Erfahrungsberichte

Mit Kind zu studieren stellt Studierende oft vor neue Herausforderungen, kann aber auch ungemein motivieren. Um einen Eindruck von einem Studium mit Kind zu bekommen, berichten einige Studierende der LMU von ihren Erfahrungen.

Studieren mit Kind – geht das überhaupt? Ja, es geht. Es bedarf aber einer großen Portion Improvisations- und Organisationstalents! Ein Beispiel, wie es gehen kann, zeigt unser Film:

Studierende vor der Universität.

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03:18 | 01.08.2016 | ©https://www.youtube.com/watch?v=fEscm8gISs4

Vier persönliche Erfahrungsberichte von studierenden Eltern

Bei mir gestaltete sich der Weg zum studierenden Vater nachdem ich meine wundervolle Frau nach 5 Jahren Bekanntschaft lieben gelernt habe und diese eine 18 Monate alte Tochter mit in die Partnerschaft gebracht hatte.

Da meine Freundin ebenfalls studiert und zugleich in Teilzeit arbeitet, wird von uns eine wöchentliche Organisation abverlangt, die ohne unsere sozialen Netzwerke von Eltern, über den Onkel und natürlich unsere Freunde nicht zu bewerkstelligen wäre. Ela geht seit sie 9 Monate ist in eine Kinderkrippe in Neubiberg mit einem multikulturellen Erziehungskonzept, in die sie sich sehr schnell eingelebt hat.

Zwar war das frühe Aufstehen und eine straffere Organisation meines Wochenplans anfangs etwas gewöhnungsbedürftig für mich, jedoch haben wir uns recht schnell eingespielt. In Sachen Freizeitaktivitäten sprechen meine Freundin und ich uns so ab, dass keiner groß auf seine Freunde oder Hobbys verzichten muss. Wir haben uns zur Aufgabe gesetzt das Kind gemeinsam groß zu ziehen und die Aufgaben gleichmäßig verteilt, wie es auch bei „normalen“ Familien der Fall ist. Ich bringe Ela morgens in die Krippe und hole sie, je nach Stundenplan und Arbeitszeiten meiner Freundin, mittags wieder ab. Die Nachmittags- und Abendplanung obliegt dann meistens der Mutter von Ela, sodass mir Zeit für Lektüre meiner Texte bleibt. Die Wochenendgestaltung meistern wir gemeinsam.

Meine spezielle Situation als nicht leiblicher Vater macht es mir jedoch unmöglich, auf eine flexiblere Gestaltung meines Studiengangs im Rahmen der Beurlaubung zurück zu greifen, wie es bei leiblichen Vätern der Fall wäre. Mir bleibt jeglicher Anspruch auf Elternzeit verwehrt. Dies erschwert eine stressfreie Wochenplanung für mich und meine Freundin, da ein voller Fokus auf das Studium nicht gegeben ist und man immer einer Ausweichmöglichkeit finden muss, um unvorhergesehenen Ereignissen entgegen zu treten. Das macht die Vereinbarkeit einer Patchworkfamilie mit dem Studium nicht gerade einfach.

Jedoch konnte ich Fehlzeiten in Übungen oder Vorlesung, die durch Ela entstehen, bisher ohne Probleme bei meinen Dozenten und Professoren melden, ohne direkt zu erwähnen, dass ich nicht der leibliche Vater des Kindes bin. Diese sind meiner Erfahrung nach sehr tolerant, wenn es um Familienangelegenheiten geht.

Tugce Karakas ist alleinerziehende Mutter, die erste in ihrer Familie mit Abitur und studiert nun Jura an der LMU. Sie sagt: Studieren mit Kind ist ein Privileg.

