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Barrieren gemeinsam überwinden

16.06.2026

Inklusionstutorinnen und -tutoren unterstützen Studierende mit Beeinträchtigung.

Gruppenbild vom Team der Inklusionstutorinnen und -tutoren vor einem LMU-Gebäude

Inklusionstutorinnen und -tutoren der LMU

mit Dr. Margit Weber, Vizepräsidentin für Chancengerechtigkeit, Talentförderung und Diversität | © LMU

Einen neuen Hörsaal zu finden, ist für viele Studierende knifflig. Für Studierende mit Beeinträchtigung aber kann es zum Großprojekt werden: Gibt es einen Aufzug? Wie lange dauert der Umweg über die Rampe? Wie sind die Lichtverhältnisse im Seminarraum? Und wird man sich nach all dem Stress noch auf die Vorlesung konzentrieren können? In solchen Situationen kann es helfen, jemanden an seiner Seite zu haben – wie die Inklusionstutorinnen und -tutoren der LMU.

„Diese Studierenden unterstützen die Kommilitoninnen und Kommilitonen mit Beeinträchtigung im Unialltag“, erklärt Romy Hoche, akademische Beraterin der Zentralen Studienberatung und Ansprechpartnerin für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung der LMU. „Ehrenamtlich helfen sie bei der Orientierung in Gebäuden, beim Abgehen von Wegen – und auch dort, wo Barrieren nicht sichtbar sind.“

Denn nicht immer sind es altehrwürdige Treppen, die den Weg versperren: Auch Unsicherheiten bei Abgabefristen, der Prüfungsanmeldung oder der Suche nach der richtigen Ansprechperson können ein Hindernis sein.

Neue Ehrenamtliche aus BWL und Sinologie

Team der Beratungsstelle für Studierende mit Beeinträchtigungen der ZSB

Team der Beratungsstelle für Studierende mit Beeinträchtigungen der ZSB | © ZSB

Rund 17 Prozent der LMU-Studierenden haben eine gesundheitliche Beeinträchtigung, die ihr Studium erschwert. „,Beeinträchtigung‘ kann dabei sehr viel bedeuten“, sagt Romy Hoche. „Es reicht von körperlichen und motorischen Einschränkungen über Seh- und Hörbehinderungen bis zu chronischen oder psychischen Erkrankungen.“ Auch neurodivergente Formen des Lernens und Denkens, etwa ADHS, Autismus oder Legasthenie, zählen dazu.

Um diese Studierenden zu unterstützen, wurden seit 2018 mehr als 100 Inklusionstutorinnen und -tutoren an der LMU ausgebildet. Koordiniert von der Beratungsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung der Zentralen Studienberatung, sind derzeit rund 60 Ehrenamtliche aus unterschiedlichen Studiengängen aktiv: von Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft über Informatik, Humanmedizin und Politikwissenschaften bis hin zu Rechtswissenschaften und – fachbereichsübergreifend – dem Seniorenstudium. Mit den 26 Teilnehmenden, die gerade den jüngsten Ausbildungskurs abgeschlossen haben, sind nun auch die Studienbereiche BWL und Zahnmedizin vertreten.

„Die neuen Inklusionstutorinnen und -tutoren zeigen, dass Studierende unserer Universität Chancengerechtigkeit und Inklusion aktiv mitgestalten wollen, indem sie sich ehrenamtlich für ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen mit Behinderungen engagieren. Gleichzeitig bauen wir als LMU die Strukturen zur gleichberechtigten Teilhabe kontinuierlich weiter aus – für mich ist die Beseitigung bestehender Nachteile Leitprinzip. Ich danke den neuen Inklusionstutor:innen ganz herzlich für ihren Einsatz für eine inklusive Universitätskultur und Gesellschaft“, sagt Dr. Margit Weber, Vizepräsidentin für Chancengerechtigkeit, Talentförderung und Diversität an der LMU.

Lehramtsstudent Yanis Bell war über einen Newsletter auf die Tätigkeit aufmerksam geworden – und wurde Inklusionstutor, weil „der Zugang zu barrierefreier Bildung ein absolutes Grundrecht und unabdingbar ist.“ Er unterstützt Studierende mit Beeinträchtigungen vor allem in seinen eigenen Fachbereichen. „Darüber hinaus wirke ich an kleineren Teamprojekten mit und setze eigene Projekte um, beispielsweise im Bereich der Sichtbarkeit und Sensibilisierung für Inklusionsthemen“, so Bell.

