- Sprache
- Altoslawische Sprache
- Herkunftsort:
- Ukraine (Kyjiv)
- Entstehungszeit:
- Anfang des 12. Jahrhunderts n. Chr.; die Passage ist in der Chronik unter dem Jahr 6545 [1037 n. Chr.] verzeichnet
- Transkription:
- велка бо полза бываєть чл҃вку ѿ оучениꙗ книжнаго. книгами бо кажеми и оучим̑ єсми пути покаꙗнию и мудрость бо ѡбрѣтаємь. и вьздержаниє. ѿ словесъ книжныхъ. се бо суть рекы напаꙗющи вселеную всю се суть исходѧща мудрости.
- Übersetzung
- Groß ist wahrlich der Nutzen der Buchgelehrsamkeit für einen Menschen: Durch Bücher werden wir unterwiesen und der Weg der Reue wird uns gelehrt, und aus den Worten der Bücher gewinnen wir Weisheit und Selbstbeherrschung. Denn sie sind Flüsse, die das ganze Universum bewässern; sie sind Quellen der Weisheit.
Methodische Hinweise:
Die Passage stammt aus der Povist’ vremennykh lit (Nestorchronik bzw. Erzählung der vergangenen Jahre), einer der wichtigsten Quellen für die Frühgeschichte der Kyjiwer Rus’, eines mittelalterlichen ostslawischen Herrschaftsverbandes mit Zentrum in Kyjiw. Erhalten ist sie in späteren Handschriften, darunter dieses Beispiel, die sogenannte „Ipat’ev-Liste“ des Hypatius-Codex. Der Codex ist daher nicht das „Original“ des Textes, sondern eines der Manuskripte, durch die uns die Nestorchronik überliefert wurde. Er gibt uns auch die Kyjiwer Chronik und die Galizisch-Wolhynische Chronik weiter.
Die Handschrift ist in kyrillischer Schrift verfasst, eines der Hauptschreibsysteme der slawischen christlichen Welt. Die Anfänge slawischer Schriftlichkeit waren mit der Mission durch Konstantin/Kyrill und Method im neunten Jahrhundert verbunden. Die Mission ist üblicherweise mit der Entstehung des glagolitischen Alphabets assoziiert, ein frühes slawisches Alphabet, das für das Schreiben und Übersetzen christlicher Texte ins Slawische genutzt wurde, bevor sich das Kyrillische weiterverbreitete.
Kyrillisch kam etwas später auf, am wahrscheinlichsten in den bulgarischen literarischen Zentren des späten neunten und frühen zehnten Jahrhunderts und war eng mit der Überlieferung kirchenslawischer Texte in der gesamten orthodox-slawischen Welt verbunden. Seine Buchstaben bauen größtenteils auf griechischen Unzialmajuskeln auf, wobei zusätzliche Zeichen für spezifisch slawische Laute entwickelt wurden. Hier erscheint sie in einer mittelalterlichen kyrillischen Buchschrift, die als Halbunziale bzw. poluustav bekannt ist. Ihre älteren Buchstabenformen, Abkürzungen und über der Zeile gesetzten Zeichen spiegeln die umfassendere ostslawische und ukrainische kyrillischer Handschriftentradition wider.
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