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Warum Stereotype beim Lernen stören

09.02.2026

Erst kleingemacht, dann klein geblieben: Stereotype beeinflussen die Selbstwahrnehmung von Kindern und verschärfen dadurch Ungleichheit. Lernpsychologin Sarah Hofer forscht darüber, wie es besser geht.

Prof. Dr. Sarah Hofer

Sarah Hofer

ist Professorin für Lehr-Lernforschung an der LMU | © LMU

Sarah Hofer ahnt, dass sie gegen einen Riesen ankämpft. Die Psychologin zeigt in ihrer Forschung auf, wie gesellschaftliche Stereotype das Selbstkonzept und die Leistung von Kindern verändern und negativ beeinflussen. Doch diese Stereotype sitzen nicht nur hartnäckig fest in den Köpfen von Eltern und Lehrkräften, sondern werden mitunter auch wirtschaftlich ausgeschlachtet und verstärkt, etwa wenn Kinderspielzeug und -kleidung nach Farben getrennt angeboten werden: blau für Jungen und rosa für Mädchen. Die meisten Spielsachen, bei denen es um Konstruktion und Technik geht, sind demnach in Jungs-Farbton gehalten, alles was mit Tieren und Puppen zu tun hat, darf gern rosa sein.

Das bedient das vorherrschende Stereotyp, wonach die Neigung zu Technik und Kompetenz in Naturwissenschaften eine Frage des Geschlechts seien. Doch Sarah Hofer weiß, dass dem nicht so ist: „Es gibt biologisch überhaupt keinen Grund dafür, warum Mädchen weniger geeignet für MINT-Fächer sein sollten als Jungs.“ Das belegen auch Studien, etwa die der französischen Neurowissenschaftlerin Pauline Martinot, die 2025 in Nature veröffentlicht wurde: Im Kindergartenalter zeigen sich keine Unterschiede nach Geschlecht bei den mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenzen. Erst in der Schule werden die Noten von Jungs in Mathe durchschnittlich besser als die von Mädchen.

Es trifft alle, nicht nur Einzelne

Eine Folge davon: Es studieren deutlich weniger Frauen als Männer die sogenannten MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften. Im Fach Informatik waren zum Beispiel nur 23 Prozent der Erstsemester-Studierenden im Jahr 2024 weiblich, und die Tendenz ist laut Statistischem Bundesamt fallend.

„Es kann nicht daran liegen, dass sich Frauen inhärent nicht dafür interessieren, vor allem auch weil Technik gesellschaftlich eine so breite Relevanz hat“, sagt Sarah Hofer und verweist darauf, dass Jungen ebenso Stereotypen ausgesetzt sind, die ihren Bildungs- und Lebensweg beeinflussen. „So wie es den Nachteil für Mädchen in den Naturwissenschaften gibt, gibt es einen für Jungs für alle sozialen Berufe.“ Dabei fehlen in Schulen und Kindergärten männliche Erzieher. „Es würde den Jungen und der ganzen sozialen Dynamik in pädagogischen Einrichtungen so zugutekommen, wenn es männliche und weibliche Fachkräfte gäbe. Stereotype und wie sie wirken hat Folgen, die für alle und die Gesellschaft als Ganzes nicht unbedingt gut sind.“

Prof. Dr. Sarah Hofer

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1:29 | 09.02.2026

Wann Stereotype zu greifen beginnen

Dabei beginnt der Mensch sein Leben als vermeintliches Superhirn. „Kleine Kinder denken, dass sie alles gut können. Leider verändert sich das im Laufe der Schulzeit, auch durch die Rückmeldungen, die Schülerinnen und Schüler erhalten. Dazu kommt der Vergleich mit anderen und der eigenen Fähigkeiten in verschiedenen Fächern. Wir glauben, dass das ein wichtiger Moment ist, an dem Stereotype zum Wirken kommen“, sagt Sarah Hofer. Die Professorin für Lehr-Lernforschung am Lehrstuhl für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie der LMU will den Moment rekonstruieren, an dem sich das Selbstkonzept bei Kindern ausdifferenziert. Dazu gehört die Vorstellung davon, was sie selbst gut können und was nicht.

Sarah Hofer hat deswegen zusammen mit Silke Bodenberger für eine Studie ein Instrument entwickelt, mit dem sie die Interessen und das Selbstkonzept von Kindern ab der Vorschule bis zur vierten Klasse untersucht. Die Kinder geben dafür bei einer Befragung mithilfe spielerischer Elemente auf einem Tablet an, welche Tätigkeiten sie interessieren und welche sie sich zutrauen. „Wir wollen herausfinden, ob und – wenn ja – wann beides auseinandergeht und ob wir hier Unterschiede finden in Abhängigkeit des Geschlechts oder auch des sozialen Hintergrunds.“

Wenn Kinder nicht an sich glauben

Denn nicht nur Geschlechtsstereotype schlagen sich negativ auf die Leistung nieder. Auch gängige Vorstellungen über den sozio-ökonomischen Status und welche Wirkung dieser auf Bildungswege hat, beeinflussen das Lernverhalten von Kindern. Das hat Sarah Hofer auf Basis von Daten der Schulleistungsstudie Pisa gezeigt. Untersucht wurden dabei verschiedene Variablen der Selbstwahrnehmung, zum Beispiel, welche Annahmen Kinder über ihre schulischen Leistungen haben und welche Einstellung darüber, inwiefern sie ihre Fähigkeiten verändern können. Auch ihre Angst vor Misserfolgen wurde erfasst. Das Ergebnis belegt, dass Kinder aus Familien mit niedrigem sozio-ökonomischem Status weniger an sich und ihren Lernerfolg glauben. Sie machen sich offenbar niedrige Erwartungen an sie aufgrund ihrer Herkunft selbst zu eigen.

