China und Europa im gegenseitigen Spiegel

Für ein vertieftes Verständnis zwischen geistigem und materiellem Kulturerbe und Gegenwart - ein Interview mit Prof. Dr. Thomas Borgard

Porträtbild von Professor Borgard von der LMU

Der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Borgard lehrt am Institut für Deutsch als Fremdsprache der LMU München und verantwortet dort maßgeblich den Aufbau des Masterstudiengangs für „Interkulturelle Philologie“. Mit chinesischen Stipendiaten verschiedener Disziplinen von Physik und Medizin bis zu Archäologie und Rechtswissenschaft gestaltet er den „Interkulturellen Dialog“ im Rahmen des „LMU-CSC Scholarship Program“.

Ausgangspunkte des Dialogs sind die Pluralität der Welterfahrungen, der menschliche Antrieb zur Selbsterhaltung und das daraus resultierende Machtstreben. Dieses wirkt sich auf die Weltbilder aus, welche die kulturelle Binnenperspektive gegenüber der regellosen Vorwelt sinngebend und orientierend stabilisieren. Normen und Werte sind Ausdruck der Bewältigung von Kontingenz, traditionell organisiert und verwaltet durch Rituale oder kirchliche Strukturen. Heutzutage ist der Glaube an transzendente Kräfte verblasst, doch der Selbsterhaltungsantrieb mit dem Wunsch nach Vorhersehbarkeit und Berechenbarkeit besteht weiter. In aktuellen Diskursfeldern macht sich der Wunsch bemerkbar in Begriffen mit unklaren normativen Implikationen wie „Wissensgesellschaft“, „Digitalität“ oder „Praxis“.

Der von Prof. Borgard gewählte Ansatz nutzt das Erkenntnispotenzial von Interkulturalität, indem er die Einsicht in die lokale und zeitbedingte Absonderung von anderen Möglichkeiten in ein Bewusstsein des auch anders Möglichen transformiert. Von hier ausgehend richtet der Dialog Fragen an die gängige Lehr- und Erziehungspraxis: Kann es sein, dass die Idee des „Kompetenzerwerbs“ den versprochenen Wettbewerbsvorteil gar nicht einlösen kann, weil Veränderung hier nur als Entfaltung der (ursprünglichen) Ordnung gedacht wird? Die meisten Pädagogen und Didaktiker definieren den „Lerner“ in funktionaler Abhängigkeit von seiner Umwelt; die vom „Trainer“ gestellten „Aufgaben“ betreffen Problemsituationen, die durch adäquate Anpassung „gelöst“ werden. Innovativ sein kann aber nur jemand, der sich auch Veränderungen vorstellen kann, die das Potenzial zur Disruption haben. Abweichendes und kontrafaktisches Denken scheint nicht zuletzt angesichts der Großen Sprachmodelle (LLMs) notwendig zu sein, wenn maschinengenerierte Diskurse immer stärker die menschlichen durchdringen und man sich fragen muss: Wird es künftig mehr Absolventen als sinnvolle Arbeit geben? Auch hier setzt der „Interkulturelle Dialog“ von Prof. Borgard an: Kulturelle Distanzerfahrungen werden produktiv gemacht für ein gegenwärtige Gewissheiten überschreitendes Wissen – als eine „futures literacy“, die abzielt auf erweiterte Erfahrungen und Denkmöglichkeiten.

Frau Dr. Dongmei Zhang, Koordinatorin des LMU - CSC Scholarship Program am International Office der LMU, im Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Borgard:

Dr. Dongmei Zhang: Welche Eindrücke hatten Sie von China bevor Sie mit chinesischen Studierenden zusammengearbeitet haben?

Prof. Dr. Thomas Borgard: Meine Wahrnehmung Chinas ist seit vielen Jahren von großer Neugier und in neuerer Zeit auch vermehrt wissenschaftlichem Interesse geprägt. Ich pflege den direkten Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen der Germanistik in China und mit deutschen Sinologen und lese auch sinologische Fachliteratur. Die kulturelle und sprachliche Distanzerfahrung hilft mir, die eigene Kultur überraschend neu zu sehen, oder umgekehrt: mich von kurzfristigen Hypes nicht überraschen zu lassen.

Mein Chinabild hat drei Facetten: Ich sehe eine der ältesten Kulturen der Menschheit mit faszinierenden Kulturzeugnissen und Denktraditionen. Gerade weil uns die chinesische Sprache, Philosophie und Kunstästhetik besonders unvertraut sind, bietet China die einzigartige Gelegenheit, zu lernen und die Welt anders zu sehen. Wir sind in den uns selbstverständlich erscheinenden Begriffen unserer eigenen Kultur eingeschlossen, wenn wir sie verallgemeinern und den normativen Anspruch, das Vor-Urteil, nicht mehr erkennen, das in ihnen steckt. Kultur und Geschichte Chinas sind für mich zu Anlässen geworden, die Perspektive zu wechseln, neue Möglichkeiten zu erkunden, mich intellektuell herauszufordern und mich vielleicht auch menschlich zu verbessern.

