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Gebärdensprache: Bildung darf nicht an Sprache scheitern

29.06.2026

Cornelia Ruppert unterrichtet am Lehrstuhl für Hören und Kommunikation angehende Fachkräfte in Deutscher Gebärdensprache.

Eine Dozierende in Gebärdensprache und drei Seminarteilnehmerinnen

Cornelia Ruppert im DGS Unterricht | © privat

Wo hinschauen? Wie kommunizieren? Cornelia Ruppert, taube wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sonderpädagogik – Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation einschließlich inklusiver Pädagogik, kennt die Unsicherheit hörender Personen beim ersten Kontakt. Bei der Begrüßung zum Interview erklärt sie deshalb freundlich, wie Kommunikation gelingt, wenn eine Gebärdensprachdolmetscherin anwesend ist: Man schaut die gebärdende Person an – nicht die Dolmetscherin, die simultan in Laut- bzw. Gebärdensprache übersetzt. Eigentlich selbstverständlich. Und für viele Hörende dennoch ungewohnt.

Berührungsängste nehmen – darin ist Cornelia Ruppert seit vielen Jahren erfahren. Sie leitet eine Gebärdensprachschule und arbeitet zudem seit Oktober 2023 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU. Dort qualifiziert sie angehende Lehrkräfte sowie Pädagoginnen und Pädagogen für die Arbeit mit tauben und schwerhörigen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. „Die Ausbildung in Gebärdensprache zu verbessern – das ist mein Herzenswunsch“, erklärt sie. Darüber hinaus ist sie an einem von der DFG geförderten Forschungsprojekt des Lehrstuhls beteiligt, das die sprachliche, kognitive und sozial-emotionale Entwicklung von tauben, schwerhörigen und hörenden Kindern im Vorschulalter untersucht.

Cornelia Ruppert wurde als taubes Kind tauber Eltern geboren – im Vergleich zu vielen anderen tauben Kindern eine privilegierte Ausgangssituation, wie sie beschreibt. „So konnte ich von Anfang an in Gebärdensprache kommunizieren. Das war wertvoll für den Spracherwerb!“

Traumatische Erinnerungen

An ihre Schulzeit hat sie allerdings traumatische Erinnerungen. Obwohl taub, besuchte sie damals eine „Schule für Schwerhörige“ (heute: Schulen mit dem sonderpädagogischen Schwerpunkt Hören und Kommunikation). „In meiner Klasse haben alle gesprochen, die Lehrkräfte konnten nicht gebärden, für mich war das sehr anstrengend und frustrierend.“

Professorin und Lehrstuhlinhaberin Laura Avemarie ergänzt hierzu, dass taube und schwerhörige Menschen in der Vergangenheit vielfach körperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt waren. „Sowohl im schulischen als auch im privaten Umfeld kam es u. a. im Zusammenhang mit dem Erlernen der Lautsprache Kindern und Jugendlichen gegenüber zu Gewalt und zur massiven Unterdrückung der Gebärdensprache.“ Das musste auch Cornelia Ruppert erfahren: Während andere Kinder nachmittags auf dem Pausenhof spielten, saß sie mit einer Lehrkraft im Klassenraum, pustete Wattebäusche über den Tisch, formte Silben mit Lauten. Immer wieder fuhrwerkte die Lehrkraft mit einem Holzspatel in ihrem Mund herum. Eine menschenunwürdige Ausübung damaliger „Pädagogik“ – gerade gegenüber Kindern. Im Zeugnis stand ganz oben, was sie nicht konnte: Artikulieren, Töne bilden, sprechen. Diese Zeit war stark von dem Gefühl geprägt, nicht auszureichen – weniger wegen der Taubheit selbst, als vielmehr wegen des gesellschaftlichen Umgangs mit Taubheit, der vielfach zu Bildungsentzug führte.

Lange ging man davon aus, dass die Gebärdensprache den Erwerb der Lautsprache behindere. Um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, sollten Kinder mit Taubheit/Schwerhörigkeit daher die Lautsprache erlernen. Inzwischen ist durch Forschung belegt, dass die Gebärdensprache den Lautspracherwerb nicht hemmt, sondern vielmehr fördert. Seit 2002 ist die Deutsche Gebärdensprache zudem als eigenständige Sprache in Deutschland anerkannt.

Für mehr Qualität im Unterricht

Heute wird das zentrale Ziel verfolgt, so Avemarie, Kindern mit Taubheit/Schwerhörigkeit möglichst früh Zugang sowohl zur Gebärden- als auch zur Lautsprache zu ermöglichen und ihnen damit die Potenziale eines mehrsprachigen Aufwachsens zu eröffnen. Dies gilt insbesondere für Kinder, die in Familien mit hörenden Eltern aufwachsen. Voraussetzung dafür sind gebärdensprachkompetente Fachkräfte in Frühförderung, Kita und Schule.

Daten des Forschungsprojekts „ReaDi“ des Lehrstuhls zeigen jedoch, dass hier weiterhin ein deutlicher Handlungsbedarf besteht: Nur etwa ein Viertel der Fachkräfte an Schulen mit dem sonderpädagogischen Schwerpunkt Hören und Kommunikation verfügt über ausreichende Gebärdensprachkompetenzen, um Kindern in Deutscher Gebärdensprache vorlesen zu können. Fehlende Gebärdensprachkompetenzen erschweren dabei nicht nur die Kommunikation mit den Kindern, sondern beeinflussen auch die Qualität des Unterrichts. „Wenn Kommunikation zwischen Lehrkräften und Lernenden nur eingeschränkt möglich ist, beeinträchtigt das die Bildungschancen tauber Kinder erheblich“, so Avemarie.

Das 15-köpfige Team des Lehrstuhls möchte daran etwas ändern. Avemarie hat kontinuierliche studienbegleitende Kurse in Deutscher Gebärdensprache eingeführt, um Studierende besser auf ihre späteren Berufe vorzubereiten. Zudem setzt sich der Lehrstuhl dafür ein, Menschen mit Taubheit/Schwerhörigkeit stärker an Forschung zu beteiligen.

Bislang findet die Expertise tauber Menschen – nicht nur in der Wissenschaft – noch zu wenig Anerkennung, so Cornelia Ruppert: „Die taube Community ist eine Minderheit innerhalb der hörenden Mehrheitsgesellschaft. Trotz jahrelanger Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit bleiben wir häufig unsichtbar. Umso wichtiger ist Partizipation in der Forschung“, erklärt sie.

Langfristig wünscht sie sich, dass taube/schwerhörige Kinder von Anfang an Zugang zur Gebärdensprache erhalten und Deutsche Gebärdensprache an allgemeinen Schulen selbstverständlich unterrichtet wird – wie Englisch oder Französisch. „Eine echte Veränderung beginnt erst dann, wenn Gebärdensprache flächendeckend als Unterrichtsfach etabliert wird“, so Ruppert.

Damit würde auch deutlicher, welches Potenzial Sprache entfalten kann: Verständigung zwischen wirklich allen ermöglichen und Verbindungen schaffen. Kommunikationsbarrieren entstehen nämlich nicht bei tauben Menschen, sondern in einer Gesellschaft, die überwiegend auf hörende Menschen ausgerichtet ist. „Verstehen kann man das leichter durch einen Perspektivwechsel“, betont Avemarie. „Man könnte eben auch sagen: Nicht Cornelia Ruppert braucht eine dolmetschende Person – Hörende brauchen eine.“

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