„Die Selbstwahrnehmung ist ein ganz wichtiger Faktor für Leistung. Wir sehen in unserer Studie, dass sie bei Kindern aus Familien mit niedrigerem sozio-ökonomischem Status einen negativen Einfluss auf die Performance hat“, sagt Sarah Hofer und erklärt: „Stereotype schlagen sich darin nieder, wie man sich als Person selbst sieht. Die Theorien, die wir über uns haben, werden von der Kultur beeinflusst und den Stereotypen, die dort vorherrschen. Das trifft auf den angeblichen Zusammenhang zwischen Geschlecht und mathematisch-naturwissenschaftlichen Fähigkeiten genauso zu wie auf Vorstellungen, wie der sozio-ökonomische Status mit schulischen Leistungen und später einer möglichen akademischen Karriere zusammenhängt.“

Wie Stereotype wirken

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Stereotype können sich auf das Verhalten der Betroffenen auswirken und spielen auch in Prüfungssituationen eine ungute Rolle. „Stereotype können beeinflussen, welche Situationen ein Kind aufsucht und welche es meidet, mit was es sich näher auseinandersetzt und wofür es letztlich Interessen entwickelt“, sagt Sarah Hofer.

Zudem können sie in Prüfungssituationen Stress und Angst auslösen. „Betroffene setzen sich damit auseinander, dass sie die Prüfung wahrscheinlich nicht gut meistern können, und haben Angst. Das wirkt sich dann tatsächlich auf die Leistung aus. Die Auseinandersetzung mit dem Stereotyp bindet so viele kognitive Ressourcen, dass weniger davon zur Verfügung stehen, um die Aufgaben zu bearbeiten.“

Über die Zeit verfestigt sich so ein bestimmtes Selbstbild und die Kinder geraten in einen Teufelskreis, der sich immer weiter verstärkt. Sarah Hofer beschreibt ihn so: „Bei Mathe denkt ein Kind dann zum Beispiel, dass die Erfolgsaussichten den Lerneinsatz nicht lohnen. Es schreibt der Beschäftigung mit Mathe keinen so hohen Wert zu in der Annahme, dass Mathe „nichts für mich ist“ und sowieso keine guten Leistungen erwartet werden. Wenn ein Kind erst einmal zu diesem Schluss kommt, ist es nicht mehr motiviert, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, und sucht auch keine Situationen auf, in denen es seine Kompetenz verbessern könnte. Wenn es in der Folge Misserfolgserfahrungen macht, bestätigt das seine niedrigere wahrgenommene Selbstwirksamkeit. Es ist ganz schwierig, da rauszukommen.“

Dagegen helfen könnten sogenannte adaptive Unterrichtsansätze, gegebenenfalls unterstützt durch den Einsatz digitaler Lernsysteme, bei denen Kinder direkt individuelle Rückmeldungen zu ihrer Leistung erhalten und die auf die Entwicklungspotenziale statt auf das Nichtkönnen fokussieren, diese in ihrem Kompetenzerleben in allen Fächern unterstützen. „Wenn Schülerinnen und Schüler sehen, wo sie stehen und was sie schon können, wäre das sehr hilfreich, um frühzeitig Motivationsproblemen vorzubeugen, die durch Stereotype entstehen können. Ganz ähnlich konnten wir beispielsweise zeigen, dass an das Können der Schüler und Schülerinnen angepasste Aufgabenschwierigkeiten in Mathematik speziell für Kinder mit eher geringeren Vorkenntnissen und wenig Mathe-Interesse lernförderlich sind. Solche Aufgaben erlauben den Kindern, Kompetenz zu erleben statt an zu schweren Aufgaben zu scheitern – oder sich mit zu leichten Aufgaben zu langweilen.“

Auch Lehrkräfte bewerten mitunter nach Stereotyp

Sarah Hofer untersucht auch, wie sich Stereotype auf die Arbeit von Lehrkräften auswirken. In einer Studie konnte sie nachweisen, zu welch voreingenommenen Bewertungen das führen kann: Dieselbe Physikaufgabe wurde mit derselben Lösung an praktizierende Lehrkräfte und Lehramt-Studierende gegeben mit der Bitte, diese zu bewerten. Dabei wurde auf der Lösung mal vermerkt, dass sie von einer Schülerin sei, mal von einem Schüler. „Vor allem bei den Lehrkräften mit weniger Erfahrung wurde das Ergebnis der vermeintlichen Schülerin signifikant schlechter bewertet. Mit zunehmender Erfahrung hat sich der Effekt weniger gezeigt. Das liegt möglicherweise daran, dass das Bewerten von Aufgaben mit zunehmender Erfahrung routinierter erfolgt, oder auch daran, dass die Erfahrung das Stereotyp überschreibt“, sagt Sarah Hofer.

