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Weiße Rose-Vorlesung: Demokratie braucht Handelnde – jeden Tag

05.02.2026

Die Vorlesung der Journalistin und Buchautorin Natalie Amiri war keine klassische Vorlesung – es war ein leidenschaftliches Plädoyer, aktiv zu werden, um die Demokratie in Deutschland zu verteidigen.

Standing Ovations! Das gab es selten in der langen Tradition der Weiße Rose Gedächtnisvorlesung. Standing Ovations für Natalie Amiri und ihr eindringliches Plädoyer für das Handeln in Zeiten des Erstarkens antidemokratischer Kräfte, die weltweit – und auch in Deutschland – auf dem Vormarsch sind.

Zivilcourage und der Mut zu handeln als Korrektiv dieses Trends – als Beispiel für diese Haltung sieht die erfahrene Journalistin und langjährige Auslandskorrespondentin der ARD Sophie Scholl: „Sie ist bereit gewesen zu handeln – auch im Wissen um die Konsequenzen. Sie verstand ihr Handeln nicht als Heldentat, sondern als Ausdruck ihrer Liebe zur Freiheit“, sagt Amiri in ihrem Vortrag.

Zivilcourage als Haltung

1943 mussten Sophie und Hans Scholl ihren Mut, sich dem nationalsozialistischen Terror entgegenzustellen, teuer bezahlen – mit ihrem Leben. Die Geschwister wurden im Lichthof der LMU von einem Hörsaaldiener festgenommen, als sie das siebte und letzte Flugblatt der Weißen Rose verteilten – ein letzter Akt des Gewissens, der ihr Todesurteil besiegelte. Noch im selben Monat ermordeten die Nationalsozialisten sie gemeinsam mit ihrem Mitstreiter Christoph Probst. Wenig später erlitten Alexander Schmorell, Willi Graf und Professor Kurt Huber das gleiche Schicksal; 1945 wurde auch der Chemiestudent Hans Leipelt als letztes Mitglied der Widerstandsgruppe von den Nazis hingerichtet.

Es waren Studierende und ein Professor, die Zivilcourage zeigten – im Wissen um die Gefahr.

Universitäten sind Orte des Denkens, Zweifelns und Widersprechens

Natalie Amiri, Journalistin, Fernsehmoderatorin und Buchautorin

Natalie Amiri

bei der Weiße Rose-Gedächtnisvorlesung 2026

Auf diese schwärzeste Stunde der LMU und auf die besondere Rolle von Universitäten, demokratische Werte nicht nur zu schützen, sondern fortzuschreiben, verweist bereits LMU-Präsident Professor Matthias Tschöp in seinem Grußwort.

„Angesichts aktueller Angriffe auf Demokratie, wachsendem Antisemitismus, Rassismus und Kriegen tragen Universitäten eine besondere Verantwortung – nicht weil sie moralisch überlegen wären, sondern weil sie Orte des Denkens, Zweifelns und Widersprechens sind“, sagt Tschöp. Orte, an denen man lerne, zwischen Meinung und Argument zu unterscheiden, zwischen Gleichgültigkeit und Verantwortung.

Der Präsident betont, dass Veranstaltungen wie die Weiße Rose-Gedächtnisvorlesung keine Veranstaltungen der „rituellen Rückschau“ seien, sondern „Übungen im Denken und im Handeln“.

Die wichtige Rolle der Universitäten hebt auch Natalie Amiri hervor, die lange aus dem Iran berichtet hat und weiterhin über das Land berichtet. Sie ist sich sicher, dass Wissenschaft und Universitäten Freiheit brauchen – und dass es diese im Iran nicht gibt.

„Dort sind Studierende nach Geschlechtern voneinander getrennt, und sie werden von der Sittenpolizei auseinandergetrieben, wenn sie zu lange miteinander sprechen.“ Amiri erzählt von der Praxis, Studierenden einen Stern zu geben, sollten sie auf einer Demonstration identifiziert werden. „Wenn sie drei Sterne haben, werden sie exmatrikuliert, weil sie gegen die islamische Moral verstoßen haben. Dennoch ist das wichtigste Ziel junger Menschen im Iran zu studieren, weil es der Weg in die Freiheit ist.“

„Zuschauer der Demokratie“

Amiri zieht die Parallele zur Weißen Rose: Obwohl der iranische Staat Studierende drangsaliert und mit unfassbarer Brutalität gegen Demonstrierende vorgeht – bei den jüngsten Protesten wurden rund 30.000 Menschen getötet, noch mehr verletzt, verhaftet und gefoltert –, „werden sie wieder demonstrieren! Weil sie Luft zum Atmen brauchen und die Diktatur ihnen diese Luft nimmt."

