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LMU-Alumna Anna-Maria Walter: Liebe, Umwelt und Hochgebirge

31.08.2026

Die Anthropologin Anna-Maria Walter erforscht Beziehungen und digitale Kommunikation, Bergtourismus sowie Formen des Wissens über Schnee, Eis und Gletscher.

Anthropologin Anna-Maria Walter forscht unter anderem zu Menschen und ihrem Verhältnis zu Bergregionen. | © Asim Ali

Beim Zähneputzen, frühmorgens im Innenhof, hatte Anna-Maria Walter einen beinahe unwirklichen Ausblick: „Von der Wasserquelle aus sah ich ringsum unzählige Sechs- bis Siebentausender, von Schnee und Gletschern bedeckt, manchmal von Wolken verhüllt.“ Für ihre Forschung lebte die Anthropologin über ein Jahr lang in Oasendörfern in Nordpakistan. „Durch das Schmelzwasser sind sie überraschend grün und üppig, umgeben von karger Hochgebirgswüste.“

Die Anthropologin und LMU-Alumna erforscht, wie Menschen in Bergregionen leben, ihre Umwelt wahrnehmen und mit gesellschaftlichen und ökologischen Veränderungen umgehen. „Mich interessiert, wie Menschen ihre Beziehungen untereinander und zu ihrer Umgebung gestalten und wie sich diese Beziehungen im Laufe der Zeit verändern.“

Walter studierte Sozial- und Kulturanthropologie an der LMU und absolvierte Praktika etwa beim Museum Fünf Kontinente in München oder bei der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen in Rom. Ihre Magisterarbeit schrieb sie 2009 über die sozialen Auswirkungen des Mobiltelefons im ländlichen Indien. „Damals gab es oft nur ein Handy pro Dorf – das war wie eine Telefonzelle für alle.“ Nach ihrem Aufenthalt in Südindien promovierte sie am Institut für Ethnologie der LMU bei Professor Martin Sökefeld – zum Thema „Intimate connections – Conjugal affection amid Gilgit’s high mountains, Islamic doctrines and mobile phones“.

Kristallpaläste und Mobilkommunikation

2011 reiste sie dafür das erste Mal nach Pakistan – und kehrte fortan immer wieder dorthin zurück. „Ich lernte Urdu und war fasziniert von den Schätzen des Landes, von der Mogul-Architektur bis zu Schreinen, an denen gesungen, getanzt und musiziert wird.“ Für ihre Feldforschung verbrachte sie insgesamt 15 Monate im Hochgebirge in Nordpakistan, in einem Tal in der Nähe der Stadt Gilgit. Dort lebte sie in verschiedenen Familien – um ihren Alltag und ihre Gewohnheiten bei der Handynutzung mitzuerleben. „Zunächst fand die Kommunikation zwischen jungen Leuten vor allem per SMS, später per WhatsApp statt.“

Ihre Zeit verbrachte Anna-Maria Walter vor allem mit den Frauen der jeweiligen Familie. Sie führte Interviews, forschte aber auch ethnografisch, indem sie am gemeinsamen Alltag teilnahm. „Ziel ist es dabei, langjährige, feste Beziehungen aufzubauen und Vertrauen zu schaffen.“ So half sie beim Kochen, im Garten oder bei der Kinderbetreuung. „Bei den jüngeren Frauen war Heiraten ein Dauerthema: Manche waren verlobt, bei anderen stand eine dort übliche Heiratsanbahnung an.“ Einerseits holten sich die jungen Frauen in Liebesfragen Rat von Schamaninnen. Diese bezogen ihre Einsichten der lokalen Mythologie zufolge von Feen, die in Kristallpalästen auf den verschneiten Gipfeln lebten. Andererseits spielte die sich schnell entwickelnde Mobilkommunikation eine große Rolle.

In dem schiitisch-muslimisch geprägten Umfeld, das Walter untersuchte, bestimmten gesellschaftliche und religiöse Normen auch den Kontakt zwischen unverheirateten Frauen und Männern. So sollten sie sich etwa keine Nachrichten schicken. Zudem wurde die Möglichkeit zu telefonieren durch die Kontrolle über die Finanzen eingeschränkt. „Um Guthaben und Datenvolumen zu bezahlen, mussten junge Frauen oft den Ehemann, großen Bruder oder Vater um Geld bitten.“ Doch im Alltag waren die Grenzen weit weniger klar, als Walters rund 100 Interviews zunächst vermuten ließen. „So nahm eine Mutter als Analphabetin die Hilfe ihrer Tochter beim Lesen und Schreiben am Handy in Anspruch – und schaute im Gegenzug bei deren privaten Nachrichten weg.“

Nähe per SMS

Walters Forschung zufolge lösten Mobiltelefone die traditionellen Regeln rund um Liebe und Heirat zwar nicht auf, schufen aber neue Spielräume. „Insbesondere veränderte sich die Phase zwischen der Heiratsanbahnung und dem tatsächlichen Umzug der Frau ins Haus des Mannes“, so Walter. „Über Handynachrichten konnten die zukünftigen Eheleute emotionale Nähe entwickeln und eine gewisse Einheit bilden.“ Ältere Interviewpartnerinnen dagegen, die in den Achtziger- oder Neunzigerjahren geheiratet hatten, kannten ihren Mann beim Einzug in das Haus seiner Familie kaum – und hatten dort zunächst die anderen Frauen als wichtigste Bezugspersonen.