Die Psychologin möchte dieses Ergebnis keinesfalls als Schuldzuweisung an junge Lehrkräfte verstehen. „Es ist generell so, dass Menschen in Situationen, in denen sie eher überfordert sind, zu Heuristiken greifen. Das ist ein Mechanismus der kognitiven Architektur und Informationsverarbeitung des Gehirns, den Menschen in gewisser Weise brauchen, weil sie so viele Informationen in jeder Sekunde aufnehmen und filtern müssen. Heuristiken helfen, schneller entscheidungsfähig zu sein. In der Studie war die Lösung der Physikaufgabe nicht einfach zu bewerten, da sowohl korrekte als auch falsche Aspekte enthalten waren. Gerade diese Schwierigkeit hat vermutlich unbewusst das Stereotyp als eine Art Heuristik getriggert, sodass die Informationen zum Geschlecht und die Rückschlüsse, die man daraus zog, in die Bewertung mit eingeflossen sind.“

Um solche Situationen und verzerrte Bewertungen zu vermeiden, könnten Musterlösungen helfen, bei denen es klare Vorgaben und Lösungsschablonen gibt, wie bei der Bewertung vorzugehen ist. Auf diese Weise kann die Überforderung in der Bewertungssituation reduziert werden – und dadurch auch der Rückgriff auf Stereotype.

Die Studie von Sarah Hofer hat das Problem beispielhaft für das Fach Physik und für Geschlechtsstereotype untersucht, doch auf Stereotypen basierende Zuschreibungen und Bewertungen können alle Fächer und verschiedene Personengruppen treffen. So gebe es etwa Studien, die zeigen, dass Jungs bei der Bewertung von Deutsch-Aufsätzen schlechter bewertet werden.

Keine Unterschiede machen

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„Interessen wecken, unabhängig von Stereotypen“
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Damit Kinder gar nicht erst in solch einen negativen Teufelskreis geraten und sich nicht in bestimmten Bereichen inkompetent fühlen, müssten viele an einem Strang ziehen, um die gesellschaftlich verankerten Stereotype aufzulockern.

Die Möglichkeit, adaptiven Unterricht mit oder ohne digitale Technologien in der Schule umzusetzen, um bei allen alle Kompetenzen zu fördern, ist das eine. Sarah Hofer nennt außerdem als positives Beispiel pädagogische Projekte, bei denen Mentorinnen und Mentoren Kindern schon früh als Vorbilder für Stereotyp-untypische Karrieren an die Seite gestellt werden. „Natürlich bräuchte es das entsprechende gesellschaftliche Umfeld, aber man kann auch durch diese Interventionen, die am Kompetenzerleben und Selbstbild ansetzen, relativ viel bewirken.“

Die Familien selbst sowie Bezugspersonen in Bildung und Freizeit könnten verstärkt darauf achten, „wirklich keinen Unterschied zu machen zwischen, zum Beispiel, Jungs und Mädchen, etwa bei den Aktivitäten, die vorgeschlagen werden.“ Sarah Hofer empfiehlt, auch sensibel zu sein für die indirekten Botschaften, die man laufend und zum Teil unbewusst in der Kommunikation mit Kindern sendet.

„Natürlich interessieren sich Menschen für unterschiedliche Dinge“, sagt Sarah Hofer. „Aber es darf nicht einschränkend sein in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Stereotypen, die vorgeben, was einen zu interessieren hat und was man kann oder nicht, sodass ganze Gruppen von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ihres Geschlechts bestimmte Bereiche und Inhalte gar nicht erst näher kennenlernen. Vielmehr sollte jedes Kind die Chance haben, entsprechend seiner individuellen und auch wechselnden Interessen, Neigungen und Fähigkeiten ganz unterschiedliche Dinge auszuprobieren, um herauszufinden, was es gut kann und was ihm Spaß macht – unabhängig von Stereotypen.“

Zur Person:

Sarah I. Hofer hat seit April 2022 die Professur für Lehr-Lernforschung an der LMU inne.

Mehr zur Forschung von Sarah Hofer:

Projekt: Self-Perceptions and Social Disparities in Education

Im Text erwähnte Publikationen:

Sarah I. Hofer u.a.: Self-perceptions as mechanisms of achievement inequality: evidence across 70 countries. In: npj Science of Learning 2024

Sarah I. Hofer, Frank Reinhold: Scaffolding of learning activities: Aptitude-treatment-interaction effects in math? In: Learning and Instruction 2025

Sarah I. Hofer: Studying Gender Bias in Physics Grading: The role of teaching experience and country. In: International Journal of Science Education 2015

Weitere Studie zum Thema:

P. Martinot et al.: Rapid emergence of maths gender gap in first grade. In: Nature 2025

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