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Vom Versuch, Musik zu verstehen

13.12.2021

Welche Rolle spielt Empathie in der Musik? Das erforscht Musikwissenschaftlerin Magdalena Zorn.

Als Musikwissenschaftlerin untersucht PD Dr. Magdalena Zorn die Kommunikationsprozesse zwischen Komponierenden, Musizierenden und Hörenden. Dabei spielt Empathie als die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, eine zentrale Rolle. Im Rahmen des CAS-Schwerpunkts „Empathie" widmet sie sich der Frage, wie sich dieser Feedback-Prozess im Zeitalter digitaler Musik verändert.

Frau Zorn, was ist eigentlich Empathie?

Magdalena Zorn: Empathie ist im Deutschen mit Einfühlung zu übersetzen. Wer empathisch ist, versucht die Emotionen und Gedanken einer anderen Person zu teilen, um ihr Handeln zu verstehen. Empathie ist etwas anderes als Mitgefühl, denn Mitgefühl versucht beispielsweise, den Schmerz einer anderen Person nachzuvollziehen, am eigenen Leib. Im Gegensatz zum Mitgefühl verschmelzen wir beim Vorgang der Empathie nicht miteinander, sondern behalten eine gewisse Distanz zur anderen Person.

PD Dr. Magdalena Zorn

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3:34 | 13.12.2021

Medial erfährt der Begriff einen regelrechten Hype. Woran liegt das?

Ich denke, die Fähigkeit zur Empathie wird aktuell auch deshalb so großgeschrieben, weil sie ein medial weit verbreitetes Kommunikationsverhalten ausgleichen kann, das darin besteht, sich gegenseitig gerade nicht mehr zu verstehen. In den sozialen Medien hat das Tempo der Positionierung wahnsinnig zugenommen und es entstehen unentwegt kommunikative Frontenstellungen. Das erleben wir aktuell in den Positionen zur Corona-Pandemie besonders eklatant. Dabei wäre es ungeheuer wichtig, mehr den Versuch zu unternehmen, unserem Gegenüber empathisch gegenüberzutreten, zu versuchen zu verstehen: Was ist der Grund des anderen, so zu denken oder zu fühlen?

Ein Begriff, der dem Wort Empathie sehr nahesteht, ist die Resonanz, ein Wort, das einen musikalischen Beigeschmack hat. Welche Rolle spielen denn die Empathie oder eben die Resonanz in der Musikwissenschaft?

Die Empathie als ein Konzept des Verstehens spielt in der Musikwissenschaft insgesamt bisher keine zentrale Rolle. Die systematische Musikwissenschaft, die Musikwahrnehmung untersucht, arbeitet aber immer öfter mit dem Begriff. Bei der Frage, wie ich als hörendes Individuum Verbindungen zur Musik knüpfe, ist Empathie natürlich wesentlich. Denn Musik ist ja von Menschen und für Menschen komponiert, es stehen Personen dahinter, in die wir uns einfühlen können. Um auf dieser subjektiven Ebene zu kommunizieren, stelle ich mir als Hörende vielleicht die Frage: Was hat sich der Komponist oder die Komponistin dabei genau gedacht? Um irgendetwas an der Musik verstehen zu können, werde ich mich fragen: Welche Emotionen oder Gedanken artikuliert die Musik?

Hände beim Klavierspielen

© LMU

In der Literatur- und Filmwissenschaft gilt die Empathie als Kernkompetenz, um einem Narrativ zu folgen oder sich in einen fiktionalen Charakter hineinzuversetzen. Wie ist es aber mit einem rein instrumentalen Musikstück?

Eine definitive Antwort darauf könnte da wohl eher eine Neurobiologin geben, die beobachtet, was beim Musikhören im Hirn passiert. Meine Antwort als Musikwissenschaftlerin ist, dass es nicht beliebig ist, in was wir uns einfühlen, wenn wir Musik hören. In was wir uns einfühlen, hängt stark von unserer Hypothese darüber ab, was die instrumentale Musik erzählt und wer die Geschichte erzählt.

Es kann der Komponist eines Klavierstücks sein oder die Pianistin, die seine Komposition interpretiert. Es gibt eben ein Spektrum an Narrativen, das wir in der Musik auffinden können, von den beteiligten Subjekten bis hin zur musikalischen Form. Denn auch die Form der Musik ist eine Art von Narrativ, das mit den Zuhörenden kommuniziert.

Spielt die kulturelle Prägung dabei eine Rolle?

Definitiv in dem Sinn, als dass das Wissen über eine Kultur mir ganz andere Ansatzpunkte liefert, was ich denn überhaupt an einer Musik verstehen könnte. Wir brauchen schon eine gewisse Wissensgrundlage, um uns überhaupt in eine Musik oder die daran beteiligten Menschen hineinversetzen zu können. Ohne dieses Wissen können wir den Kontext gar nicht verstehen, aus dem heraus komponiert, musiziert oder gehört wird. Das zeigt aber auch deutlich, dass der Empathiefähigkeit ein Mindestmaß an Studium vorausgeht, verstanden als Interesse, etwas zu ergründen.

Bei der Oper besteht ein starkes Narrativ im herkömmlichen Sinne. Fühle ich mich hier also eher in die Situation der Protagonisten ein oder doch in das Narrativ der Musik?

In der Oper kommt zusätzlich zur akustischen Darstellung von Gedanken und Gefühlen auch die visuelle Ebene dazu. Wenn eine Opernsängerin wie Anna Netrebko in Verdis La Traviata eine todkranke, verzweifelt Liebende spielt, dann hören wir das nicht nur, sondern sehen das auch. Empathie gelingt leichter mit den Augen als mit den Ohren. Das hat seinen Grund darin, dass wir unseren Höreindrücken weniger Glauben schenken als unseren visuellen Beobachtungen. Hören lässt sich stets, auch schon im Alltag, vom Sehsinn dominieren. Während uns das, was wir hören, lediglich Ahnungen vermittelt, begreifen wir das Sichtbare eher als etwas Handfestes, das wir ergründen können, in das wir uns eben auch einfühlen können.

Im Zuge der Corona-Pandemie sind viele Musiker dazu übergegangen, Live-Konzerte über Youtube zu streamen. Was macht es mit der Empathie, wenn sich Musiker und Zuhörer im virtuellen Raum treffen?

Livestreams gab es natürlich auch schon davor, aber aus der Situation heraus haben viele Musikerinnen und Musiker, wie etwa der Pianist Igor Levit mit seinen Hauskonzerten, zu diesem Kommunikationsmittel gegriffen. Für die Hörerinnen und Hörer ist das allerdings schon eine große Herausforderung. Denn im virtuellen Raum schaltet sich in die intersubjektive Kommunikation zusätzlich eine Art mediale Haut ein, ein digitales Medium vermittelt zwischen den Menschen. Eine weitere Instanz – die Maschine – ist Bestandteil des kommunikativen Prozesses, den wir herkömmlicherweise Feedback nennen. Bei der virtuellen musikalischen Performance müssen wir also nicht nur eine, sondern sogar zwei Hürden nehmen, um uns empathisch zu verhalten. Damit wird es für uns nochmal herausfordernder, etwas über das andere, sei es ein Musiker oder die Musik selbst, zu erfahren.

Die gestreamten Hauskonzerte sind ja auf sehr großen Anklang gestoßen. Wurden diese Hürden also trotzdem überwunden?

Ich denke, dass es bei den Hauskonzerten zwei Seiten gab. Was wegfiel, war das Mindset, mit dem Hörende normalerweise in ein Live-Konzert gehen: Sie kaufen häufig teure Eintrittskarten, kleiden sich extra für diesen Anlass, verlassen ihre private Umgebung, um mit anderen gemeinsam in einem Konzertsaal Beethoven-Sonaten zu hören. Musikliebhaber betreiben dabei einen großen Aufwand, um sich mit Kompositionen auseinanderzusetzen, sich in die Musik einzufühlen. Wenn wir hingegen zu Hause einfach nur einen Youtube-Stream anmachen, fallen diese bildungsbürgerlichen Voraussetzungen weg und jeder, der Internet hat, kann am Konzert teilnehmen. Es bekommen also mehr Menschen Zugang zu der Musik, die sich ein Konzert unter normalen Umständen vielleicht nicht leisten könnten.

Andererseits bleiben wir zuhause aber auch eher in unserer Komfortzone, sind abgelenkt und schalten unter Umständen auch schneller wieder ab, sind vielleicht also nicht so sehr in der Lage, uns von Anfang bis Ende auf die Musik einzulassen. Das Live-Konzert würden wir bis zum Ende mit anhören, bei einem Stream hingegen, der jederzeit gestoppt werden kann, ist es bedeutend contra-intuitiver, sich empathisch zu verhalten.

Wann haben denn Sie selbst zuletzt beim Hören von Musik Empathie empfunden?

Als ich in meinem Garten in Österreich saß und auf dem Plattenspieler eine italienische Oper, die Cavalleria Rusticana, gehört habe. Meine visuelle Umgebung, die alpine Landschaft, verband sich auf berührende Weise mit dem, was ich hörte. Ich habe mich gefragt, wieso mir die Musik vertraut und fremd zugleich erscheint, wieso sie italienisch klingt, wie die Luft gerochen haben mag, als diese Takte komponiert wurden. Es war mein Versuch, etwas an der Musik zu verstehen.

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