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„Um Gewalt zu stoppen, muss man versuchen, sie zu verstehen“

03.03.2026

Die Zahl häuslicher Gewalttaten steigt stetig. LMU-Doktorandin Ba Linh Le möchte Risiken frühzeitig erkennen – mithilfe der Web-App „Lizzy“.

2024 wurden in Deutschland mehr als 265 000 Opfer häuslicher Gewalt erfasst, die meisten davon Frauen. Die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher. In der Prävention von Gewalt könnte die KI-gestützte Web-App „Lizzy“ künftig ein wichtiges Tool sein. Denn mit ihrer Hilfe ist es möglich, die Gefahr eines nahenden Gewaltdelikts mit großer Sicherheit vorherzusagen.

„Gefährdungsanalysen entscheiden maßgeblich darüber, wann Betroffene wie viel Unterstützung erhalten“, erklärt die Doktorandin Ba Linh Le (29). Ein Platz im Frauenhaus? Eine elektronische Fußfessel für den Gefährder? Viele Maßnahmen zum Schutz und zur Unterstützung gewaltgefährdeter Frauen und Kinder beruhen auf Gewaltprognosen. „Je größer die Gefahr, desto mehr Leistungen werden bewilligt.“

Junge Frau blickt besorgt auf Smartphone in dunklem Raum.

Mithilfe der App „Lizzy“ des Start-ups Frontline ist es möglich, die Gefahr eines nahenden Gewaltdelikts mit großer Sicherheit vorherzusagen.

© Imago / Rolf Kremming

Ganz vorn mit dabei

Le promoviert in Public Health Interventions am Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung der LMU. Zusammen mit einem Kommilitonen gründete sie in Berlin das Start-up „Frontline“, das „Lizzy“ entwickelt hat.

An der sogenannten Frontlinie arbeiten Fachkräfte, die mit häuslicher Gewalt konfrontiert sind, wie Polizeibeamte und Mitarbeitende in Frauenhäusern, Schutzunterkünften und Beratungsstellen. Unter großem Zeitdruck treffen sie ihre Einschätzungen, die mitunter weitreichende Folgen haben. Ein zentrales Problem ist die stark schwankende Qualität der Urteile. „Selbst erfahrene forensische Psychologen tun sich schwer damit, Gewaltrisiken vorherzusagen“, sagt Le und verweist auf Studien, die zeigen, dass Expertenurteile anfällig für Verzerrungen sind. Standardisierte Instrumente dagegen erhöhen die Trefferquote deutlich.

Letztere kommen zwar auch in Deutschland zum Einsatz, sind aber nicht sonderlich zuverlässig. Denn sie wurden vor Jahrzehnten in den USA und Kanada entwickelt. „Dort funktionieren sie gut“, sagt Le, „aber die Relevanz einzelner Risikofaktoren unterscheidet sich je nach Land und Rechtssystem. Darum lassen sich die Instrumente nicht ohne Weiteres auf den deutschen Kontext übertragen.“

Üblicherweise werden Umfragen zu Gewalt mit Menschen durchgeführt, die bereits entsprechende negative Erfahrungen gemacht haben. Die Web-App „Lizzy“ dagegen wurde auf Grundlage einer repräsentativen deutschen Längsschnittstudie mit 7.400 Befragten entwickelt. Und sagt Risiken erneuter Gewalt mit einer Trefferquote von rund 80 Prozent voraus – deutlich genauer als die bisher in Deutschland verwendeten Instrumente.

Von der Forschung zur Praxis: Entrepreneurship an der LMU

In Spin-offs wie „Frontline“ werden innovative Ideen Wirklichkeit – ein wichtiger Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis, den auch die LMU systematisch fördert.
Um unternehmerisches Denken in der gesamten LMU-Community zu stärken, wird eine neue zentrale Einrichtung für Entrepreneurship und Transfer aufgebaut. Mit verschiedenen Programmen unterstützt die LMU dort die Umsetzung tragfähiger Geschäftsideen von Studierenden und Forschenden. „Uns geht es darum, Innovation zu katalysieren. Dafür konzentrieren wir uns auf die Menschen die hinter den Innovationen stehen. Wir fördern und fordern, wir beraten und vernetzen, wir entfernen Hindernisse und beschleunigen den Transfer in Wirtschaft und Gesellschaft“, so Dr. Philipp Baaske, LMU-Vizepräsident für Entrepreneurship.

Sechs Fragen mit hoher Aussagekraft

Die Handhabung ist denkbar niedrigschwellig. Es gibt eine Kurzversion mit sechs Fragen, deren Beantwortung etwa eine Minute dauert, sowie eine Langversion, die ein umfassenderes Gewaltprofil erstellt.

Die strukturierten Fragen werden den Betroffenen von Fachkräften gestellt und anschließend per App ausgewertet. Dabei führt „Lizzy“ körperliche, sexuelle, emotionale, digitale und finanzielle Gewalt zu einem Gesamtbild zusammen. Weil aus Angst oder Scham direkte Fragen nach körperlicher oder sexualisierter Gewalt häufig nicht ehrlich beantwortet werden, erkundigt sich „Lizzy“ nach sogenannten Stellvertreterindikatoren, die sich in der Forschung als besonders aussagekräftig erwiesen haben: etwa ob ein Partner mit Gegenständen nach dem Opfer geworfen, finanziellen Druck ausgeübt oder E-Mails und Textnachrichten kontrolliert hat.