Vergleicht sich Tugce mit ihren Kommilitonen an der LMU, fällt die Bilanz oft schlecht aus: „Manchmal fühle ich mich als Versager – und zwar in doppelter Hinsicht: In Prüfungen haben Studenten ohne Kind meist deutlich bessere Noten und trotzdem habe ich Gewissensbisse, weil ich meine Tochter so oft allein lasse. Da fällt es schwer, motiviert zu bleiben.“

Doch die Studentin lässt sich nicht unterkriegen: Weder von ihrer Familie, die es eigentlich unnötig findet, dass sie studiert, noch von ihren Kommilitonen, die sie ständig fragen, wie sie denn mit Kind ein Jurastudium abschließen will. „Meine Eltern unterstützen mich und stehen total hinter mir“, erzählt Tugce. Doch der Rest ihrer Familie war nicht begeistert von der Idee, dass sie studieren wollte. Vor allem ihren Großeltern, die als türkische Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind, wäre es lieber, sie würde einer ordentlichen Arbeit nachgehen. Und ihre Kommilitonen? Viele können meist gar nicht nachvollziehen, wie es ist, Mutter zu sein. „Schlimm war es zum Beispiel, im Seminar hochschwanger ein Referat zu halten“, erzählt die Studentin. „Ich hatte immer das Gefühl, alle starren nur auf meinen Bauch.“

Mit der Tochter in die Vorlesung
Auch Tugce hat das Studium mit Kind unterschätzt: „Am Anfang denkt man, man kann zuhause lernen oder Hausarbeiten schreiben, während das Kind schläft. Die Realität ist dann oft frustrierend, weil vieles nicht so läuft, wie man das geplant hat.“ Doch ein Studium mit Kind hat auch Vorteile: „Als Studentin kann ich mir meine Arbeit und die Vorlesungen viel flexibler einteilen als später im Job“, erklärt die 27-Jährige. Und: Ihre Tochter Ela kann sie sogar in die Universität begleiten. „Das ist doch wirklich ein Privileg, oder?“, strahlt Tugce. Ela durfte oft mit in ihre Vorlesungen – ganz egal, ob es nun um öffentliches Recht oder Zivilrecht ging. „Das hat auch niemanden gestört und Ela findet die Uni super“, erzählt Tugce stolz. „Ich glaube, für sie klingt die Stimme vom Professor einfach total cool.“

Auch in ihrem Nebenjob ist es kein Problem, ihre 16 Monate alte Tochter ab und zu mitzunehmen: Denn Tugce arbeitet in der Beratungsstelle „Studieren mit Kind“ der LMU. Dort beraten Studienberater und studentische Hilfskräfte Studierende bei allen Fragen zur Studienorganisation, Finanzierung und Kinderbetreuung. Vier Studentinnen drängen sich am Mittwochmorgen in dem kleinen Büro und beantworten die zahlreichen Anfragen, die sie von schwangeren Studentinnen oder Studierenden mit Kind erhalten. „Oft sind die Studenten auch total ratlos, weil sie nicht wissen, wie sie ein Vollzeitstudium und den 24-Stunden-Job Kind gleichzeitig schaffen sollen“, sagt Tugce. Dass auch in der Beratungsstelle Studentinnen arbeiten, die trotz Kind studieren, sei für viele eine Erleichterung.

Ein Plus im Lebenslauf?
Auch Tugce hat erst kurz vor ihrer Einschreibung erfahren, dass sie schwanger ist. Alle Gedanken kreisten damals immer um die Frage: Wie geht es weiter mit Kind? „Erst nach den ersten Gesprächen mit der Fachstudienberatung und der Beratungsstelle ‚Studieren mit Kind‘ wusste ich, dass ich es schaffen kann.“ Wichtig seien vor allem die Vernetzungsangebote der Studienberatung, wie das Familienfrühstück oder der Schwangerschaftstreff. „Mir hat es total Mut gemacht zu sehen, dass es auch viele andere Studenten gibt, die Kind und Uni meistern.“

Inzwischen hat sie zudem festgestellt, dass auch andere die Leistung wertschätzen. Gerade Arbeitgeber seien oft beeindruckt, dass man die Doppelbelastung meistere. „Dass ich ein gutes Organisationstalent habe, muss ich nicht mehr beweisen – das habe ich jetzt schon in zwei Vorstellungsgesprächen gemerkt.“

Warum ich mich entschieden habe, während dem Studium ein Kid zu bekommen? Bei mir war es eher andersrum: Das erste Kind war schon da, als ich beschlossen habe, zu studieren. Ich habe die HZB über den zweiten Bildungsweg erlangt. Das zweite Kind war nicht geplant, aber herzlich willkommen und auch da habe ich aufgrund meines Alters nicht unendlich viel Zeit über einen guten Zeitpunkt zu grübeln.

