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Forschung für alle: Warum slammst Du?

03.06.2024

Immer wieder stehen Studierende und Forschende der LMU bei verschiedenen Science Slams auf der Bühne. Wo liegt der Reiz darin und was motiviert sie dazu?

Wissenschaft macht Spaß. Formate, bei denen Forschende ihre Arbeit locker und unterhaltsam zum Besten geben, erfreuen sich großer Beliebtheit. Auch Menschen aus der LMU beteiligen sich regelmäßig an Science Slams aller Art. Die Freude daran ist ein Motivationsfaktor, der sie wohl alle verbindet. Darüber hinaus gibt es aber noch viele weitere Gründe, bei so einem Event mitzumachen.

Weibliche Sprecherin vor Publikum in einem Hörsaal

Mit ihrem gerappten, von eigener Musik untermalten Slam-Beitrag gewinnt Maren Rothkegel den MUG Slam in der Kategorie „Freestyle“.

© LMU / Stephan Höck

Rappen für mehr Awareness

Tosender Applaus prasselt auf Maren Rothkegel nach ihrem Auftritt beim Science Slam der Münchener Universitätsgesellschaft ein. Mit ihrem selbst verfassten Rap hat die Medizinstudentin die Menge begeistert. Der Hörsaal im Walther-Straub-Institut platzt auch beim diesjährigen Slam wieder aus allen Nähten. In drei Kategorien treten die Teilnehmenden gegeneinander an: TED Talk, Poetry Slam und Freestyle. Es wird also fleißig gesungen, gedichtet und vorgetragen – über zwielichtige Bankgeschäfte, Schwarze Löcher und unsichtbare Lieferketten. Mit einem Dezibel-Messgerät wird der Jubel für jeden Beitrag gemessen – denn am Ende gewinnen die Slammer, die den lautesten Beifall ernten.

Auf medizinische Ungleichheiten hinweisen

So wie Maren Rothkegel. Mit ihrer Performance sichert sie sich den Sieg unter den Freestylern. Begleitet von den Beats ihrer eigenen Musik, hat sie eine Erkrankung angesprochen, die weit verbreitet und trotzdem kaum verstanden ist: Endometriose. „Viele Menschen kennen diese Krankheit gar nicht, obwohl sie vielleicht sogar selbst betroffen sind“, erklärt sie. „Wer typische Symptome hat und sie ärztlich abklären lassen will, bekommt nicht selten zu hören, dass das als Person mit Uterus eben einfach normal sei.“

Maren Rothkegel auf dem MUG Science Slam 2024

Maren Rothkegel will über Endometriose aufklären und auf Ungleichheiten in Medizin und Forschung hinweisen.

© LMU / Stephan Höck

Über diese Ungleichheit in der Medizin will Maren informieren und für das Thema sensibilisieren. Obwohl Endometriose im Medizinstudium inzwischen behandelt wird, gibt es noch viel aufzuholen. „Wir brauchen mehr Bewusstsein und Aufklärung, damit die Krankheit nicht zu spät erkannt wird. Im schlimmsten Fall kann sie sonst sogar zu Unfruchtbarkeit führen.“ Ungleichheiten in Forschung und Medizin seien keine Seltenheit, gerade wenn es um marginalisierte Gruppen geht.

Barrieren zwischen Forschung und Laien reduzieren

Darüber hinaus sieht Maren einen dringenden Bedarf, komplexe Themen verständlich zu machen und sprachliche Barrieren zu senken. Vor dem Medizinstudium hat sie eine Ausbildung zur Krankenpflegerin gemacht. Dieser nichtakademische Blickwinkel hat ihr gezeigt, wie oft es zu Kommunikationsproblemen kommt: „In der Klinik merke ich oft, dass Patientinnen nicht genau verstehen, was ihnen gesagt wird.“ Es bleibe wenig Zeit für Erklärungen und die Fachwörter seien schwer nachvollziehbar. Das gilt nicht nur in der Medizin. Forschung ist mit ihrer Fachsprache für Außenstehende häufig schwer zu erfassen.

Ein Science Slam ist eine wunderbare Möglichkeit, diese Mauer zu durchbrechen, findet Maren: „Wissenschaftskommunikation muss nicht schwer verständlich und akademisch daherkommen, sondern kann auch ein Rap, ein Slam oder ein Tanz sein.“ Nebenbei habe man auf so einem Slam auch die Gelegenheit, über den Tellerrand der Medizin hinauszublicken und sich zum Beispiel mit Juristen oder Physikerinnen auszutauschen.

