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Wissenschaft und Kultur: Eine Bühne für einst vergessene Dramatikerinnen

04.03.2026

Anna Axtner-Borsutzky erforscht gemeinsam mit ihrem Team Dramatikerinnen aus dem 18. und 19. Jahrhundert und ihre Werke. Nun werden Stücke, die sie im Rahmen ihrer Forschung wieder sichtbar gemacht hat, am Theater aufgeführt.

Zwei Frauen sitzen an einem festlich geschmückten Tisch bei einer Lesung

Gabriele Drechsel (links) und Stefanie Steffen (rechts) lesen „Dido“ am Staatstheater Darmstadt.

(Ausstattung: Katharina Heldner, Regie: Olivia Müller-Elmau) | © Carlotta Huys

Literaturwissenschaftlerin Dr. Anna Axtner-Borsutzky erlebt gerade, wie viel germanistische Grundlagenforschung bewegen kann und wie sie die Kultur um neue Impulse bereichert. Sie forscht im Rahmen des interdisziplinären Verbundprojekts „Lost in Archives. Auf der Suche nach unsichtbaren Frauen in Männerdomänen im 18. und 19. Jahrhundert“ mit dem Ziel, Dramatikerinnen aus der Zeit von 1770 bis 1820 wieder sichtbar zu machen. Bereits gut ein Jahr nach dem Start des Projekts findet ein in Vergessenheit geratenes Drama seine Wiederauferstehung.

In der Bar der Kammerspiele am Staatstheater Darmstadt sitzen zwei in Weiß gekleidete Schauspielerinnen vor einer weißen Leinwand an einer Tafel. Auf dem weißen Tischtuch stehen üppige silberne Schalen mit Trauben. Die Ensemble-Mitglieder präsentieren in einer szenischen Lesung dem aktiv beteiligten Publikum das Trauerspiel „Dido“ von Charlotte von Stein, das Axtner-Borsutzky im Rahmen ihres Forschungsprojekts sichtbar gemacht hat. Ein Stück, das bis vor Kurzem fast unbekannt war und im Buchhandel noch immer nicht verfügbar ist, von einer Autorin, deren Tätigkeit als Dramatikerin lange vergessen wurde, wird auf der Bühne zu neuem Leben erweckt.

Über Charlotte von Steins Trauerspiel „Dido“:

Charlotte von Steins Trauerspiel „Dido“ wurde 1794 vollendet. Darin steht, im Gegensatz zu Vergils Aeneis, nicht Aeneas im Zentrum der Handlung, sondern die karthagische Königin Dido, die mit ihrem Leben für ihr Land einsteht, um es vor Krieg zu bewahren. Die Frauenfigur steht hier im Vordergrund, ihre Entscheidungen zum Besten ihres Königreichs werden sichtbar gemacht und ihr Handlungsspielraum als Königin ausgestaltet.
(Professorin Gaby Pailer, University of British Columbia, plant derzeit eine Edition der "Dido".)

Eine Bühne für Autorinnen, die zu lange im Schatten standen

Charlotte von Steins Stück bildet den Auftakt zur Reihe „Unerhört!“ am Staatstheater Darmstadt. Das Theater richtet das Spotlight auf Dramatikerinnen, deren Spuren Axtner-Borsutzky, die Doktorandin im Projekt, Sunna Kroy, und die studentischen Mitarbeiterinnen gefolgt sind – in die Zettelkästen von Bibliotheken, in private und öffentliche Archive hinein, um ihnen zu neuer Sichtbarkeit zu verhelfen.

„In dieser Lesungsreihe begegnen wir Autorinnen aller Epochen, die zu lange im Schatten standen. An der Bar zwischen Recherche, Lesung, Totenbeschwörung und lebendigem Austausch mit der Gegenwart werden Texte nun neu gelesen, befragt und auf die Bühne zurückgeholt“, beschreibt Carlotta Huys, Dramaturgin am Staatstheater Darmstadt, das Projekt, das sie gemeinsam mit der Regisseurin Olivia Müller-Elmau in Kooperation mit der LMU, der Universität der Bundeswehr München (Schwerpunkt Militärliteratur) und der Goethe-Universität Frankfurt (Schwerpunkt Literaturkritik) verfolgt.

Huys hat an der LMU Theaterwissenschaft und Philosophie studiert. Inspiriert durch eine Opernreihe, die die Werke lange vernachlässigter und wenig gespielter Komponistinnen auf die Bühne bringt, wollte Huys etwas Vergleichbares für das Schauspiel initiieren und wurde von einer Studienfreundin, die am Theatermuseum in München arbeitet, auf die Arbeit von „Lost in Archives“ aufmerksam gemacht. Huys nahm Kontakt zu Axtner-Borsutzky und ihrem Team auf. „Es ist sofort ein reger Austausch über vergessene Autorinnen und verlorene Werke entstanden. Die Forscherinnen haben uns von besonders interessanten, wiederentdeckten Dramatikerinnen erzählt und uns Stücke vorgeschlagen, die sich gut für eine szenische Lesung eignen könnten“, erzählt Huys.