Meine große Tochter ist schon in der Schule und hat Unterricht bis 15:30 Uhr. Außerdem helfen meine Eltern und mein Freund viel mit. Allerdings sind alle Helfer berufstätig, ich musste also viele Abstriche machen und kann Vorlesungen oder Seminare zu bestimmten Uhrzeiten nicht besuchen. Zu einer Vorlesung konnte ich meine Tochter allerdings mitnehmen weil der Dozent sehr viel Verständnis für meine Situation hatte. Das zweite Kind kam zwei Wochen vor Semesterstart, eine Beurlaubung ist also unumgänglich. Tatsächlich konnte ich bisher keine einzige Veranstaltung besuchen. Weder mit noch ohne Baby. Mein Freund hat seine Arbeitszeit auf 50% reduziert, aber für das Studium bringt mir das relativ wenig.

Einige Dozenten sind sehr verständnisvoll und unterstützen, wo sie nur können. Ebenso viele Kommilitonen. Die Zeiten sind allerdings schwierig: Ich habe z. B. an einem Tag eine Vorlesung von 8:00 – 10:00 Uhr und eine um 12:00 – 14:00 Uhr. Jemand müsste mir zwischendurch das Baby zum Stillen in die Uni bringen... Das geht vielleicht mal ausnahmsweise, aber nicht regelmäßig.

Hilfreich und umfangreich sind die Infos der Beratungsstelle "Studieren mit Kind" der Zentralen Studienberatung. Das größte Problem für ein „Studieren mit Kind“ ist allerdings die Betreuung, da kann die Uni leider nicht helfen.

Wenn ich nochmal vor der Entscheidung eines „Studiums mit Kind“ stehen würde, würde ich nicht nochmal alles genauso machen, nein. Ich würde mich – wenn möglich – für einen „berufsbegleitenden“ Studiengang oder ein Fernstudium entscheiden.

Julia ist 28 Jahre alt und studiert im 8. Semester Jura an der LMU München. Ihr Sohn Fin ist zweieinhalb Jahre alt. Bericht über einen Spagat zwischen Campus und Kita.

Manchmal denke ich: Ich bin keine Studentin, sondern eine Funktioniermaschine. Meine Tage sind streng getaktet. Aufstehen um sechs, husch, husch ins Bad, danach Fin wecken, waschen, anziehen, gemeinsam frühstücken und nebenbei unsere Taschen packen, losdüsen. Martin, Fins Papa, steht dann gerade erst auf. Er ist auch Student und verdient seinen Teil unseres Lebensunterhalts mit Werbefilmen und Musikvideos, ich selbst arbeite neben dem Studium zwei Tage pro Woche als studentische Hilfskraft in der Beratungsstelle für Studierende mit Kind. Martin arbeitet oft abends und dann bis spät in die Nacht.

Also bin ich es, die Fin in die Krippe bringt. Einen Platz in einer Uni-Krippe haben wir leider nicht bekommen, auch keinen anderen in unserem Viertel. Das macht es komplizierter. Doch die Krippe ist nah an der Arbeitsstelle meiner Mutter, manchmal bringt sie Fin morgens hin. Denn dass meine Eltern und Martins Mutter vor Ort leben, meine Eltern sogar direkt bei uns, ist unser großes Glück. Sie holen Fin an drei Nachmittagen ab, die Krippe geht bis 15 Uhr. Bleibt ein Nachmittag für Martin, einer für mich zum Abholen. An den Großeltern-Tagen ist Fin dann spätestens um 18 Uhr bei mir. Ich koche oder mache uns eine Brotzeit, Fin erzählt aus der Krippe.

