Kleine Reihe Vigilanzkulturen
Der SFB 1369 gibt die Publikationsreihe Kleine Reihe des Sonderforschungsbereichs Vigilanzkulturen beim Wehrhahn Verlag heraus. Zusätzlich zu den Print-Ausgaben sind die Bände auch online über Open Access LMU verfügbar.
Der SFB 1369 gibt die Publikationsreihe Kleine Reihe des Sonderforschungsbereichs Vigilanzkulturen beim Wehrhahn Verlag heraus. Zusätzlich zu den Print-Ausgaben sind die Bände auch online über Open Access LMU verfügbar.
Band 1, Hannover 2023.
In den 1950er Jahren zogen junge amerikanische Paare und Familien in massenproduzierte Vororte – und läuteten damit die umfassende Suburbanisierung der USA ein. Doch die Suche nach privaten Rückzugsorten endete für die meisten in einem komplexen Beobachtungsgefüge, das die Grenzen zwischen „privat“ und „öffentlich“ instabil erscheinen ließ. Großzügige Panoramafenster ermöglichten nicht nur Ausblicke, sondern auch Einblicke; weitläufige Sichtachsen luden zur gegenseitigen Beobachtung ein; durch soziale Kontrolle wurde Konformität hergestellt, während abweichendes Verhalten als verdächtig galt. So konsolidierten die Vororte eine ,weiß‘ codierte Mittelklasseidentität, die durch Vigilanztechniken kontrolliert wurde. In ihrer Studie untersucht Bärbel Harju, wie sich das angespannte Verhältnis von Privatheit und Sichtbarkeit in den USA der 1950er Jahre in Architektur und Design ausdrückt und inwiefern Vorstellungen von Privatheit mit der Idee von Whiteness korrelieren. Am Beispiel der Familie Myers, die 1957 als erste afroamerikanische Familie nach Levittown zog, werden in einer Fallstudie die Rolle von Selbst- und Fremdbeobachtung in neu entstehenden amerikanischen Vorstädten aufgezeigt.
Responsibilisierung ist in den Kulturwissenschaften ein wiederkehrender Begriff, der verschiedene Formen der Verantwortungsverschiebung umschreibt. Ausgehend von diesem variablen Sprachgebrauch untersuchen die in diesem Band vorgelegten Beiträge mannigfaltige Kontexte in denen, sowie Medien und Techniken mit denen Akteure bzw. Instanzen Aufmerksamkeitserwartungen für bestimmte Wachsamkeitsaufgaben übertragen. Während Obrigkeiten und Amtspersonen sich an die Bevölkerung bzw. an niederrangige Bedienstete richten, sind es einzelne Personen – z.B. frühneuzeitliche Stadtärzte oder gegenwärtige Whistleblower –, die von den oberen Instanzen in die Pflicht genommen werden (oder diese in die Pflicht nehmen). Dabei lassen sich verschiedene Strategien und Instrumente, etwa Anreize oder Sanktionen, ebenso wie die Abhängigkeit von der Dringlichkeit des Responsibilisierungsbedarfs aufzeigen.
Indem insbesondere Adressierung und Übertragung von Vigilanz-Aufgaben an sehr unterschiedliche Personen bzw. Personengruppen synchron und diachron untersucht werden, konturieren und schärfen die Beiträge den Begriff der Responsibilisierung historisch und situativ.
DOI: 10.5282/ubm/95769/
Becoming Vigilant Subjects argues that practices of vigilance are key to forming individual subjectivity. Examining historically and culturally diverse case studies, the authors show how individuals develop their own vigilant selves in response to being observed by (often powerful) others – be they present, absent, or imagined. The book shows that it is in the interplay between this assumed observation and individual watchfulness that subjectivity emerges. It proposes vantage points for researching the nexus between vigilance and subjectivation, which, so far, is an understudied topic in the humanities and social sciences.
Band 4, Hannover 2024.
Die Polizei ist wegen ihrer Aufgaben, Befugnisse und Strukturen eine ›besondere‹ gesellschaftliche Institution. Ebenfalls ›besonders‹ – nämlich besonders groß – ist daher die Bedeutung, die eine angemessene Bearbeitung der in ihr auftretenden Fehler, Probleme oder Missstände hat. Eine solche Bearbeitung ist ohne die Aufdeckung und Kommunikation ihrer Anlässe aber kaum denkbar. Da dieses Offenbarwerden nicht selten nur in einer Weise geschehen kann, die als Whistleblowing bezeichnet wird, ist es für eine funktionsadäquat und verantwortlich operierende Polizeiinstitution unabdingbar, solche Hinweismöglichkeiten zu bieten.
Der vorliegende Band geht diesen Zusammenhängen nach und zeigt dabei auf, dass und warum die Polizei auch deshalb ›besonders‹ ist, weil sie Whistleblowing de facto vielfach erschwert – vermutlich mehr, als das auch in anderen Organisationen geschieht. Auf der Basis des systematisch ausgewerteten empirischen Forschungsstandes gehen die Beiträge diesen Mitteilungshürden nach, um darüber nach Stellschrauben zu suchen, an denen sich manche Barriere womöglich graduell absenken lässt.
Was ist eigentlich Aufmerksamkeit? Wie wird sie in sozialen Prozessen und kulturellen Kontexten thematisiert und funktionalisiert? Und welche Folgen ergeben sich daraus für unser Denken und Handeln?
In fünf eigenständigen philosophischen Beiträgen spürt Prozesse der Aufmerksamkeit diesen Fragen nach. Neben allgemeineren systematischen Skizzen und ideengeschichtlichen Betrachtungen zum Begriff der Aufmerksamkeit bietet der Band auch mehrere Fallstudien, um sich dem Phänomen Aufmerksamkeit in möglichst vielfältiger Weise zu nähern: So werden in den Texten des Bandes die politischen und ästhetischen Dimensionen der Aufmerksamkeit in der italienischen Renaissance und spanischen Hofkultur ebenso untersucht wie ihre Rolle beim Schachspiel oder im Rahmen der zeitgenössischen #MeToo-Debatte.
Der Sammelband richtet sich mit einem weit gefassten Themen- und Methodenspektrum somit an eine breite philosophisch interessierte Leserschaft.
Welchen Speisegeboten folgten Mönche und Nonnen in der Vormoderne? Wie wurde deviantes Verhalten im Kloster bestraft? Und wie wurden unaufmerksame Mönche und Nonnen diszipliniert? Ausgehend von diesen und weiteren Fragen nimmt der Quellenreader die vielfältigen Dimensionen von Wachsamkeit am Beispiel der Bursfelder Kongregation in den Blick. Hierfür versammelt er ausgewählte Dokumente aus dem Zeitraum zwischen 1458 und 1607, um den unterschiedlichen Ausformungen, Funktionen und Zielrichtungen von Wachsamkeit im Kloster nachzuspüren. Dabei verstehen die Beiträge die Entwicklung der Kongregation nicht als lineare Ereignisabfolge, sondern als Geflecht historischer, organisatorischer und religiöser Transformationen. So entsteht ein Panorama, das neue Einblicke in die Bursfelder Kongregation als eine „wachsame Gemeinschaft“ eröffnet.