LMU-Forschende haben entdeckt, wie ein von Darmbakterien produzierter Botenstoff die Hirnschädigung nach einem Schlaganfall beeinflussen kann. Die Studie zeigt einen neuen Kommunikationsweg zwischen Darm, Immunsystem und Gehirn auf.
Wie stark ein Schlaganfall das Gehirn schädigt, hängt stark davon ab, wie schnell der Blutfluss wiederhergestellt werden kann. Auch die körpereigene Immunantwort, die auf den Schlaganfall folgt, spielt dabei eine wichtige Rolle. Ein Team am Institute for Stroke and Dementia Research (ISD) am LMU Klinikum unter der Leitung von Dr. Corinne Benakis hat nun ein spezifisches bakterielles Signal identifiziert, das diese Immunantwort prägt und den Verlauf eines Schlaganfalls beeinflusst.
Die Forschenden fanden heraus, dass bei Mäusen mit schwerem Schlaganfall Darmbakterien, die Indol produzieren können – ein Botenstoff, der ausschließlich im Darm entsteht –, vermehrt vorkommen. Diese Bakterien tragen das Gen tnaA, mit dem sie die Aminosäure Tryptophan aus der Nahrung in Indol umwandeln können. Im Mausmodell zeigte das Team, dass indolproduzierende Bakterien die Hirnschädigung nach einem Schlaganfall verschlimmerten.
Indol wirkt über einen Rezeptor namens AHR (Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor), der in dendritischen Zellen vorkommt – Immunzellen, die die Darmschleimhaut überwachen und Immunantworten koordinieren. Schalteten die Forschenden AHR gezielt in dendritischen Zellen aus, waren die Mäuse besser vor Hirnschäden geschützt.
„Dendritische Zellen besitzen lange Ausläufer, ähnlich wie Arme, mit denen sie Veränderungen in ihrer Umgebung wahrnehmen können – auch von Darmbakterien produzierte Stoffwechselprodukte. Als wir die AHR deaktivierten, veränderte sich das Verhalten dieser Zellen vollständig: Die dendritischen Zellen wanderten verstärkt vom Darm zu den Hirnhäuten, die das Gehirn umgeben. Dort förderten sie zudem schützende T-Zellen und trugen so dazu bei, die Hirnschädigung zu verringern", sagt Dr. Rosa Delgado Jiménez, die sich die Erstautorschaft mit Alexandria Ruggles und Mujeeb Adedokun teilt.
Die Forschenden fanden zudem Hinweise darauf, dass dieser Signalweg auch beim Menschen eine Rolle spielen könnte. In einer Kohorte von Schlaganfallpatientinnen und -patienten stellte das ISD-Team fest, dass eine höhere Häufigkeit des bakteriellen tnaA-Gens mit einem schlechteren funktionellen Ergebnis nach dem Schlaganfall verbunden war. Die Proben für diese Untersuchung stammten von den Teams von Israel Fernández Cadenas in Barcelona und Lorenz Hirt in Lausanne. Bakterien mit dem tnaA-Gen, die Indol produzieren können, kamen zudem häufiger bei Menschen mit Risikofaktoren für einen Schlaganfall vor, darunter Übergewicht und Typ-2-Diabetes.
Die Studie profitierte zudem von der Transregio-Forschungsgruppe TRR 355, einem von der DFG geförderten Forschungsnetzwerk zu regulatorischen T-Zellen. „Für diese Arbeit brauchten wir Fachwissen, das eine kleine Gruppe wie unsere allein nicht hätte abdecken können", sagt Benakis. „Das TRR355-Netzwerk hat uns finanziell unterstützt, und wir konnten zudem von der Expertise anderer Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter im Konsortium profitieren. Außerdem haben wir mit Michael Zimmermann am EMBL und Michael Gigl an der TUM zusammengearbeitet, um Tryptophan-Metabolite und mikrobielles Indol nachzuweisen – ein technisch anspruchsvolles Unterfangen. Es war wirklich Teamarbeit."
Die Ergebnisse werfen eine wichtige Frage für künftige Forschung auf: Könnte eine gezielte Veränderung des Darmmikrobioms oder der von ihm produzierten Stoffwechselprodukte bei gesunden Menschen das Immunsystem darauf vorbereiten, im Fall eines Schlaganfalls anders zu reagieren? „Wir denken bei einem Schlaganfall meist an eine auf das Gehirn begrenzte Verletzung. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass der Darm die Immunantwort auf diese Verletzung mitgestalten kann", erklärt Delgado Jiménez. „Wir müssen noch klären, ob der von uns bei Mäusen identifizierte Mechanismus auch bei Patienten eine Rolle spielt. Unsere Ergebnisse eröffnen jedoch neue Perspektiven für die Forschung darüber, ob die Darmmikrobiota zukünftig so verändert werden könnte, dass der Verlauf eines Schlaganfalls verbessert wird, beispielsweise durch präventive Maßnahmen bei Menschen mit erhöhtem Schlaganfallrisiko“, sagt Benakis.
Rosa Delgado Jiménez et al.: Gut microbiota primes stroke severity via the AHR in intestinal dendritic cells. Cell 2026