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„Ihr Mut beeindruckt bis heute"

03.05.2021

Vor hundert Jahren wurden Sophie Scholl und Hans Leipelt geboren. In Erinnerung bleiben sie als junge Menschen, hingerichtet von einem Unrechtsstaat. Die Aktualität ihres Widerstandes ist ungebrochen.

Zivilcourage lernt man von den Widerstandskämpfern der „Weißen Rose“, an die vor dem Hauptgebäude der LMU ein Bodendenkmal erinnert. In letzter Zeit werden hier immer wieder Kerzen aufgestellt und Blumen hingelegt, erzählt Dr. Hildegard Kronawitter, die Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung.

Auch im Lichthof der Universität steht eine weiße Rose, in einer mit Wasser gefüllten Grappaflasche. In vielen Filmen war der Lichthof schon zu sehen, er ist die perfekte Kulisse für Flugblätter, die von oben in die Tiefe flattern, weiß und schön und tödlich. Einen ganzen Stoß hat Sophie Scholl im Februar 1943 von der Balustrade geschubst oder geworfen, keiner weiß das genau. Was man weiß, ist, dass eben diese Flugblätter und ein beflissener Hausmeister, der die Geschwister festhielt und den Vorfall der Geheimen Staatspolizei meldete, das Schicksal der Weißen Rose besiegelten.

An sieben Namen erinnert die Gedenktafel, die bereits seit 1946 auf der oberen Galerie im Lichthof hängt, Sophie Scholl ist der prominenteste. Die Widerstandskämpferin wurde nur wenige Tage nach ihrer Verhaftung in Stadelheim hingerichtet. Am 9. Mai wäre sie hundert Jahre alt geworden. Im Gedächtnis bleibt sie als Zweiundzwanzigjährige. Hochbegabt, naturliebend, feinsinnig. Eine starke Persönlichkeit, die mit dem Nationalsozialismus brach und für Freiheit kämpfte.

„Ihr Mut, ihre Standhaftigkeit, die klare Sicht auf das Unrecht des NS-Staats und den sinnlosen, grausamen Krieg beeindrucken bis heute“, so Dr. Hildegard Kronawitter. Zahllose Bücher und Filme kreisen um Sophie, ihre so modern wirkenden Schwarzweißporträts kursieren im Netz, der Widerstand der Weißen Rose ist Thema im Geschichtsunterricht, es gibt Scholl-Schulen, Scholl-Straßen und Scholl-Institute.

Sophies Bild prangte aber auch schon auf Plakaten, die tolldreist behaupteten, „Sophie Scholl würde AfD wählen“. Ein Spuk, den eine Unterlassungsklage – die Bildrechte an dem Foto waren nicht freigegeben – glücklich beendete. Und sie wurde, ebenfalls missbräuchlich, im vergangenen Jahr von „Jana aus Kassel“ zitiert, die während einer Querdenkerdemo in Hannover auf die Bühne trat. „Ich fühle mich wie Sophie Scholl,“, sagte Jana, „da ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde.“ Empörung und Häme waren groß nach diesem Auftritt. Das Beispiel zeigt aber nicht nur, wie manche den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie mal eben einkassieren. Es demonstriert auch das große Bedürfnis, sich an moralischen Vorbildern aus- und aufzurichten.


„Junge Menschen sind auf der Suche nach Werten“, stellt Professor Markus Gloe vom Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaften fest. Vorbilder fänden sie nicht in Mitläufern, den „Bystandern“, sondern in den „Upstandern“ der amerikanischen „Holocaust Education“. „Upstander“ wie Sophie Scholl, die Schülerinnen und Schüler sowie Studierende ermutigen, kritisch zu denken.

„Sophie Scholl ist ein Vorbild für Zivilcourage – und wir brauchen solche Vorbilder. In den digitalen Medien, aber auch an Schule und Universität“, sagt Professor Gloe. „Denn Wissenschaft ist Auseinandersetzung, Debatte, Streit – das ist das Salz in der Suppe.“

Sein Kollege Professor Michele Barricelli vom Historischen Seminar erklärt: „Erinnern braucht klare Botschaften.“ Sophie Scholls kurzes Leben hat sich zu einer solchen Botschaft geformt. „Mit ihrem Namen erreicht man Menschen, er öffnet die Imagination. Wir verbinden damit die Vorstellung von einem anderen, besseren Deutschland.“

Abgenutzt hat sich der Name Sophie Scholl in den vergangenen Jahrzehnten nicht. Im Gegenteil. „Unsere Empirie sagt: Die Berühmtheit und Nähe nimmt mit den Jahren zu“, so Barricelli. „Die Scholls sind als Archetypen von Interesse, die in ihrer Übermenschlichkeit als Modelle angesehen werden.“


Hans Leipelt führte die Arbeit der Weißen Rose fort

Nicht jeden Widerstandskämpfer haben die Jahrzehnte in den Rang eines Role-Models gehoben. Während Sophie Scholl und die Weiße Rose sich schon früh und nachhaltig ins kollektive Gedächtnis einprägten, ist der siebte Name, der auf der Tafel im Lichthof steht, nur den allerwenigsten bekannt – obwohl Hans Leipelt, der Widerstandskämpfer, der in diesem Jahr ebenfalls seinen hundertsten Geburtstag feiert, die Arbeit der Weißen Rose nach der Ermordung von Sophie und Hans Scholl und Christoph Probst aktiv fortsetzte.

