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Diskussion in Köln über den „Holodomor-Täter“ Lew Kopelew

03.11.2026

Im November und Dezember 2026 ist die Wanderausstellung „Wieso seid ihr noch am Leben?“ im Lew Kopelew Forum in der Kölner Innenstadt zu sehen.

Vortrag von Prof. Tanja Penter

© Dmytro Bartosh

Ein Beispiel für Aufarbeitung der eigenen Schuld

Diskussion in Köln über den „Holodomor-Täter“ Lew Kopelew

Im November und Dezember 2026 ist die Wanderausstellung „Wieso seid ihr noch am Leben?“ im Lew Kopelew Forum in der Kölner Innenstadt zu sehen. Das 1998 gegründete Forum, ein Verein mit eigenen Veranstaltungsräumen, erinnert mit seinem Namen an den Germanisten und Bürgerrechtler Kopelew (geboren 1912 in Kyjiw, gestorben 1997 in Köln). In jungen Jahren war Kopelew als begeisterter Kommunist daran beteiligt gewesen, im Staatsauftrag bei Bauern Getreide und andere Lebensmittel zu konfiszieren. Diese Aktionen führten 1932-1933 direkt zum Holodomor („Hungermord“), durch den allein in der Ukraine etwa 3,9 Millionen Menschen ums Leben kamen. Später bereute Kopelew seine Mitwirkung an diesen gewaltsamen Aktionen und schrieb darüber in seinen Büchern („Und schuf mir einen Götzen. Lehrjahre eines Kommunisten“, deutsch 1979).

In Köln sprach die Historikerin Professor Tanja Penter (Universität Heidelberg) zur Eröffnung der Ausstellung über den Holodomor und seine Nachgeschichte. Sie schilderte nicht nur seinen Verlauf, sondern auch das Echo im Ausland, das über die Hungerkatastrophe erstaunlich gut informiert war. So habe Reichskanzler Adolf Hitler in einer Rede am 10. Februar 1933 im Berliner Sportpalast gesagt: „Millionen von Menschen sind verhungert in einem Land, das eine Kornkammer sein könnte für die ganze Welt.“ Moskau protestierte gegen diese Aussage. Wenn das NS-Regime später die Beziehungen entspannen wollte, verbot es zeitweise negative Berichte über die Sowjetunion; nach dem deutschen Angriff 1941 instrumentalisierte es das Thema, auch um von den eigenen Verbrechen abzulenken. Demokratische Staaten waren ebenfalls früh über die Hungersnot informiert, schwiegen jedoch dazu, um laut Penter die Beziehungen zur Sowjetunion nicht zu gefährden.

Nach 1945 hat es, so die Historikerin, „in Deutschland so gut wie kein Interesse an der Geschichte des Holodomor gegeben“, vor allem wegen der „Russlandzentriertheit der deutschen Osteuropaforschung“. Ihr ebenfalls anwesender Kollege Professor Gerhard Simon sei da eine Ausnahme gewesen. Auch im so genannten Historikerstreit der 1980er Jahre sei zwar die Verfolgung der Kulaken, nicht aber der Holodomor thematisiert worden. Bedauerlicherweise habe erst der russische Angriff von 2022 auf die Ukraine hier „eine wichtige Veränderung herbeigeführt“.

Nach dem Vortrag entspann sich eine kontroverse Diskussion darüber, inwieweit eine gerade Linie von Stalin zu Putin führe. Tanja Penter richtete auch Erwartungen an ihre Kollegenschaft in der Ukraine: In der Zukunft sollten sie nicht immer „auf der Singularität des Holodomor bestehen“, sondern den Vergleich und die Zusammenarbeit etwa mit Kollegen in Kasachstan suchen, das aufgrund von Stalins Politik prozentual noch stärker vom Hunger betroffen war. Auch solle die Erforschung der Täter des Holodomor vertieft werden, wofür es bereits Ansätze gebe - und wofür der Namensgeber des Forums ganz persönlich ein Beispiel gegeben habe. Kopelew und seine Frau Raissa Orlowa wurden 1981 ausgebürgert und ließen sich in Köln nieder. In der Bundesrepublik Deutschland war Kopelew lange Zeit der bekannteste Bürgerrechtler aus der damaligen Sowjetunion.

Teil der vom MHZ präsentierten Ausstellung zum Holodomor ist auch ein Tisch mit „Notspeisen“ aus Baumrinden, Leder, Tannenzapfen und anderen Dingen, welche Menschen 1933 in der Ukraine aßen, um zu überleben. Die musikalische Umrahmung des Abends gaben die Jazzsängerin Kateryna Kravchenko und Kontrabassist Béla Bluche. Sie spielten unter anderem ein Fragment des bewegenden „Holodomor-Requiems“ (1991) von Jewhen Stankowytsch zu Gedichten von Dmytro Pawlytschko. Am 1. Dezember 2026 folgt eine Filmvorführung und Diskussion zum Thema Holodomor.

Gastgeberin Anastasia Koehler vom Lew Kopelew Forum

© Dmytro Bartosh

Kateryna Kravchenko und Béla Bluche tragen das „Holodomor-Requiem“ vor

© Dmytro Bartosh

Vortrag von Prof. Tanja Penter

© Dmytro Bartosh

Historiker Prof. Gerhard Simon im Gespräch mit Dr. Gerhard Gnauck

© Dmytro Bartosh

Betrachter vor den Bannern

© Dmytro Bartosh

Baumrinde, Leder, Tannenzapfen: „Notspeisen“ in der Ukraine 1933

© Dmytro Bartosh

Plakat zur Ausstellung

© Dmytro Bartosh