Das Universum auf der Seifenkiste

Verónica Errasti Díez beim Pint of Science 2022

Verónica Errasti Díez hat beim „Pint of Science“ auch schon in einer Bar für Wissenschaft begeistert. | © Alice M. Smith-Gicklhorn

Dr. Verónica Errasti Díez ist Grundlagenphysikerin – und zwar mit Leib und Seele. „Mein Ziel ist es, dass die Menschen sich sowohl lächerlich klein als auch lächerlich groß vorkommen, ihren Verstand erweitern und erkennen, dass wir in einem faszinierenden Universum leben.“

Sie hat keinerlei Zweifel daran, dass auch die breite Masse der Gesellschaft sich für die Themen begeistern lässt, mit denen sie sich täglich beschäftigt: „Ich versuche, das Universum in den Bereichen zu erforschen, die wir derzeit mit Experimenten nicht untersuchen können. Nur weil man etwas nicht beobachten kann, muss das die Neugierde nicht bremsen. Es sollte sie vielmehr verstärken.“ Davon will sie ihr Publikum überzeugen.

Und dafür hat sie sich eine besonders ausgefallene Bühne ausgesucht: Anfang Juli tritt Errasti Díez, Mitglied im Exzellenzcluster ORIGINS, als eine von zwölf Forscherinnen bei der Münchner Version der weltweiten Initiative Soapbox Science 2024 an. „Wir werden ein Dutzend weibliche Teilnehmerinnen sein, die eine breite Palette an Themen abdecken – von Dinosauriern bis hin zu Robotern“, schwärmt die LMU-Physikerin.

Die Expertinnen stehen bei Soapbox Science nicht vor einem geladenen Publikum, sondern inmitten von ahnungslosen Passanten auf dem Münchner Rindermarkt. Menschen, die vielleicht auf dem Weg zum Shoppen oder in den Biergarten sind, aber sicher nicht an Frauen in der Wissenschaft denken. „Aber dann sehen sie uns – eine Gruppe von Frauen in Laborkitteln – und können gar nicht anders, als einen Blick auf uns zu werfen“, beschreibt Errasti Díez. „Bei anderen Veranstaltungen spreche ich vor allem Leute an, die bereits an Wissenschaft interessiert und gut informiert sind. Aber mit diesem Format können wir ein untypisches Publikum erreichen, das gar nicht damit rechnet.“

Bei Soapbox Science treffen Wissenschaftlerinnen auf ahnungslose Menschen auf der Straße und begeistern sie für ihre Forschung – in München zum Beispiel auf dem Odeonsplatz, oder dem Rindermarkt.

Mädchen für MINT-Fächer begeistern

Genau das ist auch das erklärte Ziel von Errasti Díez und ihren Mitstreiterinnen. Denn sie möchte mit ihrem Auftritt junge Mädchen und Frauen von Wissenschaft und Forschung, insbesondere in den MINT-Fächern, begeistern. Diese könnten sich besser mit echten Menschen identifizieren als mit einem abstrakten Bild. „Für Mädchen ist es von großem Vorteil, weibliche Forscherinnen zu sehen“, sagt Errasti Díez. Sie könnten sich dann nämlich viel eher vorstellen, selbst eine solche Laufbahn einzuschlagen, „das zeigen auch zahlreiche Studien.“

Bei Soapbox Science sind genau diese Begegnungen möglich. Die zufällig vorbeikommenden Menschen können in verschiedene Fachrichtungen hineinschnuppern und mit den Wissenschaftlerinnen ins Gespräch kommen. Verónica Errasti Díez ist überzeugt, dass das auch für sie ein großer Vorteil ist: „Man versteht etwas nur, wenn man es erklären kann. Man muss dann aus dem, was man tut, herauszoomen.“ Das sei eine großartige Gelegenheit, tiefgründig nachzudenken. Und die Leute stellen Fragen, auf die sie selbst nie kommen würde, weil sie die Grenzen und festgefahrenen Schemata der Fächer nicht kennen. „Das löst oft Verbindungen aus, auf die ich sonst nie kommen würde.“

Forscherinnen-Vielfalt zeigen

Damit der Austausch optimal funktioniert und Faszination bei den Fußgängerinnen entsteht, werden Errasti Díez und die anderen Teilnehmerinnen speziell auf den Tag des Events vorbereitet. „Als Forscherin ist man natürlich von der eigenen Arbeit begeistert und will sie auch kommunizieren, doch oft fehlt dafür das nötige Know-how“, erklärt Errasti Díez. Neben einem umfangreichen Leitfaden treffen Organisatorinnen und Slammerinnen sich vor der Veranstaltung zu einer gemeinsamen Schulung.