Transfer von geisteswissenschaftlicher Grundlagenforschung in die Öffentlichkeit

„Die Aufführung von ,Dido‘ hatte eine überwältigende Resonanz“, sagt Huys. „Wir haben das Publikum in der Bar der Kammerspiele eingeladen, kleine Rollen in dem Stück zu übernehmen, als Soldaten oder Bürgerinnen, und im Anschluss an die szenische Lesung mit uns gemeinsam Trauben zu essen, etwas zu trinken und ins Gespräch zu kommen.“

Über eine Stunde lang diskutierten die Zuschauerinnen und Zuschauer lebhaft mit den Macherinnen. „Das Stück stellt extrem zeitgenössische Fragen“, erzählt Huys. „Wer verteidigt ein Land? Muss man ein Land verteidigen? Was ist man bereit, dafür zu opfern? Die mitunter sehr humorvolle Art, mit der von Stein kulturelle Normen hinterfragt, hat auch beim Publikum spürbar verfangen.“

Dr. Anna Axnter-Borsutzky sits at a table with her team and discusses archive material at the Deutsches Theatermuseum in Munich

Anna Axtner-Borsutzky gemeinsam mit ihrem Team

bei der Recherche im Deutschen Theatermuseum München | © LMU/Florian Generotzky

Anna Axtner-Borsutzky freut sich über den Transfer ihrer Forschung in die Öffentlichkeit. „Tatsächlich macht es mich immer wieder sprachlos, wie groß die Resonanz auf dieses Projekt ist“, sagt sie. Sie legt Wert auf die Feststellung, dass sie und ihr Team mit ihrer Arbeit auf den Forschungsergebnissen anderer Wissenschaftlerinnen aufbauen. „Mit unserem Projekt stoßen wir außerdem auf eine große Community, die bereits sehr aktiv daran arbeitet, in Vergessenheit geratene Frauen wieder sichtbar zu machen.“ Die wissenschaftliche Forschung tritt so in Dialog mit engagierten Partnerinnen und Partnern in vielen Institutionen und einer Öffentlichkeit, die neugierig geworden ist.

„Überall tut sich etwas“, erzählt Axtner-Borsutzky begeistert. Weil viele Stücke vergessener Dramatikerinnen bis heute gar nicht oder nur als Digitalisate in Frakturschrift verfügbar sind, konkretisieren sich inzwischen die Pläne für ein Editionsprojekt, das sich auf Tragödien vergessener Dramatikerinnen spezialisieren und sie als Auswahl- oder Beispieledition mit Kommentar vorstellen will.

Nachdem Axtner-Borsutzky gemeinsam mit der Frankfurter Projektleiterin Marília Jöhnk bei einem Vortrag in der Reihe „Innovative Frauen im Fokus“ darüber sprach, wie sich in der vom Bund finanzierten Datenbank Fact Grid die Spuren und Netzwerke der verlorenen Dramatikerinnen darstellen lassen, ergab sich ein Kontakt mit einem Editor der Wikipedia, der Methoden vorstellte, die Dramatikerinnen dort systematisch sichtbar und für die Öffentlichkeit leichter auffindbar zu machen.

„Eines der schönsten Beispiele für dieses inspirierende Wechselspiel zwischen Forschung und Öffentlichkeit ist für mich die Entwicklung unserer geplanten Wanderausstellung zu den vergessenen Autorinnen“, sagt Axtner-Borsutzky. Derzeit gibt es Gespräche darüber, dass die Ausstellung in der Klassik-Stiftung in Weimar gezeigt werden soll. „Wir haben dort gar nicht selbst angefragt, sondern man ist auf uns zugekommen“, erzählt Axtner-Borsutzky. „Das erleben wir immer wieder mit diesem Projekt – durch Gespräche und gemeinsame Interessen ergeben sich Knotenpunkte und Multiplikationseffekte, die dann wieder zu Anfragen und gemeinsamen Initiativen führen.“

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Sie selbst freut sich besonders, dass sie kürzlich über verschiedene Spuren auf die Dramatikerin Amalie von Liebhaber stieß. Im Literaturarchiv in Marbach fand sich ein Konvolut an Dramen und Manuskripten der Zeitgenossin Goethes, die wohl mehr als 15 Stücke geschrieben hat, darunter Dramen mit Motiven aus 1001 Nacht, Nibelungendramen und Römerdramen.

„Wir haben Zeitungsartikel, Lexikon-Einträge und einen Nekrolog auf sie gefunden. Es gibt Briefwechsel mit Goethe und Tieck. Sie ist viel gereist, man kann ihre Spuren durch ganz Europa verfolgen“, so Axtner-Borsutzky. „Aber ich würde so weit gehen zu sagen: Ihr Name ist völlig unbekannt. Nach ihrem Tod verliert sich ihre Spur. Das war für uns ein sehr besonderer Fund.“ Axtner-Borsutzky und ihr Team machten sich daran, aus über einem Dutzend Fragmenten Teile des Werks Amalie von Liebhabers aufzubereiten und zu transkribieren.

Die Reihe „Unerhört!“ am Staatstheater Darmstadt will bis zum Spielzeitende noch mehrere Stücke vergessener und durch die Arbeit von „Lost in Archives“ wiederentdeckter Dramatikerinnen aufführen – vielleicht wird auch Amalie von Liebhaber so mehr als 180 Jahre nach ihrem Tod mit einem ihrer Dramen das Theater der Gegenwart bereichern.

Lesung in der Reihe „Unerhört!

Die nächste szenische Lesung in der Reihe „Unerhört!“ in der Bar der Kammerspiele am Staatstheater Darmstadt findet am 8. März 2026 statt (Regie: Olivia Müller-Elmau). Das Ensemble inszeniert das Schauspiel „Die Kostgängerin im Nonnenkloster“ der Dramatikerin Elise Müller, deren Name und Werk trotz ihres großen literarischen Talents und Könnens in Vergessenheit geraten war.
Ein weiterer Termin der Reihe ist am 27. Mai 2026 geplant.

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