Kontakt auf Peer-Ebene

Als häufiges Problem sieht er, dass Studierende mit Beeinträchtigung Unterstützungsangebote der Universität nicht in Anspruch nehmen. Manche wüssten gar nicht, welche Angebote es gibt. Andere fühlten sich selbst nicht „beeinträchtigt genug“ oder zögerten, ihre Bedürfnisse anzusprechen, aus Angst vor mangelndem Verständnis.

„Hier wirken die Inklusionstutorinnen und -tutoren als niedrigschwellige Ansprechpersonen“, erklärt Romy Hoche. Oft falle es Studierenden leichter, zunächst auf Peer-Ebene mit jemandem zu sprechen. Und wenn Abschlussarbeiten, Fristen oder Höchststudiendauer Druck erzeugen, könne es helfen, die nächsten Schritte gemeinsam zu gehen: Informationen nachzulesen, eine passende Ansprechperson zu suchen oder eine E-Mail zu formulieren, so Hoche. Zudem können die Tutorinnen und -tutoren auf Möglichkeiten wie Nachteilsausgleiche hinweisen und an die zuständigen Stellen verweisen.

Gerade die Organisation des Unialltags sei für viele eine schwierige Aufgabe. „Sich für Lehrveranstaltungen anzumelden, Räume zu finden oder Literatur zusammenzustellen: Das kostet viel Zeit und Kraft, wenn man auch Arzttermine, Therapien oder Hilfsmittel organisieren und zugleich seine Energie einteilen muss“, erklärt Romy Hoche. „Und manchmal ist es nötig, das Telefon in die Hand zu nehmen und bei einer offiziellen Stelle nachzufragen.“ Gerade für Studierende mit psychischen Erkrankungen oder Autismus könne dies aber eine große Hürde sein.

Einblicke aus dem Alltag von Studierenden mit Beeinträchtigungen

Gerade die nicht sichtbaren Beeinträchtigungen würden im Studienalltag oft unterschätzt. „Wer eine chronische Erkrankung hat, von Migräne, Epilepsie, Fatigue, einer psychischen Erkrankung oder von ADHS betroffen ist, stößt nicht immer auf Verständnis“, sagt Hoche. „Dabei können betroffene Studierende wegen der Beeinträchtigung große Mühe haben, den Stoff zu strukturieren, Fristen einzuhalten oder lange Konzentrationsphasen durchzustehen.“

Im Ausbildungskurs werden angehende Tutorinnen und Tutoren für solche Bedürfnisse sensibilisiert. Zunächst geht es um grundlegende Begriffe wie Beeinträchtigung, Behinderung, Inklusion und Barrieren und darum, was sie konkret im Studium bedeuten. In einem Moodle-Kurs beschäftigen sich die Teilnehmenden außerdem mit verschiedenen Formen von Beeinträchtigung und ihren möglichen Auswirkungen im Studienalltag.

Studierende mit Beeinträchtigung berichten selbst aus ihrem Alltag und beantworten Fragen. Zudem ertasten die Teilnehmenden Brailleschrift, planen den Weg vom Marienplatz zu einem Hörsaal im Rollstuhl und hören, wie eine Vorlesung mit Cochlea-Implantat klingt. „Dabei wollen wir keine Schablonen vermitteln“, sagt Hoche. Entscheidend sei vielmehr, den tatsächlichen, individuellen Bedarf im Blick zu haben: „Was braucht eine Person konkret, damit sie gut studieren kann?“

Unterstützen und sensibilisieren

Für den Anglistik-Studenten Kim Ly Pham, der sich in der jüngsten Kohorte zum Inklusionstutor ausbilden ließ, war gerade dieser Praxisbezug wichtig. „Mir hat besonders gefallen, dass nicht nur theoretisches Wissen vermittelt wurde, sondern es auch praktische Aufgaben gab“, sagt er. Am wichtigsten sei aber gewesen, „die persönlichen Erfahrungen von betroffenen Studierenden zu hören“. Der Kurs habe mehrfach deutlich gemacht, „dass jeder seine Beeinträchtigung anders empfindet und damit umgeht“. Deshalb gebe es auch nicht „die eine richtige Lösung, die allen helfen kann“.

Am Ende der Ausbildung wird auch die Rolle der Inklusionstutorinnen und -tutoren geklärt. Wo können sie selbst unterstützen? Wo sollten sie an die Beratungsstelle oder andere Anlaufstellen verweisen? „Wir versuchen es mit einer Kombination aus praktischer Unterstützung und struktureller Sensibilisierung“, sagt Hoche. So sollen die Tutorinnen und Tutoren nicht nur einzelnen Studierenden im Alltag helfen, sondern auch dazu beitragen, Barrieren in den Fächern früher zu erkennen.

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