So lernen sich die Expertinnen auch untereinander kennen und helfen einander, die beste Strategie für eine unterhaltsame Präsentation zu entwickeln. Verónica Errasti Díez ist begeistert: „So viele eindrucksvolle Frauen verschiedener Nationalitäten, die an ganz unterschiedlichen Punkten ihrer wissenschaftlichen Karriere stehen und über ihre vielfältige Forschung sprechen.“ Bei dieser Vielfalt sei es unmöglich, dass alle in die Stereotypen passen, die junge Mädchen vielleicht von Frauen in Naturwissenschaft und Technik haben könnten.

Geschichten aus dem Spartaner-Garten

Vier Spartaner auf dem Science Slam in den Münchner Kammerspielen

Muskelbepackte Krieger oder musikalische Witzbolde? Wer waren die Spartaner wirklich? | © science-slam.com

Auch die nicht-binäre Person PD Dr. Denise Reitzenstein will mit Geschlechter-Stereotypen brechen – und zwar mit jenen des antiken Sparta. Die akademische Oberrätin für Alte Geschichte an der LMU trat bei ihrem letzten Science Slam in den Münchner Kammerspielen auf. „Ein toller Ort für einen Auftritt, besonders vor vollem Haus!“ In der Coronazeit hatte Reitzenstein einen hybriden History Slam für den Deutschen Historikertag auf die Beine gestellt. Dabei entstand die Idee, auch selbst über die eigenen Forschungsthemen zu slammen. „Anfangs hatte ich Vorbehalte, weil es ein sehr junges Format ist, das eher von Promovierenden oder Studierenden bespielt wird. Aber dann dachte ich: ,Ach, was soll’s!‘“ Bereits im vergangenen Jahr durfte Reitzenstein im Berliner Pergamonmuseum vor dem imposanten Ischtar-Tor aus Babylon ihre Zuhörenden für die Geschichte des antiken Griechenlands begeistern.

Propaganda oder Geschichte?

Denise Reitzensteins aktuelle Lieblingsbeschäftigung auf der Bühne ist, das Geschlechterbild über die alten Spartaner auseinanderzunehmen. „Ich habe angefangen, mich in meiner Arbeit mit Rezeptionsgeschichte zu beschäftigen, insbesondere mit der des antiken Spartas.“ Die Vorstellung des übermaskulinen spartanischen Kriegervolkes ist laut Reitzenstein mehr als fragwürdig. Bereits antike Quellen seien meist von der Ideologie und Propaganda von Spartas Gegner Athen durchdrungen. „Stellen wir uns vor, Putin würde ein Geschichtsbuch über die Ukraine schreiben – da darf man keine objektiven Darstellungen erwarten.“ Und so sei es auch im Verlauf der Geschichte weitergegangen: „Jede Epoche hat sich ihr eigenes Sparta-Bild zusammengebastelt“, erklärt Reitzenstein. „Man baut sich immer das Sparta, das man gerade haben will.“

Im Nationalsozialismus kursierte an deutschen Schulen ein Arbeitsheft mit dem sehr programmatischen Titel Sparta. Der Lebenskampf einer nordischen Herrenschicht. „Das verdeutlicht, wie antike Themen missbraucht wurden und werden, um ideologische und propagandistische Ziele zu verfolgen.“ Gehalten hat sich das Bild des muskulösen spartanischen Freiheitskämpfers bis heute, imposant auf der Leinwand in der von Martial Arts strotzenden Comicverfilmung 300. Doch Reitzenstein macht in ihren Slam-Beiträgen auch das Gegenbild auf: Sparta als Erfinderin der freien Liebe zum Beispiel. Auch das könne man aus den Quellen herauslesen, wenn man wolle. Oder dass die Spartaner ein besonders lustiges Völkchen waren, dem Musik und pointierter Humor besonders am Herzen lagen.

Denise Reitzenstein auf dem Science Slam

Denise Reitzenstein möchte das Publikum dazu bringen, eigene Vorstellungen über die Geschichte zu hinterfragen.

© science-slam.com

Finanzierung von Wissenschaft rechtfertigen

Denise Reitzenstein stellt sich ins Scheinwerferlicht und spricht vor Hunderten Leuten über die Antike und den Missbrauch von Geschichtsbildern. Dabei würde sie sich nicht als geborene Rampensau bezeichnen. „Das wurde mir überhaupt nicht in die Wiege gelegt“, sagt sie. „Ich bin dahin erzogen worden, im Hintergrund zu stehen, nicht zu laut zu sein.“ Der erste Auftritt habe einiges an Überwindung gekostet. Aber es hat sich gelohnt. „Es ist toll, den Mut zu fassen und über den eigenen Schatten zu springen.“ Reitzenstein möchte das Publikum dazu bringen, eigene Vorstellungen über die Geschichte zu hinterfragen. „Unser Verständnis der Geschichte sollte auf einer kritisch geprüften Quellenbasis, nicht auf gefühlten Wahrheiten fußen. Was ist historisch tatsächlich greifbar und nicht nur bloße Fantasie?“

