Fest der Sinne unter barockem Gewölbe
29.06.2026
Ein Team um LMU-Kunsthistoriker Stephan Hoppe nutzt neueste Technologien und KI, um das kulturelle Erbe der Deckengemälde zu sichern.
29.06.2026
Ein Team um LMU-Kunsthistoriker Stephan Hoppe nutzt neueste Technologien und KI, um das kulturelle Erbe der Deckengemälde zu sichern.
Matteo Burioni (rechts) vor den beiden Gemälden aus dem ehemaligen Lusthaus der Residenz. | © Stephan Hoppe
Die Entdeckung stand im Depot der Alten Pinakothek in München. Aus der Nähe betrachtet wirken die beiden Leinwandgemälde nicht besonders eindrucksvoll. Die Farben sind matt und an einigen Stellen nicht mehr original erhalten, die Körperteile wirken teilweise falsch proportioniert. Die Werke gehören zum Deckengemälde des einstigen Lusthauses der Münchner Residenz, das es seit 200 Jahren nicht mehr gibt und das einst am Ort der heutigen Staatskanzlei stand. Das Erstaunen war groß, als ein Team um LMU-Kunsthistoriker Professor Stephan Hoppe im Rahmen eines Seminars ein 3D-Modell des Lusthauses mit ebendiesem Deckengemälde rekonstruierte.
In Zusammenarbeit mit dem LRZ wurde die Decke virtuell wieder aufgebaut. Stephan Hoppe erinnert sich noch gut an diesen eindrucksvollen Moment: „Ich stehe dort im neuen LED-Cave im Rechenzentrum, schaue hoch und sehe das Deckengemälde so, als wenn ich in einem richtigen Raum stehe. Die Bilder sind so scharf, dass das Gehirn sagt: Ich bin da.“ Nun im passenden Kontext und perspektivischen Winkel angebracht, zeigt sich erst der illusionistische Effekt und künstlerische Wert der Gemälde: durch die Malerei wirkt es so, als würde sich die Decke in den Himmel öffnen.
Die Deckenmalerei entfaltet sich im Raum.Stephan Hoppe , Professor für Kunstgeschichte an der LMU mit den Schwerpunkten Bayerische Kunstgeschichte, Architekturgeschichte und Digitale Kunstgeschichte und Leiter des Projekts „Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland“
Das Treppenhaus der Residenz in Würzburg (Bildarchiv Foto Marburg / CbDD / Bayerische Schlösserverwaltung / Achim Bunz) | © www.achim bunz
Barocke Deckenmalereien werden als „Raumschöpfung“ bezeichnet. Das liegt nicht nur an ihrer Größe, denn sie schmücken sogar Säle und Treppenhäuser. Sie sind multiperspektivisch angelegt, sodass mit dem gesamten Raum, seinen Bildern und Ausstattungsstücken, zum Beispiel Spiegeln, eine Wechselwirkung entsteht.
„Die Deckenmalerei entfaltet sich im Raum. In vielen dieser Räume lässt sich das Werk nicht ganz überblicken, so wie es der Fall ist, wenn ich in einem Museum vor einem Rembrandt-Gemälde stehe. Es gibt den Begriff des Gesamtkunstwerks, der immer umstritten ist, aber der bezeichnet, dass verschiedene Kunstgattungen zusammenwirken, sodass die Malerei an der Decke sich auf den Raum und den Betrachter-Standpunkt bezieht. Gleichzeitig wirkt sie aber auch mit anderen Aspekten zusammen, die wir bislang noch nicht alle erforschen können“, erklärt Stephan Hoppe. „Allein weil sie räumlich und groß sind, wirken die Deckenmalereien kognitiv auf den Betrachtenden ganz anders als zum Beispiel Rembrandts Nachtwache. Es war für die Wissenschaft bislang sehr schwer, diesen Aspekt der Form wissenschaftlich reproduzierbar zu behandeln.“
26.06.2026
Hoppe nutzt mit seinem Team neueste technologische Möglichkeiten, um Deckenmalereien zu erforschen, was neue Einblicke und Fragestellungen ermöglicht. Vor zehn Jahren ist das Projekt im Rahmen des Akademienprogramms damit gestartet, barocke Deckengemälde in Deutschland digital zu erfassen, die zwischen den Jahren 1550 und 1800 in Schlössern und Residenzen, aber auch in Kirchen und Gutshäusern geschaffen wurden. Inzwischen gibt es 13.500 digitale Aufnahmen von 530 Bauwerken an 350 Standorten, die auf der Projektseite deckenmalerei im Internet der Fachcommunity und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich sind.
