, es liegt nicht nur an der Technik, aber sie hat viele Seiteneffekte.
Eine neue Technik bedeutet nicht nur, eine Möglichkeit bereitzustellen. Sie greift oft fundamental in das Erleben von Menschen und deren Bedürfnisse ein.
Sarah Diefenbach , Lehrstuhl für Wirtschafts- und Organisationspsychologie der LMU
Lassen sich diese unerwünschten Nebeneffekte nicht vermeiden?
Es ist sehr herausfordernd, Technik zu gestalten, die ein positives Erlebnis schafft. Viele Features und Funktionen haben Seiteneffekte, die man auf den ersten Blick nicht erkennen kann und für die man Verantwortung übernehmen muss. Sie können sich schnell potenzieren, weil sie so weitreichend sind. Eine neue Technik bedeutet nicht nur, eine Möglichkeit bereitzustellen. Sie greift oft fundamental in das Erleben von Menschen und deren Bedürfnisse ein.
Wir haben daher eine Methode entwickelt, um unerwünschte Seiteneffekte von Technologien bereits im Entwicklungsprozess zu erkennen. Mit einer spielerischen Herangehensweise wird zum Beispiel gefragt: Was wäre, wenn das neue Produkt in die Hände von einer Person käme, die keine guten Absichten hat oder die suchtgefährdet ist? Die Methode wird bereits von Start-ups eingesetzt. Bislang sind die Reaktionen darauf sehr gut.
Fünf Ideen, wie Technologie Nähe über Distanz schaffen kann
Die hier vorgestellten Prototypen wurden von LMU-Studierenden im Rahmen des Experience Design Blockpraktikums im Wintersemester 2024/2025 entwickelt.
Prototyp CoCo: Persönliche Sprachnachrichten können über einen Schlüsselanhänger aufgenommen und an einen Teddybären gesendet werden, der neue Nachrichten mit einem leuchtenden Herz anzeigt und sie bei Berührung abspielt.
Prototyp ScentConnect: Zwei verbundene Duftspender schaffen eine sensorische Verbindung, indem die Bewegung einer Person dazu führt, dass bei einer anderen Person der vertraute Lieblingsduft freigesetzt wird.
Prototyp Tonsor: Ein Würfel ermöglicht das Aufnehmen persönlicher Geschichten, deren Inhalte automatisch transkribiert und in einer App gespeichert werden, wo sie entweder gelesen oder in der Originalstimme angehört werden können.
Prototyp WriteAway: Mit einem interaktiven Briefkasten können handgeschriebene Nachrichten versendet werden, die digital erstellt, an ein zweites Gerät übertragen und dort automatisch auf Papier ausgedruckt werden.
Prototyp BeamTogether: Zwei synchronisierte Lampen mit Lautsprechern schaffen wöchentliche gemeinsame Momente, in denen ein Sonnenuntergang simuliert wird, während das Gespräch nur weitergeht, solange beide Smartphones auf der Lampe liegen.
Sarah Diefenbach und ihr Team haben die sogenannte Cassandra-Methode entwickelt, um mögliche unerwünschte Seiteneffekte neuer Technologien bereits im Prozess der Entwicklung zu erkennen: Publikation: Daniel Ullrich, Eva Bischoff, Sarah Diefenbach: The Cassandra Method: Using Dystopian Visions to Inform Responsible HCI Design and Evaluation. In: Proceedings of the 37th Australian Conference on Human-Computer Interaction (OZCHI '25), 505 – 529, 2025
Mehr zum Projekt:
Website: Nähe über Distanz (gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt)