Raum und Vigilanz sind in Teilen wechselseitig konstitutiv. So werden alle Erscheinungsformen von Vigilanz, auch ihre Präskriptionen und Reflexionen, durch räumliche Konstellationen moduliert: Gefahren oder Chancen sind darin lozierbar, die Grade und Wahrscheinlichkeiten der Wahrnehmbarkeit schon angelegt, und selbst das Eintreten in Verantwortungen kann vom Standort der oder des Betroffenen abhängen. Diese Relation ist jedoch potentiell auch umkehrbar und dabei auf signifikante Weise zeitlich instabil. Sie kann sozial, performativ, diskursiv usw. erheblich variiert werden, etwa durch das Eintreffen einer Gruppe, Autorität, Information oder auch schlicht durch das Einsetzen der Dämmerung.
Teilprojekt B01
„Die Wache des Königs halten“. Ominöse Himmelsphänomene und ihre politische Bedeutung in Assyrien und Babylonien im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr.
B01 fragt in Phase II, wie sich die Beziehungen zwischen dem Beobachten, Dokumentieren und Interpretieren von Himmelsphänomenen auf die politische Entscheidungsfindung im Assyrischen Reich (864–612 v. Chr., Schwerpunkt: 7. Jahrhundert v. Chr.) und Babylonischen Reich (625–539 v. Chr.) auswirkte.
Teilprojekt B02
Denunziation und Rüge – Aufmerksamkeit als Ressource bei der Rechtsverwirklichung in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtgesellschaft (1400–1650)
Das Projekt untersucht das Zusammenspiel von den in den städtischen Normen dauerhaft vorgegebenen Aufmerksamkeitserwartungen und den konkreten Settings, in denen einschlägige Normverletzungen auf eine besonders hohe Rügebereitschaft der Einwohner:innen stießen.
Teilprojekt B03
Die Herausforderung der Sinne. Verhüllung und Verdacht im frühneuzeitlichen Madrid
B03 untersucht, welche Effekte und welche Voraussetzungen die Einbindung der Sinneswahrnehmung der Bevölkerung vormoderner Städte in politische und gesellschaftliche Aufgaben besaß.
Teilprojekt B04
Gegen Pest und Korsaren. Gefahrenabwehr auf Korsika, ca. 1650–1800
Das Teilprojekt fragt nach Vigilanz an südeuropäischen Küsten des 17. und 18. Jahrhunderts. Es untersucht lokale litorale Wachsamkeit und ihre Verschränkung mit transmediterranen Sicherungssystemen wie der konsularischen Korrespondenz.
Teilprojekt B05
Zwei Modi der Vigilanz, zwei Logiken des Verbots. Spirituelle und soziale Vigilanz der Bektaşî-Sufis nach den Verboten von 1826 und 1925
Das Projekt untersucht die doppelte, spirituelle und soziale Vigilanz osmanischer und postosmanischer Bektaşî-Sufis und führt damit die erste Phase des Projekts über in die Untersuchung dieser Vigilanz unter Bedingungen von Verbot und Verfolgung: Der Bektaşî-Orden ist seit 1826 verboten.
Teilprojekt B06
Zugehörigkeitsdilemmata und Wachsamkeit rassifizierter Latinx im Grenzraum USA-Mexiko
Im Mittelpunkt des Teilprojekts steht die Vigilanz von Personen lateinamerikanischer Abstammung in San Diego, die als Migrant:innen rassifiziert werden, obwohl sie US-amerikanische Bürger:innen sind. Das Teilprojekt untersucht Prozesse ihrer sozialen Aufwärtsmobilität und die damit einhergehenden Ambivalenzen von Zugehörigkeit.
Teilprojekt B08
Wachsamkeit in Japans Nachbarschaften während der Covid-19 Pandemie
Dieses Teilprojekt analysiert die im Zusammenwirken von administrativen Strukturen und Kulturelementen erfolgte Diffusion von Selbst-Zurücknahme und Etablierung von selbst- und drittgerichteter Aufmerksamkeit im semi-öffentlichen Raum der Nachbarschaften.