Wir sind im Grunde ein virtuelles Museum.Stephan Hoppe, Professor für Kunstgeschichte an der LMU mit den Schwerpunkten Bayerische Kunstgeschichte, Architekturgeschichte und Digitale Kunstgeschichte und Leiter des Projekts „Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland“
„Wir sind im Grunde ein virtuelles Museum“, sagt Stephan Hoppe, der mit seinem Team dank der Technik etwas schafft, was bislang unmöglich war. Denn barocke Deckengemälde lassen sich nicht in regulären Museen ausstellen. „Ein Großteil der Infrastruktur, in deren Rahmen unser Fach forscht, die Museen, wird sich niemals dieser Kunstgattung widmen. Wir kümmern uns also um einen Teil des kulturellen Erbes, der nicht in Museen zu behandeln ist und der schon immer gefährdet war. Durch Brand und Krieg ist vieles untergegangen, weil die Gemälde sehr schlecht einlagerbar sind. Wir haben daher immer gesagt: Unsere 3D-Darstellungen und Fotoserien sind Dokumentationen.“
Alle im Projekt erfassten Deckenmalereien erhalten wie in einem Museum Inventarnummern und werden auch im Rahmen der Initiative GLAM (Galleries, Libraries, Archives, Museum) erfasst, die zusammen mit Wikimedia Wissen im digitalen Raum zugänglich macht.
Die technologische Entwicklung der letzten Jahre eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten der Dokumentation und Forschung. Sie stellt das Projektteam zugleich vor immer neue Herausforderungen. „Als wir damals angefangen und ein 3D-Modell vom Bamberger Kaisersaal angefertigt haben, hat die Rechenzeit, um die Daten zu verarbeiten, eine kleinere fünfstellige Summe in Euro gekostet. Fast zwei Jahre später war so etwas bereits mit dem eigenen Handy möglich“, blickt Stephan Hoppe zurück. „Das heißt: Wir konnten vor zehn Jahren überhaupt nicht absehen, dass wir diese Menge an Daten, die wir heute haben, realisieren könnten. Und jetzt kommt natürlich die Künstliche Intelligenz. Wir haben sehr viele Daten und das ruft nach KI und Mustererkennung. Wir können als Kunsthistoriker nach Stil und Motiv fragen, aber viele Aspekte eines Werks sind für den Menschen allein gar nicht oder schwer nachvollziehbar zugänglich.“
Das Team um Stephan Hoppe (r.) und Matteo Burioni arbeitet fächer- und fakultätenübergreifend. Das Bild zeigt sie bei der Vermessung von Räumen der Münchner Residenz mit Informatiker Nicola Lercari (l.), Inhaber des Lehrstuhls für Digitale Kulturerbestudien der LMU. „Wir haben bislang nur einzelne Räume gescannt. Mit Nicola Lercari können wir mehrere Räume zusammenhängend erfassen“, sagt Matteo Burioni. Hoppe spricht von einem „dialektischen Prozess zwischen Technologie und Theorie“: „Wir wenden Technologie nicht einfach nur an. Oft wird gesagt, man müsse erst die Frage formulieren. Aber ich muss doch sehen, was möglich ist, dann ergeben sich die Fragen. Man muss induktiv arbeiten.“ | © LMU
Um die technologischen Möglichkeiten zu erschließen, setzt Hoppe auf interdisziplinäre Zusammenarbeit. „Wir sind darüber in intellektuellen Austausch mit anderen Disziplinen gekommen. Die Frage ist also auch, was sich dadurch theoretisch getan hat. Man muss mit den Personen fachlich anknüpfen können, die diesen Fragen in anderen Disziplinen nachgehen“, sagt Hoppe, der sich inzwischen unter anderem mit Kognition und Funktionalität von KI beschäftigt. Das Team arbeitet auch mit Professuren an der LMU zusammen, die im Rahmen der High-Tech-Agenda entstanden sind. „Inzwischen kommen Forschende unterschiedlichster Fachrichtungen auf uns zu, weil wir innovative Techniken nutzen.“
Um auch im Team Kompetenzen in der methodischen Herangehensweise und beim Einsatz neuer Technologien aufzubauen, werden Nachwuchsforschende gefördert.