Fin war nicht geplant, Martin und ich waren erst 11 Monate zusammen, als wir den Test in den Händen hielten: schwanger! Das war ein Schock. Aber für uns war sofort klar: Wir wollen dieses Baby. Tatsächlich freuten wir uns dann sehr. So gesehen ist unser Sohn ein absolutes Wunschkind.

Fin kam im Dezember auf die Welt, ich ließ mich dann für ein Semester beurlauben. Das geht total unkompliziert. Weniger schön ist, dass man während einer Beurlaubung kein Bafög erhält. Auf Studenten mit Kind ist die Bürokratie eben kaum eingerichtet.

Nach einem Semester Pause legte ich langsam wieder los. Ein Erlebnis erinnere ich noch gut: Ich besuchte ein Blockseminar, und weil ich noch stillte, brachte Martin Fin in der Mittagspause vorbei. Wir saßen in einem Café, abseits von den anderen, aber doch in Hörweite meiner Kommilitonen. Und plötzlich ging es los: Wie man nur so doof sein könne, im Studium ein Baby zu bekommen. Alle Freiheiten kaputt, die Karrierechancen zerstört!

So direkt habe ich das nie wieder gehört. Aber ich nehme mein Kind auch nicht mehr mit an die Uni, mit 9 Monaten kam Fin in die Krippe. Heute erzähle ich Kommilitonen nur dann, dass ich Mutter bin, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Bin ich halt die Einzelgängerin, die nach dem Seminar gleich abhaut. Vielleicht ist es in anderen Fächern anders, aber Jura ist schon ein Haifischbecken. Solche Gedanken sind keine Einzelmeinung; Konkurrenzdenken und Karriereorientierung sind bei uns einfach sehr verbreitet.

Es stimmt natürlich: Ich habe Freiheiten verloren. Mit Freunden im Café frühstücken, einen Nachmittag an der Isar verbummeln oder in den nächsten Morgen feiern ist kaum mehr drin. Entweder ich spiele mit Fin. Oder ich arbeite. Oder ich bin an der Uni. Oder ich lerne. Schläft Fin gegen halb neun ein, bin ich nämlich nur noch müde. Um neun, halb zehn gehe ich ins Bett. Abends noch lernen würde ich nicht packen. Also muss ich alles tagsüber schaffen.

Das klingt anstrengend. Und das ist es auch. Es ist aber auch wunderschön! Tatsächlich bin ich total gern Mama. Fin ist super. Wir toben, kuscheln oder spielen im Park. Inzwischen sehe ich die Vorteile, die ein Studium mit Kind bringt. Ich bin eine der Frauen, die schon als kleines Mädchen wussten, dass sie eine Familie wollen. Jetzt, als Studentin, habe ich mehr Zeit für mein Kind als später als Berufstätige. Schon allein die Semesterferien! Und ich habe weniger Druck. Die Angst etwa, im Büro Ärger zu bekommen, weil ich bei meinem kranken Kind bleiben möchte, kenne ich nicht. Das ist meine Freiheit: Dass ich zu Hause bleiben kann, wenn Fin krank ist. Für Vorlesungen gibt es keine Anwesenheitspflicht. Einmal musste ich eine Seminararbeit verlängern, mein Betreuer war verständnisvoll. Und noch etwas habe ich gewonnen: Aufschieberitis, die Studentenkrankheit schlechthin, kenne ich nicht mehr. Ich habe nur schmale Zeitfenster und die nutze ich natürlich.

Und die Karriere? Früher träumte ich von einer Stelle im Diplomatischen Dienst, doch mit Fin möchte ich nicht alle paar Jahre umziehen. Und auch keinen Job machen, bei dem ich 24/7 erreichbar sein muss. Doch meinen Noten sind gut. Darauf bin ich wahnsinnig, wahnsinnig stolz. Ich studiere nicht nur irgendwie vor mich hin, sondern kann absolut mit meinen Kommilitonen mithalten. Da wird sich später natürlich etwas Gutes finden.