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Wie fühlen Sie sich gerade?

27.04.2023

Das PhoneStudy-Team an der LMU untersucht, wie digitale Datenspuren dabei helfen, die Psyche des Menschen zu verstehen und sein Verhalten vorherzusagen.

„Man kann sich mit diesen Daten lange beschäftigen. Da steckt so viel drin“, sagt Dr. Ramona Schödel. Die Psychologin am Lehrstuhl für Psychologische Methodenlehre und Diagnostik bei Professor Markus Bühner ist Expertin für Mobile Sensing. Mit der Methode werden digitale Daten, die Nutzerinnen und Nutzer ständig mit ihrem Smartphone produzieren, ausgewertet, um psychologische Fragestellungen zu beantworten.

Ramona Schödel mit Smartphone in der Hand

Ramona Schödel untersucht, was digitale Datenspuren über den Menschen verraten können. Bilden sie zum Beispiel ab, wie sich eine Person in einer bestimmten Situation fühlt?

© LMU

Das Ziel ist, den Menschen besser zu verstehen, als dies bislang mit klassischen Methoden der Psychologie möglich ist. Der Weg dahin besteht darin, anhand seiner digitalen Daten seine Persönlichkeit und sein Verhalten zu beschreiben. Der passende Begriff dafür: digitale Phänotypisierung. In der Fach-Community wird darin so viel Potenzial gesehen, dass sie gar als „Quantensprung“ bezeichnet wird, so das Urteil in einem einführenden Artikel in der Fachzeitschrift Psychologische Rundschau. Für Ramona Schödel und ihr Team im Projekt „PhoneStudy“ ist eine der vordringlichsten Forschungsfragen daher momentan: Wie gut lassen sich Persönlichkeit und Verhalten in der analogen Welt anhand der digitalen Daten wirklich abbilden? Um das zu testen, haben sie eigens eine App entwickelt.

Was Likes verraten

Einige Studien der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie viel Persönliches digitale Spuren verraten können. So reichen 260 Likes, abgegeben auf einer Plattform der sozialen Medien, um die Persönlichkeit eines Menschen vorherzusagen. Und im Rahmen des PhoneStudy-Projekts wurde bereits gezeigt, dass allein anhand von reinen Nutzungsdaten, also zum Beispiel wie oft und welche Apps genutzt werden, Rückschlüsse auf die sogenannten Big 5, die fünf wichtigsten Persönlichkeitsdimensionen, möglich sind. So lassen etwa Informationen zum Tag-und-Nacht-Rhythmus bei der Smartphone-Nutzung Aussagen über die Gewissenhaftigkeit einer Person zu.

Und doch erlebt Ramona Schödel immer wieder überraschende Momente, wenn sie die gesammelten Daten auswertet. Neuere Untersuchungen im Projekt, die teilweise noch unveröffentlicht sind, zeigen, dass die Aussagekraft der digitalen Daten auch Grenzen hat.

Das Privacy-Paradox

Wer an einer Studie im Rahmen des Projekts teilnimmt, lädt sich eine App auf das Smartphone, die PhoneStudy-App. Die Datenschutz-Anforderungen an App und jede Studie sind sehr hoch, auch die zuständige Ethik-Kommission ist jedes Mal eingebunden.

Teilnehmenden wird daher als Erstes eine ausführliche Datenschutzinformation angezeigt. Das ist der Moment, wo viele abbrechen. Für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist das einerseits frustrierend, andererseits aber genau das, was sie erwarten: „Was wir erfassen, tracken auch Technologieunternehmen, die Smartphones und Apps anbieten. Aber wenn Sie an einer unserer Studien teilnehmen, bekommen Sie erst ein paar Seiten Datenschutzinfo. Wir sehen an der Abbruchquote an dieser Stelle, dass potenziell Teilnehmende davon abgeschreckt sind. Auf der anderen Seite bin ich mir sicher, dass dieselben Personen viele gängige Apps nutzen. In der Forschung ist das als Privacy-Paradox bekannt: Wenn der Mehrwert groß genug ist, wird ein digitales Angebot auch dann genutzt, wenn dafür sehr sensitive Daten hergegeben werden müssen.“

Dazu kommt, dass sich in der Welt der kommerziellen Anbieter Datenschutz-Infos schnell mit einem Häkchen wegklicken lassen und dann womöglich gar nicht so bewusst wahrgenommen werden. Die wissenschaftlichen Studien, die mittels Mobile Sensing seit einigen Jahren publiziert werden, zeigen der Öffentlichkeit nun immerhin punktuell, welche Informationen Nutzerinnen und Nutzer digitaler Medien tagtäglich von sich preisgeben, ohne groß darüber nachzudenken.

Strukturen in Daten erkennen

Dr. Ramona Schödel .