Heute können Deckengemälde wie die des Lusthauses nicht nur in 3D rekonstruiert werden, auch Simulationen sind möglich. Und diese lassen wiederum neue Forschungsfragen zu: Für welche Lichtverhältnisse wurden die Deckengemälde zum Beispiel konstruiert? Und wie sollten sie wahrgenommen werden?
Dafür arbeitet Hoppe mit seinem Team als eines der wenigen geisteswissenschaftlichen Projekte auch im EU-weiten Netzwerk COST „European Cooperation in Science and Technology EU“ (https://www.cost.eu) und beschäftigt sich zunehmend mit Fragen der Sinneswahrnehmung in historischen Räumen.
„In bisherigen Fotobänden wirken die Deckenmalereien sehr hell“, erläutert Dr. Matteo Burioni, Koordinator des Projekts und Leiter der Arbeitsgruppe in München. „Mit fast quietschigen Farben. Aber wir sehen sie heute im industriellen Licht. Vielleicht haben die Künstler damals gegen schlechte Lichtsituationen angearbeitet. Die Decke war ja früher nicht direkt beleuchtet.“
Die Deckengemälde in den Festsälen wurden zudem vermutlich weniger bei Tageslicht, sondern vor allem bei abendlichen Festen wahrgenommen. Burioni und Hoppe erinnern sich an eine Tagung im Rahmen des Rudolstädter Arbeitskreises zur Residenzkultur, als ein Festraum im Neuen Palais in Potsdam, einem Bau für große Feste und Gäste im Sommer der Könige von Preußen, mit Kerzen beleuchtet wurde.
„Man macht bei unserer Forschung überraschende Entdeckungen, die man sich vorher nicht vorstellen konnte. Da geht man zum Beispiel einen dunklen Raum entlang bis zum Porzellansaal, der strahlend erleuchtet ist von unendlich reflektierenden Oberflächen. Es ist überwältigend“, erinnert sich Burioni und ist sich sicher: „Mithilfe von Simulationen wird man in Zukunft viel herausfinden können.“
Im Projekt der barocken Deckenmalerei fängt das Team bereits in Zusammenarbeit mit dem LRZ an, die Wirkung auf die Sinne stärker zu erforschen und in einem ersten Schritt die Beleuchtung zu simulieren.
Die neuen Methoden machen es auch möglich, dem Wissen und Können der damaligen Künstler auf die Spur zu kommen. Seit dem 15. Jahrhundert wurden Techniken der Perspektive und des Sehens theoretisch besprochen. „Es gab in der frühen Neuzeit Handbücher, wie man so ein Bild konstruiert“, erklärt Stephan Hoppe. Zunächst wurden Skizzen entworfen und diese dann auf Karton übertragen. „Die frühneuzeitliche Kunst unterscheidet sich vom Mittelalter, weil es Papier gibt. Die Kartons wurden eins zu eins an der Decke angebracht und in groben Linien durchgepaust mit Einritzungen – diese Einritzungen können wir jetzt digital nachvollziehen. Die Scans sind so genau, dass wir die Farbe wegnehmen können und die Vorzeichnung sehen, die Bauschäden und Risse.“
Auf einmal können die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dank der neuen Technologien viel mehr erkennen und hinterfragen. Bislang war es schwierig nachzuvollziehen, ob zum Beispiel Beleuchtungen von Deckengemälden in verschiedenen Schlössern ähnlich waren. Nun lassen sich mithilfe der Künstlichen Intelligenz Muster und auch Unterschiede zu allen möglichen Aspekten finden. „Damit kommen wir wieder zurück zu Kernpunkten unseres Fachs: Was ist eigentlich Gestaltung? Das schätze ich sehr“, sagt Stephan Hoppe.
So lassen sich anhand der digitalen Abbildungen nicht nur die handwerklichen Prozesse besser nachvollziehen, sondern auch, wie sich das Wissen darüber damals in Europa verbreitet hat. Stephan Hoppe spricht vom „Fluss der Ideen“ und „sozialem Lernen“.