Auch die Weiße Rose habe diese Haltung gezeigt – eine Haltung, die in demokratischen Ländern wie Deutschland immer weniger vertreten sei. Mit Blick auf Sophie Scholl betont Amiri:
„Die Aussage, ein einzelner könne nichts ausrichten, ist keine Wahrheit, sondern eine Ausrede, aus der Bequemlichkeit heraus nichts zu tun.“

Eine Tendenz, die sie in Deutschland dieser Tage wahrnehme. Den Kabarettisten Hape Kerkeling zitierend, sagt sie mit Blick auf die Deutschen: „Wir sind Zuschauer der Demokratie!“ Und keine Handelnden, denn Demokratie und Freiheit seien hier zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

„Viele Menschen“, sagt die Journalistin, „haben nie erfahren, wie sich der Verlust von Freiheit anfühlt.“ Doch Menschsein sei nur in Freiheit möglich: „Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung.“

Besonders besorgniserregend sei der Glaube, man könne in Autokratien ähnlich gut leben wie in Demokratien. Auch Autokratien betrieben Politik – aber nur Demokratien ermöglichten es, Mächtige zu hinterfragen und abzuwählen.

Natalie Amiri, Journalistin, Fernsehmoderatorin und Buchautorin

Natalie Amiri

nach ihrer Rede mit dem Titel „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt!“ im Audimax der LMU

© LMU

Brückenbauerin zwischen den Kulturen

Amiri versteht sich als Brückenbauerin. Als Journalistin mit eigener Erfahrung im Iran kennt sie die ständige Angst vor Verhaftung, dem Entzug von Papieren oder einem Ausreiseverbot.

„In Deutschland ist das Äußern der eigenen Meinung kein Mut, sondern ein Recht. Demonstrations- und Meinungsfreiheit sind verfassungsrechtlich garantiert. Gerade deshalb muss man diese Rechte nutzen“, ermutigt sie das Publikum.
In diesem Zusammenhang warnt die Rednerin vor dem Erstarken der AfD und zieht historische Parallelen: Auch die NSDAP wurde demokratisch gewählt. Heute könne niemand sagen, er habe es nicht gewusst.

Und mit Verweis auf Hannah Arendt schließt Natalie Amiri:
„Viele wussten damals, was geschieht – doch zu wenige handelten.“

Demokratie brauche Handelnde. Jeden Tag.

Zur Person:
Natalie Amiri ist eine deutsch-iranische Journalistin und Moderatorin, die seit vielen Jahren für die ARD aus Krisen- und Konfliktregionen berichtet. Bekannt wurde sie vor allem als Moderatorin des Weltspiegels und als profunde Kennerin des Nahen und Mittleren Ostens. Ihre Reportagen zeichnen sich durch Nähe zu den Menschen vor Ort, klare Analyse und einen starken Sinn für die politischen und historischen Zusammenhänge aus.
In ihrem 2025 erschienenen Buch Der Nahost-Komplex verbindet Amiri persönliche Begegnungen mit journalistischer Recherche und politischer Einordnung. Sie macht deutlich, warum die Konflikte der Region so vielschichtig sind – und weshalb einfache Antworten der Realität nicht gerecht werden. Das Buch lädt dazu ein, genauer hinzusehen und unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen.

Zur Weiße Rose-Gedächtnisvorlesung
Die Weiße Rose-Gedächtnisvorlesung an der Ludwig-Maximilians-Universität erinnert jedes Jahr im Februar an den Mut der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose und verbindet historisches Gedenken mit aktuellen Fragen zu Demokratie und Verantwortung. Seit Jahrzehnten sprechen dort herausragende Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kultur – unter ihnen etwa Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – über Zivilcourage und gesellschaftliches Engagement. Veranstaltet wird die Reihe von der LMU in Zusammenarbeit mit der Weiße Rose Stiftung, die sich der lebendigen Vermittlung des Vermächtnisses von Sophie Scholl und ihren Mitstreitern verschrieben hat.

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