Dabei sah es zunächst durchaus nicht danach aus, als würde ausgerechnet Leipelt gegen das Regime aufbegehren, hatte er doch als Soldat an zwei Feldzügen teilgenommen und mehrere Auszeichnungen erhalten. Dann allerdings entließ man ihn aus der Wehrmacht, weil seine Mutter Jüdin war. Tief gekränkt studierte Leipelt ein paar Semester Chemie in Hamburg, schlüpfte dann aber im Wintersemester 41/42 am Chemischen Staatslaboratorium in München unter. Dort führte der Nobelpreisträger Heinrich Otto Wieland sogenannte „Halbjuden“ offiziell als „Gäste des Geheimrats“.


Hans Leipelt freundete sich mit der Chemiestudentin Marie-Luise Schultze-Jahn an (damals Marie-Luise Jahn), die Jahre später in einem Zeitungsinterview in aller Offenheit erzählt: „Das war jemand, der entsetzlich viel sprach. Er war so unausgeglichen, so schwierig.“ Sie beide hätten sich „oft gestritten, weil er sehr temperamentvoll war und furchtbar unvorsichtig.“ Und doch zogen sie an einem Strang, als Hans Leipelt in seinem Briefkasten jenes sechste Flugblatt fand, geschrieben unter dem Eindruck der Niederlage von Stalingrad, und von den Hinrichtungen erfuhr. „Ganz spontan entschlossen wir uns: Wir müssen das weitermachen!“ schreibt Marie-Luise Schultze-Jahn später.

„…und ihr Geist lebt trotzdem weiter!“, setzten sie auf das Flugblatt, das sie mehrfach abtippten und verteilten. Nach der Hinrichtung Professor Kurt Hubers, der das Flugblatt verfasst hatte, sammelte Leipelt zusammen mit anderen Chemiestudierenden heimlich Geld für dessen völlig mittellose Familie – und wurde von einem Unbekannten verraten.

Am 8. Oktober 1943 nahm man Leipelt fest. Hingerichtet wurde er am 29. Januar 1945. In der Urteilsverkündung heißt es, Leipelt habe „ständig ausländische Rundfunksendungen abgehört und unter den Studenten der Hochschule eine staatsfeindliche bolschewistische Propaganda entfaltet.“ Alle, die man im Zuge seiner Verhaftung ebenfalls festgenommen hatte, seien, „mehr oder weniger ein Opfer dieses Angeklagten, der in überaus geschickter Weise es verstanden hat, seine zersetzenden Ideen zu verbreiten.“ Er werde deshalb „wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung zum Tode und dauerndem Ehrverlust verurteilt.“

Der Abschiedsbrief Leipelts an seine Schwester, geschrieben am Tag der Hinrichtung, ist voller Reue: „Auch Dich bitte ich nun zum Schluß, Du möchtest mir meine häufige Lieblosigkeit gegen Dich, meinen Egoismus, vor allem meinen maßlosen Mangel an Selbstbeherrschung vergeben, durch den ich auch Dich ins Unglück gestürzt habe.“ Das berührt. Und zeigt eine zutiefst verletzte Persönlichkeit, die in ihrer Komplexität zur pathetischen Idealisierung nicht recht taugen will.

Erinnert wird an Leipelt allerdings durchaus. Auf der Gedenktafel; in der DenkStätte, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, „die Botschaft, die sich mit der Weißen Rose verbindet, ins Heute zu tragen“, so Dr. Hildegard Kronawitter.

Aber auch auf dem Campus der Fakultät für Chemie und Pharmazie. Nicht nur wurde das Foyer im Gebäude F des weitläufigen Trakts in Großhadern zum Hans-Leipelt-Foyer erklärt. Man richtete auch im Jahr 2000 einen Hans-Leipelt-Seminarraum ein, in dem mehrere Tafeln über das kurze, engagierte Leben des jungen Chemiestudenten aufklären. Professor Herbert Mayr war Dekan der Fakultät, als die Fachschaft auf Anregung von Wolfgang Weigand, inzwischen Professor für Anorganische Chemie in Jena, das Erinnern an Leipelt anschob.

Mit dem Gedenken an den Studenten bleibt auch die Erinnerung an Nobelpreisträger Heinrich Otto Wieland lebendig, der niemals die Hand zum Hitlergruß gehoben haben soll und für die „Halbjuden“ an seinem Institut ein sehr hohes Risiko einging. „Wieland ist ein Vorbild, nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Mensch“, sagt Professor Mayr. „Er ist bis an die Grenze gegangen und hat durch sein Wirken viel Gutes getan.“ Zwar war Wieland kein aktiver Widerstandskämpfer. „Aber er war eine jener wenigen integren Personen, die das Leben einigermaßen erträglich gestaltet haben.“


Auch das ein Beispiel herausragender Zivilcourage in einer Zeit, in der man schon mit ein paar falschen Worten sein Leben aufs Spiel setzen konnte. „Ich würde mir wünschen, dass wir nicht nur einige wenige Menschen, sondern ein ganzes Spektrum von Widerstand im Kopf haben“, sagt Michele Barricelli.

Aber wird die Erinnerung an die Widerstandskämpfer auch in die Zukunft reichen? Als Historiker antwortet Barricelli lieber mit einem Blick in die Vergangenheit. „Vor fünfzig Jahren hätte man eher gesagt: Wir werden ein bisschen Aufarbeitung leisten und dann den Schlussstrich ziehen. Niemand hätte vorausgesehen, dass uns das Erinnern so viel bedeuten würde.“ Ein Deutschland ohne Erinnerungskultur aber – das sei heute nicht mehr denkbar.

Monika Goetsch

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