Das zweite Bild Chinas betrifft die koloniale Vergangenheit Europas im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Kenntnisse der Geschichte helfen stets, die Gegenwart besser zu verstehen und im günstigsten Fall durch kluges und langfristig denkendes Verhalten frühere Fehler zu vermeiden. Momentan bin ich etwas skeptisch, ob dies den sich in einer Übergangsphase befindlichen, von inneren Widersprüchen geprägten europäischen Gesellschaften gelingt. Doch ohne historisches Wissen gehen wir blind in die Zukunft.

Das dritte Bild zeigt die vom Sino-Marxismus geprägte „Volksrepublik“ des 20. und 21. Jahrhunderts. Hier erkenne ich trotz des betont eigenen Weges viel Europäisches und „Westliches“: Vor allem den allgegenwärtigen Konsum, den damit einhergehenden weltanschaulichen Polytheismus und die Versuche, die mit ihm einhergehenden gesellschaftlichen Zentrifugalkräfte mit Hilfe staatlicher Steuerungsinstrumente zu bändigen. Für mich fachlich besonders interessant ist das zwar für die individuelle Selbstwirksamkeit eintretende, in seinem Wesenskern aber auf einer radikalpragmatisch verkürzten Sicht auf den Menschen beruhende Erziehungsdenken, das sich nicht nur in den USA und Europa, sondern offenbar auch in China durchgesetzt hat.

Dr. Dongmei Zhang: Welche hauptsächlichen Herausforderungen haben chinesische Studierende Ihrer Beobachtung nach während ihrer Eingewöhnung in das akademische Umfeld in Deutschland?

Prof. Dr. Thomas Borgard: Die fremde Sprache. Herausfordernd ist auch die Tatsache, dass die eigenen Kulturwerte in der neuen Umgebung nicht mehr selbstverständlich erscheinen und man plötzlich mit bisher unbekannten Fragen konfrontiert ist, welche die eigene Identität betreffen. Es scheint mir manchmal, als würden sich chinesische Studierende wegen der Sorge, sich zu blamieren, nicht trauen, in meinen Seminaren etwas zu sagen, obwohl ich erkläre, dass ein Seminar ein offener Dialogort zwischen Studierenden und Dozenten ist. Vielleicht sind es chinesische Studierende nicht gewohnt, mit ihren Professoren unbekümmert zu diskutieren, jedenfalls scheint mir zuweilen ein zu großer Respekt vorhanden.

Dr. Dongmei Zhang: Haben Sie interessante oder unvergessliche Anekdoten zu ihrer Kommunikation mit chinesischen Studierenden? Könnten Sie eine oder zwei mit uns teilen?

Prof. Dr. Thomas Borgard: Eine Anekdote will mir nicht einfallen, da bin ich eher untalentiert. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich die Begegnung mit meinen Studierenden nicht in der Erwartung angehe, anderen später davon etwas „erzählen“ zu können. Ich möchte, dass meine Begegnungen von allen Beteiligten stets als vertrauensvoll erlebt werden. Vielleicht aber dann doch dies, und eher vom Einzelfall absehend: Mein Gesamteindruck chinesischer Studierender ist, dass sie ihr Studium sehr fleißig, ernsthaft und neugierig angehen. Sie besitzen eine große Offenheit für die deutsche Fremdkultur, lernen schnell unsere Sprache, und was mich immer wieder beeindruckt: sie schreiben in dieser neuen Sprache sogar wissenschaftliche Texte.

Dr. Dongmei Zhang: Wie ist ihre Meinung zur Förderung von China-Kompetenzen an deutschen Hochschulen vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Lage?

Prof. Dr. Thomas Borgard: Der Glaube, wonach der „Markt“ in Verbindung mit den sogenannten „westlichen“ Werten etwas Universelles sei, das sich mit dem Güterexport verbreite und auf dem Globus zum allgemeinen Konsens führe, ist spätestens seit der Jahrtausendwende erledigt. Man muss gleich die Frage hinzufügen: Besteht der sich ursprünglich im Kalten Krieg formierende sogenannte „Westen“ überhaupt noch, wenn man zum Beispiel aktuell die mit voller Absicht spaltende Politik der amerikanischen Regierung betrachtet?

