Die Ukraine auf der „mental map“ der Europäer
09.06.2026
Potsdam: Holodomor-Ausstellung, Filmvorführung und „Notspeisen“
09.06.2026
Potsdam: Holodomor-Ausstellung, Filmvorführung und „Notspeisen“
Die vom Mykola-Haievoi-Zentrum präsentierte Wanderausstellung „Wieso seid ihr noch am Leben?“ ist derzeit an der Universität Potsdam zu Gast. Sie behandelt den Holodomor, die von Diktator Josef Stalin 1932/33 ausgelöste Hungersnot in der Ukraine mit etwa vier Millionen Opfern. Begleitend dazu zeigte die Filmuniversität im Stadtteil Babelsberg den neuen Dokumentarfilm „Family Album“. Er verknüpft die damalige Hungersnot mit dem heutigen Krieg Russlands gegen das Nachbarland. Regisseurin Maryna Tkachuk war für die anschließende Diskussion aus Kyjiw nach Potsdam gereist.
Der Film umfasst auch eine Familiengeschichte. Sie beginnt, als die britische Fotografin Samara Pearce, die Hauptperson, die alte Leica ihres österreichisch-jüdischen Urgroßvaters Alexander Wienerberger erbt, dazu zwei Alben mit seinen heimlich angefertigten Aufnahmen vom Holodomor. Dies nimmt die ukrainische Regisseurin zum Ausgangspunkt für ihren bewegenden Dokumentarfilm. Samara entdeckt in ihrer Familiengeschichte ihr Lebensthema, denn ihr Urgroßvater wurde - als Ingenieur in sowjetischen Diensten in Charkiw - zufällig zum Zeugen und wichtigsten Foto-Chronisten der Hungersnot. Seit 2022 reist die Fotografin jedes Jahr in die Regionen, in der ihr Urgroßvater seine Bilder schoss. Maryna Tkachuk hat sie mit der Filmkamera dabei begleitet.
Professor Marion Jenke von der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, so ihr voller Name, erinnerte eingangs an Aktivitäten zugunsten ukrainischer Filmemacher an ihrer Hochschule. Die Diskussion über den Film drehte sich um die dramatischen Ereignisse damals und heute in der Ukraine sowie um Bedeutung, Blickwinkel und Emotionen auswärtiger Betrachter. Dabei wurde die Rolle Wienerbergers und des wichtigsten schreibenden Zeitzeugen, des britischen Journalisten Gareth Jones, hervorgehoben. Während Wienerberger hunderte seiner Holodomor-Fotos per Diplomatenpost nach Österreich schmuggeln konnte, ist von Jones, der auf Reisen ebenfalls viel fotografierte, erstaunlicherweise nur ein einziges einschlägiges Bild überliefert. Gerhard Gnauck, Mitarbeiter des MHZ, zitierte dazu den polnischen Autor Mirosław Wlekły, dessen Biografie „Gareth Jones – Chronist der Hungersnot in der Ukraine 1932/33“ im Jahre 2022 übersetzt im Hamburger Osburg-Verlag erschien.
Maryna Tkachuk berichtete, dass bei Vorführungen ihres Films in Europa neben Beifall auch Behauptungen geäußert wurden, der Holodomor sei ein „Fake“ oder „Märchen“. Die Regisseurin, deren Kyjiwer Wohnung 2025 bei einem russischen Raketenangriff verwüstet wurde, beklagte das heutige Auftreten von Hunger im russischen Besatzungsgebiet in der Ukraine. Sie zitierte Berichte aus dem Gebiet Cherson: Demnach erlebt die russisch besetzte Stadt Oleshky derzeit eine humanitäre Katastrophe. Die Bewohner seien seit Wochen abgeschnitten nicht nur von Strom und Wasser, sondern auch von Lebensmitteln. Ihr noch 2026 anlaufender nächster Film, sagte die Regisseurin, handele von den Atomwaffen und bisher unbekannten nuklearen Zwischenfällen in der Ukraine unter sowjetischer Herrschaft.
Zwei Wochen zuvor war die Ausstellung an der Universität Potsdam mit einem Gespräch („Der Holodomor und die deutsche Erinnerung“) eröffnet worden. Mitglieder der Potsdamer NGO Push-UA.de präsentierten dafür auf Schälchen sogenannte Notspeisen und ihre Bestandteile, wie sie 1933 zubereitet wurden. Mit ihrer Hilfe – mit der Verarbeitung von Tannenzapfen, Baumrinde, Kastanien und Eicheln, Pilzen, Gräsern und sogar Leder – hatten damals viele Menschen in der Ukraine versucht, zu überleben.
Gastgeber Professor Dominik Geppert, Historikerin Franziska Davies und Slawist Professor Alexander Wöll diskutierten vor etwa 50 Zuhörerinnen und Zuhörern, warum das nach Opferzahlen größte der sowjetischen Staatsverbrechen in der deutschen Öffentlichkeit und Wissenschaft über Jahrzehnte derart unterbelichtet gewesen sei. Davies kritisierte, dass viele westliche Historiker von den Imperien und insbesondere von der „russischen kolonialen Meistererzählung“ fasziniert gewesen seien. Die „antikoloniale Dimension nichtrussischer Nationalbewegungen“ im Zaren- und Sowjetstaat sei dagegen übersehen worden. Wöll erinnerte daran, wie die Ukraine nach 2004, der friedlichen, proeuropäischen „orangen“ Revolution in Kyjiw, Dank ihren Schriftstellern und Künstlern, auf die „mental map“ der Deutschen treten konnte.
Kontrovers diskutiert wurde ein Text des ostdeutschen Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk. Er hatte über den deutschen „Historikerstreit“ der 1980er Jahre und insbesondere die Beiträge von Jürgen Habermas damals kürzlich geschrieben: „Diese Debatte war nötig, um den Nationalsozialismus mit aller Wucht zur geschichtspolitischen Leiterinnerung der Bundesrepublik zu befördern, und sie war schädlich, weil sie mit großer Wucht (…) den Kommunismus sowjetischer Prägung auf einen historisch nachrangigen Platz verbannte – in Deutschland bis heute sehr erfolgreich.“ Ferner kam zur Sprache, dass über den NS-Täter Adolf Eichmann weltweit etwa 110 Dokumentar- und Spielfilme gedreht wurden (mehrere wurden kürzlich im Filmmuseum Potsdam gezeigt), über das größte sowjetische Verbrechen dagegen bisher drei.
Partner bei der Eröffnungsveranstaltung war das Politische Bildungsforum Brandenburg der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Die Holodomor-Ausstellung ist noch bis 02.07. 2026 in der Universität Potsdam, Campus Am Neuen Palais 10, Haus 11, Säulenhalle zu sehen.