„Gewalt ist ein Geflecht“

Ban Linh Le spricht mit Mikrofon bei UN Women Paneldiskussion vor lila Hintergrund

Gründerin und LMU-Doktorandin Ban Linh Le spricht auf einem UN Women Event. | © Frontline

Dabei macht sich „Lizzy“ die Tatsache zunutze, dass Gewalt nur selten in einer einzigen Form auftritt. Körperliche Übergriffe gehen häufig mit Kontrollversuchen, sozialer Isolation, finanzieller Abhängigkeit oder digitaler Überwachung einher. „Schwere Gewalt ist fast immer ein Geflecht verschiedener Gewaltformen“, sagt Le.

Liegen die Antworten zu verschiedenen Gewaltdimensionen vor, berechnet „Lizzy“ die Risiken der kommenden drei Monate. Personenbezogene Daten werden dabei nicht erhoben, Fälle anonymisiert erfasst, KI wird ausschließlich als statistisches Werkzeug eingesetzt.

Die Anamnese weist den Weg

Inzwischen wird „Lizzy“ von Beratungsstellen und Schutzeinrichtungen in elf Bundesländern genutzt. Le möchte das weiter ausbauen. Verdient hat das Team mit der App bisher keinen Cent.

An der LMU setzt Le ihre Forschung zum Thema Gefährdungsanalyse und Risiken fort. Sie möchte, dass häusliche Gewalt auch in der Medizin frühzeitig erkannt wird. Etwa durch einige gezielt formulierte Fragen im Rahmen der Anamnese in der Notaufnahme oder Frauenklinik. „Das wäre ganz ohne Mehrkosten möglich“, sagt Le.

Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt

Opfer von häuslicher Gewalt finden an der LMU Unterstützung etwa bei der Münchner Notfallambulanz im Institut für Rechtsmedizin der LMU. Hier werden sie beraten und zeitnah untersucht. Die Dokumentation von Spuren und Beweismitteln ist wichtig, falls später Anzeige bei der Polizei erstattet werden soll.

Keine Glaskugel

Allerdings weiß sie auch: „Gefährdungsanalysen sind keine Glaskugeln, in denen man die Zukunft sieht. Es wird auch niemals ein Tool geben, das Gefahren hundertprozentig vorhersagt. Menschliches Verhalten ist zu variabel.“ Ohnehin seien Gefährdungsanalysen nur der erste Schritt im Kampf gegen häusliche Gewalt. Und doch lohne es sich, um größtmögliche Genauigkeit der Analyse zu ringen. Weil jeder Prozentpunkt an Zuverlässigkeit darüber entscheidet, ob die richtige Hilfe frühzeitig ankommt.

Schwerstarbeit: Unterstützung

Orangene Flaggen hängen am Hauptgebäude der LMU anlässlich der weltweiten UN-Kampagne ‚Orange the World – Stoppt Gewalt an Frauen‘

© LMU

„Die Schwerstarbeit ist das Unterstützungsmanagement danach“, sagt Le. Denn Gewaltopfer brauchen jede Menge Hilfe. Vielleicht ist nach Jahren der Demütigung eine Therapie nötig. Ein neuer Job kann aus der finanziellen Abhängigkeit vom Partner befreien. Ein Platz im Frauenhaus sogar Leben retten.

„Alle in unserem Team haben Erfahrungen mit häuslicher Gewalt gemacht“, erklärt Le. Sie vermutet: „Hätte es Lizzy schon früher gegeben, wäre ich vielleicht nicht von Gewalt verschont geblieben. Aber ich hätte früher Unterstützung erhalten.“

Die orange Bank

Ein augenfälliges Zeichen gegen Gewalt hat die LMU im vergangenen November gesetzt: Die orange Bank, die unter dem UNO-Motto „Stopp Gewalt gegen Frauen“ am Haupteingang steht. Und seit einigen Jahren hisst die LMU auch während der UNO-Aktionswoche „Stopp Gewalt gegen Frauen" am Hauptgebäude die Aktionsflaggen. „Als Universität wollen wir damit Stellung beziehen, ein Zeichen setzen, Bewusstsein fördern und zum Handeln auffordern. Es braucht mehr Menschen wie Ba Linh Le“, so Dr. Margit Weber, Vizepräsidentin für Chancengerechtigkeit, Talentförderung und Diversität.
Zum Schutz vor Diskriminierung, Belästigung und sexualisierter Gewalt an der Universität hat die LMU im Dezember 2023 eine Richtlinie beschlossen. Ziel ist „eine Kultur des Hinsehens“, ausdrücklich ermuntert die LMU Betroffene, Beschwerde einzureichen. Enge Kooperationspartner sind Kriminalpolizei und Frauennotruf.

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