Der europäische Anspruch auf universelle Werte mag gut gemeint sein. Man verkennt jedoch, dass die konfliktreiche Geschichte Europas keineswegs von einheitlich geteilten Werten bestimmt war, wie man das gegenüber anderen, China zum Beispiel, gerne behauptet. Ich finde es unredlich und auch gefährlich, einen Dialog mit einer Selbsttäuschung zu beginnen. Wer ein interkulturelles Gespräch führt, muss große Sensibilität für die eigenen Brüche und Widersprüche mitbringen. Das Gleiche gilt dann selbstverständlich auch für den Dialogpartner.

Heute erleben wir weltweit das Aufleben nationalistischer Ideologien, die sich auf Vergangenes beziehen und daraus ableiten, was in Zukunft sein wird. Darüber darf nicht vergessen werden, dass auch die „kosmopolitische Linke“ in Deutschland weitgehend auf Früheres fixiert bleibt. Ich bezweifle, dass wir in Europa mit den politischen Begriffen und Kategorien der Vergangenheit die Probleme des 21. Jahrhunderts bewältigen können. Ob es die USA, ob es China besser können, lässt sich schwer voraussehen. China vertritt gegenwärtig kulturpolitisch einen marxistisch geprägten Neo-Konfuzianismus mit autoritären Zügen. Was bedeutet diese Orientierung in Verbindung mit der auch in China erkennbaren Tendenz, das Subjekt der Erziehung auf seine Funktion als „Humankapital“ zu reduzieren, also auf die arbeitsteilig organisierte Vermehrung des Profits? Als Europäer frage ich mich: Was hat das auf „Anpassung“ abzielende „Training“ im Rahmen der sogenannten „Kompetenzorientierung“ mit der Krise unserer Demokratien zu tun? Welche Auswirkungen wird die „Künstliche Intelligenz“ in Zukunft auf uns haben, wenn wir mit ihr unsere Gesellschaften zu digitalen Fabriken umbauen? Werden wir die Rückkehr zu einer Ständegesellschaft erleben, wenn nur noch eine Minderheit selbst liest, während die Mehrheit den Stimmen aus Podcasts und Videos lauscht und Prompts Bücher in leicht verdauliche Informations-Häppchen zerlegen?

Vor dieser ernüchternden Kulisse klingt mein Anspruch vielleicht etwas kühn oder romantisch: Ich würde gerne von China, der chinesischen Kultur, lernen, wie es anders, wie es besser geht. Leider sehe ich momentan eher eine flache Welt mit vielen Wiederholungen, Parallelen und Ähnlichkeiten sowie ideellen, auf mich eher lebensfern wirkenden Harmonisierungen wie dem kürzlich wiederauflebenden tianxia-Gedanken. „China-Kompetenz“ sollte nach meiner Überzeugung ein historisch vertieftes Gegenwartswissen einbeziehen und es jungen Menschen ermöglichen, ihrem kulturellen Erbe in der Vielfalt seiner Erscheinungen zu begegnen. Wir Europäer sollten über genaue Kenntnisse der Verbrechen der Kolonialmächte in China verfügen, deren Folgen dort bis heute spürbar sind. Bei aller Bedeutung, die Ökonomie und Technik verständlicherweise für uns haben: China steht auch für gewaltige geistige Ressourcen, deren Kenntnisse uns helfen, nicht in dem zu erstarren, was uns für den unmittelbaren Zweck gerade nützlich erscheint. Der Blick auf das jahrtausendealte chinesische Kulturerbe muss, angefangen beim Schulbuch, frei gehalten werden von jeder ideologischen Beanspruchung. Dazu benötigen wir nicht nur sorgfältig edierte Quellenausgaben, sondern müssen auch bereit sein, die Mühsal des Lesens solcher Texte auf uns zu nehmen. Auf einer kulturellen Praxis, welche die Geschichte nicht nur im Lichte gegenwärtiger Interessen sieht, kann auch in Zukunft gebaut werden.

Dr. Dongmei Zhang: Wenn Sie ein umfassendes interkulturelles Handbuch für chinesische Studierende entwickeln würden, welche Empfehlungen würden Sie priorisieren, um deren erfolgreiche Integration zu erleichtern?

Prof. Dr. Thomas Borgard: Offenheit, Geduld und Zuversicht pflegen, das fragende kritische Denken kultivieren, die Sprache des jeweiligen Gastlandes sprechen, seine Kunst und Literatur kennenlernen. Sich von Anfang an trauen, mit uns Professoren ins Gespräch zu kommen.

Kontaktseite von Prof. Dr. Thomas Borgard

Wonach suchen Sie?