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Psychologie und Pädagogik der LMU und Leiterin des interdisziplinären Forschungsprojekts PhoneStudy am Lehrstuhl für Psychologische Methodenlehre und Diagnostik

Die PhoneStudy-App wurde in Zusammenarbeit mit Medieninformatikerinnen und -informatikern erstellt und wird laufend weiterentwickelt. Sie zeichnet digitale Daten, die bei der Nutzung des Smartphones laufend entstehen, unbemerkt im Hintergrund auf. „Wir überlegen uns zielgerichtet, welche Daten wir für eine konkrete inhaltliche Fragestellung brauchen. Wenn es zum Beispiel darum geht, den Bewegungsradius zu erfassen, zeichnen wir auch GPS-Daten auf. Es gibt aber auch Studien, wo das nicht relevant ist. Unsere App ist modulartig aufgebaut, sodass wir das beliebig an- und abschalten können.“

Kombiniert werden diese reinen Nutzungsdaten mit der sogenannten Experience-Sampling-Methode: Den Teilnehmenden werden mehrfach über den Tag hinweg kurze Nachrichten an das Handy geschickt mit Fragen wie „Wie fühlen Sie sich gerade?“.

So wollen die Forscherinnen und Forscher die Puzzlestücke des Alltags entdecken, die ihnen für die Persönlichkeitsforschung relevante mögliche Zusammenhänge aufzeigen: Was passiert zum Beispiel in der Umgebung der Personen oder in ihrem Verhalten, wenn sie sich besonders schlecht oder gut fühlen? Und lässt sich anhand der Daten sogar die subjektive Wahrnehmung eines Moments vorhersagen?

Zunächst liefert die App aber „rohe“ Daten, wie Schödel dazu sagt. Zum Beispiel zeigt die Datenbank auf dem Server dann lauter Zeitstempel, zu denen eine bestimmte App genutzt wurde. Diese Informationen werden erst interessant, sobald sie gezielt durchforstet werden. Die Software-Codes arbeiten sich in der Regel mehrere Tage durch die Datenberge.

Eine App, viele Studien

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In erster Linie konzipiert das Team am Lehrstuhl für Psychologische Methodenlehre und Diagnostik Studien, um herauszufinden, welche Rückschlüsse Mobile Sensing überhaupt erlaubt. Doch die Möglichkeiten der Anwendung sind so breit und das Interesse in Fachkreisen so hoch, dass auch inhaltliche Fragestellungen untersucht werden. Sie zeigen beispielhaft, wie das Wissen über die digitalen Daten den Menschen und der Gesellschaft zugutekommen können.

Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen an den Universitäten Münster und Osnabrück untersucht das Team zum Beispiel den Umgang mit Krisen. Das CoCo-Projekt startete noch während der Coronapandemie im Jahr 2021. Dann kam der Ausbruch des Kriegs gegen die Ukraine. Wie sich all diese Krisen auf das Wohlbefinden der Menschen auswirken, das untersuchen die Forscher und Forscherinnen aktuell deutschlandweit in einer großen Mobile-Sensing-Studie.

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Auch Frank Niklas, Professor für Pädagogische Psychologie und Familienforschung an der LMU, verwendet die App. Im Rahmen des Projekts „Learning4Kids“ untersucht er mit ihrer Hilfe, wie Kinder mit Tablets interagieren. So lässt sich besser verstehen, wie Lern-Apps funktionieren und wie damit Kinder unterstützt werden können, die in bildungsfernen Familien aufwachsen.

In Kooperationen mit dem Leibniz-Institut für Psychologie und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin im Rahmen der SOEP-Innovationsstichprobe wird die App auch für Befragungen über längere Zeiträume eingesetzt.

Noch ist es eine Zukunftsvision, aber Ramona Schödel könnte sich vorstellen, mit „gut begründeten Fragestellungen“ Personen über Jahre hinweg mit der App zu begleiten. Das ist zum Beispiel im Bereich der psychischen Gesundheit nicht nur aus Forschungssicht interessant. „Es gibt von anderen Forschungsgruppen erste Arbeiten darüber, wie digitale Daten zur Erkennung von Depressionen beitragen können. Depressive Patienten haben zum Beispiel einen eingeschränkten Bewegungsradius, ziehen sich zurück. Das sind Indikatoren, die man gut übers Handy erfassen kann und mit deren Hilfe sich Frühwarnsysteme zur Prävention entwickeln lassen würden.“

Bis dahin wird das PhoneStudy-Team weiter darüber forschen, was Mobile-Sensing-Daten überhaupt verraten, und lernen, die digitalen Spuren des Menschen zu lesen.

Unschlagbar scheint das Smartphone, wenn es darum geht, Verhalten zu erfassen. Während der Mensch dazu neigt, sich selten ganz genau zu erinnern, etwa bei der Frage „Wie oft haben Sie Ihr Smartphone heute genutzt?“, zeichnet die App das einfach mit.

Die Forschenden wissen inzwischen aber auch, dass die Aussagekraft des Daten-Tracking Grenzen hat, etwa wenn es darum geht, die aktuelle Stimmung einer Person einzuschätzen. „Über etwas sehr Subjektives wie das emotionale Empfinden können Personen viel besser Auskunft geben, als dies digitale Daten jemals könnten“, sagt Ramona Schödel. Was für die Forschung eine Ernüchterung sein mag, klingt aus Sicht von Nutzerinnen und Nutzern beruhigend: dass der Mensch zumindest in mancher Hinsicht selbst doch mehr über sich weiß als sein Smartphone.

Das PhoneStudy Projekt: Mehr zu Projekt, App und Studien

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