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Vom Krebspatienten zum LMU-Arzt

07.08.2026

Als Patient kämpfte Martin Daiu im Schwabinger Krankenhaus um sein Leben. Heute absolviert er dort auch mit Hilfe der LMU sein Praktisches Jahr.

His experience as a patient continues to shape Martin Daiu´s approach to medicine.

Martin Daiu

setzte sein Medizinstudium trotz einer jahrelangen Krebserkrankung fort und absolviert inzwischen sein Praktisches Jahr. | © LMU

Wenn Martin Daiu heute über die Flure des akademischen Lehrkrankenhauses von LMU und TUM in Schwabing läuft, trägt er Kittel statt Krankenhaushemd. Er bespricht Behandlungspläne, begleitet Visiten und lernt den Klinikalltag kennen. Dabei kommen dem PJ-Studenten immer wieder Erinnerungen hoch. Denn nur wenige Straßen entfernt kämpfte der 33-Jährige über Jahre selbst um sein Leben.

Ursprünglich war Daiu aus Albanien nach Deutschland gekommen, um an der LMU Medizin zu studieren. Der Wunsch entstand schon früh. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihm ein gebrochener Arm mit 13 Jahren. Ein Orthopäde habe damals eine Operation verhindern können. „Die Erfahrung war schmerzhaft, aber zugleich fand ich sie unglaublich faszinierend. Ich war beeindruckt von den Ärzten, und die Röntgenbilder meines Arms hielt ich damals für die besten Fotos, die jemals von mir gemacht worden waren“, lacht er.

Doch kurz nach seiner Ankunft in München änderte sich alles. Im Alter von 21 Jahren erhielt er die Diagnose Hodgkin-Lymphom, eine Krebserkrankung des Lymphsystems, im fortgeschrittenen Stadium. Statt Hörsälen und Prüfungen bestimmten plötzlich Chemotherapien, Rückfälle und lange Krankenhausaufenthalte seinen Alltag.

Jahre zwischen Hoffnung und Rückschlägen

Acht Jahre lang zog sich die Behandlung hin. Mehrere Chemotherapien, Bestrahlungen, Stammzelltransplantationen und verschiedene Immuntherapien folgten. Am stärksten erinnert sich Daiu heute jedoch nicht an medizinische Fachbegriffe, sondern an die Ungewissheit. „Es gab Phasen, in denen mein Leben von Befunden der Positronen-Emissions-Tomographie (PET), Blutwerten und Wartezimmern bestimmt wurde – und nicht von Vorlesungen, Prüfungen und Zukunftsplänen.“

Zusätzlich erschwerte seine Situation, dass er als ausländischer Student weitgehend auf sich allein gestellt war. „Meine Familie reiste ständig zwischen Deutschland und Albanien hin und her. Wir mussten uns in einem Gesundheitssystem zurechtfinden, das wir kaum kannten, während gleichzeitig die Möglichkeit im Raum stand, dass ich die Erkrankung nicht überleben könnte.“ Gegen Ende der Behandlung schätzten die Ärztinnen und Ärzte seine langfristigen Überlebenschancen auf unter 40 Prozent.

Als letzte Chance auf Heilung erhielt Daiu 2021 eine zweite Stammzelltransplantation. Fünf Wochen verbrachte er in Isolation. Im September desselben Jahres kam schließlich die Nachricht, auf die er so sehnsüchtig gewartet hatte: Der erste vollständig unauffällige PET-Befund. Seitdem gibt es keine Anzeichen mehr für eine aktive Krebserkrankung.

Die Erfahrungen als Patient prägen bis heute Martin Daius Verständnis vom Arztberuf.

Den Traum vom Medizinstudium hatte er trotz allem nie aufgegeben. „Für mich waren das Hodgkin-Lymphom und der Abschluss an der LMU irgendwann zwei Seiten derselben Medaille geworden. Ich konnte mir das eine nicht ohne das andere vorstellen.“ Dass ihm das gelang, führt er auch auf die Unterstützung der LMU zurück. Mitarbeitende des Prüfungsamts, der Studienkoordination und einzelne Lehrende hätten ihm ermöglicht, sein Studium immer wieder zu unterbrechen und fortzusetzen. „Die Anforderungen wurden nie gesenkt, aber niemand hörte auf, daran zu glauben, dass ich ihnen gerecht werden könnte.“ Weniger als ein Jahr nach dem unauffälligen PET-Befund bestand er den Ersten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung, inzwischen auch den Zweiten.

Der Perspektivwechsel beschäftigt ihn bis heute. Die Flure, die er früher als Patient mit Sorge betreten habe, kenne er heute aus einer anderen Perspektive. Vieles habe sich verändert. Auch die onkologische Abteilung der Klinik in Schwabing, in der er über Jahre behandelt worden sei, existiere inzwischen nicht mehr. Das stimme ihn nachdenklich. Zugleich erlebt er als angehender Arzt, unter welchem Druck viele Kliniken heute stehen.

Während seiner Behandlung habe er außergewöhnliche Professionalität und Menschlichkeit erlebt, erzählt Daiu. Als seine Ärztinnen und Ärzte erfuhren, dass er Medizin studierte, hätten sie oft scherzhaft gesagt, sie würden sich besonders gut um einen zukünftigen Kollegen kümmern. „Damals war das ein netter Scherz. Heute bedeutet dieser Satz für mich deutlich mehr.“ Rückblickend denke er nicht zuerst an akademische Erfolge, sondern an die Menschen, die ihn begleitet hätten. „Ich denke an ihre Großzügigkeit, ihre Ermutigung und an das stille Vertrauen, das sie einem verängstigten jungen Studenten entgegenbrachten.“

Die Perspektive des Patienten bleibt

Seine eigene Krankengeschichte prägt inzwischen auch seinen Blick auf den Arztberuf. „Ich habe gleichzeitig zwei Ausbildungswege durchlaufen. Der eine war das Medizinstudium. Der andere war die Schule des Patientseins.“ Fast acht Jahre habe er „in der ersten Reihe der Medizin“ gesessen – allerdings auf der anderen Seite des Sprechzimmers. Noch bevor er lernte, Anamnesen zu erheben oder Arztbriefe zu schreiben, habe er erfahren, wie es sich anfühlt, auf Diagnosen zu warten und das eigene Leben in die Hände eines Behandlungsteams zu legen. Diese Erfahrungen könnten ihm kein Lehrbuch vermitteln.

Für Daiu ist deshalb klar, dass gute Medizin weit über Diagnosen und Therapien hinausgeht. Fachliche Kompetenz sei unverzichtbar, genauso wichtig seien aber Zeit, Ehrlichkeit und Menschlichkeit im Umgang mit Patientinnen und Patienten.

Dass er heute selbst angehender Arzt ist, erscheint ihm manchmal noch immer unwirklich. Wenn er durch das Klinikum geht, begegnet er Orten, die früher mit Angst verbunden waren und heute Teil seines Arbeitsalltags sind. „Niemandem würde ich eine Krebserkrankung wünschen. Aber jedem Menschen, der sich ihr stellen muss, wünsche ich dieselbe Hingabe, Fachkompetenz und Menschlichkeit, die ich erfahren durfte.“

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