- Sprache:
- Mittelhochdeutsch
- Herkunftsort:
- Österreich (der Text entstand im deutschsprachigen Raum Österreichs/Donauregion; das Manuskript wurde in Zürich kopiert)
- Entstehungszeit:
- Manuskript kopiert zwischen 1300–1340; Getextet um 1150/1160;
- Transkription:
- Ich zôch mir einen valken mêre danne ein jâr.
dô ich in gezamete, als ich in wolte hân,
und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hôhe und vlouc in anderiu lant.
Sît sach ich den valken schône vliegen,
er vuorte an sînem vuoze sîdîne riemen,
und was im sîn gevidere alrôt guldîn.
got sende sî zesamene, die gelieb wellen gerne sîn. - Übersetzung:
- Ich züchtete mir einen Falken, länger als ein Jahr.
Als ich ihn so gezähmt hatte, wie ich ihn haben wollte,
und ihm sein Gefieder mit Gold schön verziert hatte,
schwang er sich hoch empor und flog in andere Lande.
Seither sah ich den Falken in stolzem Flug.
Er trug an seinem Fuß seidene Riemen,
und sein Gefieder war ganz rotgolden.
Gott führe die zusammen, die einander gern lieben wollen.
Methodische Hinweise:
Das sogenannte ‚Falkenlied‘ des Kürenbergers gilt gemeinhin als eines der ältesten Lieddokumente der mittelhochdeutschen Sprachstufe. Spannend ist dabei aus philologischer Perspektive allerdings, dass das auf ca. 1150 nach Christus datierte Lied in der Überlieferung erst um 1300 sowohl im Budapester Fragment als auch etwas später im Codex Manesse greifbar wird. Dabei ist das Lied folglich gleichzeitig mit allen weiteren Zeugnissen in der als UNESCO-Weltdokumentenerbe ausgezeichneten Handschrift niedergeschrieben.
Die zeitliche Einordnung an den Beginn der produktiven Tradition des Minnesangs, der mittelalterlichen Liebesdichtung in deutscher Sprache, lässt sich jedoch unabhängig vom Alter der Textträger durch genaue philologische Argumente in formaler und motivischer Perspektive begründen: So sind die Strophen in derselben Bauweise wie die Nibelungenstrophe, also einer älteren, germanischen Strophenform, konzipiert, die vornehmlich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts im bairischen Sprachraum genutzt wurde. Zudem zeigt die beschriebene Situation, wenngleich auch in ihrer Schmuck- und Abrichtungsmetaphorik höfischen Motiven verpflichtet, noch keine Einflüsse der ab Ende des 12. Jahrhunderts dominierenden Hohen-Minne-Vorstellung. Die Hohe-Minne wird vom Vorbild französischer Adelshöfe übernommen und ebenso wie die romanisch geprägten Liedformen (Kanzonenstrophe) zum konstitutiven Gattungsmerkmal des Minnesangs ab 1200.
Da sich das ‚Falkenlied‘ von diesen Adaptionen motivisch und formal unbeeinflusst zeigt, ist folglich darauf zu schließen, dass es aus einer älteren Tradition stammt, und dennoch für die Überlieferung des Minnesangs relevant geblieben ist. Aus diesem Grund ist es im Codex Manesse neben den jüngeren, von den Adaptionen aus der Romania beeinflussten Minneliedern zu finden, denn der Codex Manesse markiert in der Mitte des 14. Jahrhunderts das Ende des Minnesangs und stellt dabei im prächtig verzierten und kunstvoll beschriebenen Folioformat den Anspruch, ein umfassend kompiliertes und möglichst vollständiges Gattungsdokument darzustellen.
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