Die barocken Deckengemälde sind keine Einzelwerke. Die Werke sind entstanden im Zusammenhang von Künstlerwanderungen.Stephan Hoppe, Professor für Kunstgeschichte an der LMU mit den Schwerpunkten Bayerische Kunstgeschichte, Architekturgeschichte und Digitale Kunstgeschichte und Leiter des Projekts „Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland“
„Die barocken Deckengemälde sind keine Einzelwerke. Die Werke sind entstanden im Zusammenhang von Künstlerwanderungen.“ Auch diese frühen Mechanismen des Kulturaustauschs und der Weitergabe von Wissen wollen die Forschenden im Projekt abbilden. Dafür werden auch alle bislang vorhandenen Dokumentationen zu den einzelnen Räumen und möglichen früheren Restaurierungskampagnen digital erfasst. „So entsteht ein digitaler Katalog. Wir sehen, wie sich Künstler organisiert haben und wie sie gewandert sind, was sie gelesen haben und wie und in welchen Medien ihre Auftraggeber ihre Anliegen ausgedrückt haben.“
Einen ersten Eindruck kann der Wissensgraph geben, der auf der Website netzwerkartig vorstellt, was bislang über die Deckenmalereien und ihre Zusammenhänge bekannt ist.
Für uns ist die Digitalisierung ein wirkliches Erfolgsmodell, um mit dem Publikum ins Gespräch zu treten. Bislang wurde gedacht, durch das Digitale wird vom Originalen abgelenkt. Aber in Wirklichkeit haben viele die Werke überhaupt erst entdeckt, weil sie digital zugänglich sind.Stephan Hoppe, Professor für Kunstgeschichte an der LMU mit den Schwerpunkten Bayerische Kunstgeschichte, Architekturgeschichte und Digitale Kunstgeschichte und Leiter des Projekts „Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland“
„Für uns ist die Digitalisierung ein wirkliches Erfolgsmodell, um mit dem Publikum ins Gespräch zu treten“, sagt Stephan Hoppe. „Bislang wurde gedacht, durch das Digitale wird vom Originalen abgelenkt. Aber in Wirklichkeit haben viele die Werke überhaupt erst entdeckt, weil sie digital zugänglich sind.“
Gerade die barocke Deckenmalerei zeige eine Kunst, die Teil der Lebenswelt ist. Stephan Hoppe möchte dazu einladen, sich darauf einzulassen. „Es sind für uns exotische Sinneseindrücke. Wir lernen durch die Deckenmalerei andere Welten und auch unser kulturelles Erbe besser kennen.“
Das Corpus der barocken Deckenmalerei wird im Akademienprogramm vom Bund sowie den Ländern Bayern und Hessen gefördert. Es ist ein Projekt der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, mit Arbeitsstellen am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München und am Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg.
Alle erfassten Daten, Dokumentationen, Fotos und Simulationen werden Open Access veröffentlicht und sind auf der Publikationsplattform im Internet zugänglich. Dafür arbeitet das Projektteam auch mit Wikimedia bzw. Wikidata zusammen, um keine neue digitale Insel zu schaffen, sondern die Daten global verknüpfbar zu machen. Die Daten vernetzen sich dadurch automatisch mit denen anderer Projekte weltweit.
Zur Publikationsplattform: www.deckenmalerei.eu
Prof. Dr. Stephan Hoppe ist Professor für Kunstgeschichte an der LMU mit den Schwerpunkten Bayerische Kunstgeschichte, Architekturgeschichte und Digitale Kunstgeschichte und leitet das Projekt „Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland“.
PD Dr. Matteo Burioni ist Projektkoordinator und leitet die Arbeitsstelle München des Projekts.
Das Team im Projekt Corpus der barocken Deckenmalerei arbeitet interdisziplinär. Die Lektüre der Kunsthistorikerinnen und -historiker reicht dafür weit über ihr Fach hinaus. Einen Eindruck vermittelt folgende kleine Auswahl:
Daniel C. Dennett: Von den Bakterien zu Bach – und zurück. Die Evolution des Geistes. Suhrkamp 2025
Tom Griffiths: The Laws of Thought: The Quest for a Mathematical Theory of the Mind. William Collins 2026
Max Bennett: A Brief History of Intelligence. Harper Collins 2023.
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