Die für ihre ethnografische Forschung nötige Nähe zu den Familienmitgliedern barg für Walter auch Herausforderungen. „Denn im Alltagstrubel hatte natürlich auch ich nur wenig Privatsphäre.“ Ein täglicher Rückzugsort waren die Feldnotizen. „Jeden Morgen schrieb ich zwei Stunden lang am Computer meine Gedanken und Beobachtungen vom Vortag auf“, erinnert sich die Anthropologin. „Das war auch eine Art Abschalten.“

Nach wissenschaftlichen Stationen unter anderem an der Universität Exeter in England wirkte die Anthropologin als Postdoktorandin an der Universität Oulu, Finnland. „Dort forschte ich zu sozialen und ökologischen Aspekten des Skitourengehens in den Alpen und zu der Frage, wie sich die Wahrnehmung von Berglandschaften im Laufe der Zeit verändert hat.“ Auch in ihren weiteren Arbeiten beschäftigt sich Walter mit Berglandschaften, Schnee und Gletschern, also der sogenannten Kryosphäre, und mit der Frage, wie Menschen sie wahrnehmen und verändern.

Wissen über Feen und Gletscher

2024 wechselte sie als Postdoktorandin an das Rachel Carson Center for Environment and Society der LMU. Hier erforscht sie, wie Menschen Schnee, Eis und Gletscher in den Alpen und im Himalaya wahrnehmen und verstehen. Im Sommersemester 2025 verbrachte sie zudem sechs Monate als Junior Researcher in Residence am Center for Advanced Studies (CAS) der LMU. „Dieses halbe Jahr am CAS hat meine Forschung wirklich stark vorangebracht“, so Walter. „Denn ohne Lehrverpflichtungen hatte ich einmal Zeit, das bislang Gelesene, Erlebte und Erforschte zu ordnen und systematisch zu Papier zu bringen. Und herauszufinden, in welche Richtung sich meine Forschung weiterentwickeln kann.“

Interview mit dem Lehrer einer Schule für Jungen im Bagrot-Tal, der von der langen Tradition des Gletscherpflanzens berichtete.

Interview mit dem Lehrer einer Schule für Jungen im Bagrot-Tal, der von der langen Tradition des Gletscherpflanzens berichtete.

© Asim Ali

Zudem konnte sie in dieser Zeit einen Workshop organisieren. „Dieser gab mir zum ersten Mal Gelegenheit, Forschende aus dem Himalaya und den Alpen zusammenzubringen, darunter lokale Gletscherexperten“, erklärt Walter. Dazu zählten Kooperationspartnerinnen und -partner aus der Schweiz, aber auch von der University of Baltistan in Pakistan.

Für die gemeinnützige Organisation Asian Mountain Academic Alliance (AMAA) nahm sie am World Day for Glaciers in Paris teil – „um Kanäle zu öffnen, gleichberechtigt zusammenzuarbeiten und unterschiedliche Arten von Wissen miteinander zu verbinden – glaziologisches und kosmologisches Wissen, etwa Erzählungen über Feen, die über die Gletscher wachen.“

Menschen zwischen Büro und Bergen

Seit Herbst vergangenen Jahres gehört sie der Forschungsgruppe „Sustainable Urban Environments“ der TUM an. „Wir versuchen, Städte von außen nach innen zu verstehen – weil das urbane und das ländliche Leben heute so stark verzahnt sind“, so Walter. „Menschen arbeiten etwa in der Stadt, verbringen die Ferien aber auf dem Bauernhof der Eltern.“ Dasselbe gelte für Nahrungsmittel- und Energieherstellung: „Vieles, was auf dem Land passiert, gelangt in die Stadt und auch wieder zurück.“

In ihrem nächsten Forschungsprojekt möchte sie untersuchen, wie Menschen unterschiedliche Wissensformen – etwa über Gletscher, Wasser oder Umwelt – miteinander verbinden. „Wann ziehen wir welches Wissen zu Rate? Wie gehen wir mit Widersprüchen um? Und wie erklären wir uns die Unterschiede zwischen den verschiedenen Wissensquellen, die wir parallel in uns tragen?“

Gerade arbeitet Anna-Maria Walter an Forschungsanträgen, mit denen sie auch Nachwuchsforschenden aus Südasien einen Aufenthalt in Europa ermöglichen möchte. So will sie den wissenschaftlichen Austausch stärker in beide Richtungen fördern. „Vor allem will ich die übliche Dynamik, dass Forschende aus dem globalen Norden in den globalen Süden reisen, einfach einmal umdrehen – und Forschung in den Alpen und im Himalaya stärker gemeinsam und auf Augenhöhe gestalten.“

Einmal im Monat werden im Newsroom bekannte und renommierte Alumni der LMU vorgestellt. Wenn Sie selbst eine bekannte Alumna oder einen bekannten Alumnus kennen, melden Sie sich gerne bei uns.

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