Warum sie ihre Forschung an die breite Öffentlichkeit kommunizieren will, hat aber auch noch einen weiteren Grund. „Wenn ich mich außerhalb meiner akademischen Bubble bewege, finde ich es immer auch wichtig zu erklären, was ich da tue.“ Ihre Forschung wird aus öffentlichen Mitteln finanziert, deswegen findet Denise Reitzenstein wichtig aufzuzeigen, was daran spannend und relevant ist. „Wenn jemand in seiner Arbeit neuartige Kraftstoffe entwickelt oder Herz-OPs verbessert, liegt der gesellschaftliche Nutzen auf der Hand. Die Themen, mit denen ich mich beschäftige, liegen zweieinhalbtausend Jahre in der Vergangenheit. Ich kann bei so einem Anlass zeigen, warum sie es trotzdem wert sind, durch Politik und Gesellschaft gefördert zu werden.“

Doktorarbeit auf Speed

Das Mikrophon auf dem MUG Science Slam 2024

Wer traut sich, das eigene Promotionsthema in nur drei Minuten auf den Punkt zu bringen? | © LMU / Stephan Höck

Wer es kurz und knackig mag, kann am 5. Juni live dabei sein, wenn das GraduateCenterLMU einlädt zum GC Speed Slam. Gerade einmal 180 Sekunden haben die Teilnehmenden – allesamt promovieren gerade an der LMU – Zeit, um mit ihrer Forschung das Publikum mitzureißen. Die Beiträge kommen vor allem aus den Lebenswissenschaften: Veterinärmedizin, Medizin, Neurowissenschaft, Biologie. „Zum Beispiel werden wir uns auf die Suche nach dem tödlichen Potenzial von Karotten begeben und Einblicke in die Weltraummedizin erhalten“, freut sich Florian Kniffka, der Organisator des Slams.

Wissenschaftlichen Nachwuchs trainieren

„Während meiner eigenen Promotionszeit habe ich gelernt, wie wichtig es ist, einen kleinen Baukasten an Erklärungsmodellen parat zu haben, um auf die Frage Worüber promovierst du eigentlich? schnell und verständlich antworten zu können“, erklärt Florian Kniffka. „Wir dachten, dass ein Science Slam ein ideales Trainingsmodell für Promovierende ist.“ Denn nicht nur von der Familie oder im Freundeskreis wird man ständig nach der Promotion gefragt, sondern auch auf Konferenzen, Tagungen oder Fachmessen.

„In der Welt der Wissenschaft ist es immer wieder entscheidend, sich selbst überzeugend präsentieren zu können und anderen zu vermitteln, warum die eigene Arbeit faszinierend und wichtig ist“, erklärt Kniffka. Das muss man beim GC Speed Slam ganz ohne Hilfsmittel schaffen. Nur eine einzige Präsentations-Folie ist erlaubt. Requisiten, lustige Kostüme oder Musik sind nicht zugelassen. „Man muss unabhängig von digitalen Tools sein und sich auch ohne sie klar ausdrücken können“, so Kniffka. „Wenn ich zufällig in der Eisdiele die Professorin treffe, bei der ich mich auf eine Stelle bewerben will, und sie sagt: Sagen Sie doch mal schnell, worum es bei Ihnen geht! – dann sollte ich gewappnet sein.“

Multiplikationsfaktor in der Gesellschaft

Als Vorbereitung hält das Graduate Center kleine Gruppentreffen ab, bei denen sich die Promovierenden kennenlernen und Feedback geben können. Das Kommunikationstraining stärke die Slammer nicht nur als Forschende innerhalb ihrer Fachgebiete, sondern auch in Hinblick auf ihre Verantwortung in der Gesellschaft, meint Florian Kniffka. „Wir sehen aktuell, wie wichtig es ist, Wissenschaft zu kommunizieren, da dies oft auch eng mit politischen Entscheidungen verbunden ist.“ Das habe nicht nur die Corona-Pandemie gezeigt. Auch wenn nicht alle direkt daran beteiligt sind, sei es doch wichtig, dass die Bevölkerung Informationen aus der Forschung einschätzen und weitergeben könne. „Daher glaube ich, dass auch einzelne Personen aus der Wissenschaft eine wertvolle Multiplikationsfunktion in der Gesellschaft einnehmen.“

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