Teilprojekte
Hier finden Sie eine Übersicht aller Teilprojekte des SFBs.
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Vigilanzkulturen lassen sich nur über ihre lange Geschichte und breite kulturelle Variabilität erschließen und als historisch veränderlich denken. Mit ‚Transformationen‘ werden Umgestaltungsprozesse bezeichnet, welche sich nicht einfach als diachrone Aufeinanderfolge verstehen lassen, also etwa entlang der Stufung idealtypisch gedachter Formen von Gesellschaft (z. B. der Antike, des Mittelalters, der Neuzeit oder von der face-to-face-Gesellschaft zu anonymeren Konstellationen der Moderne). Sie vollziehen sich wirkungsvoll häufig auch unterhalb der Schwelle epochaler Umschläge und sind zudem als Effekte kultureller Transfers und transkultureller Verflechtungen auszumachen.
Konzentration auf transzendentes Heil und Wachsamkeit gegenüber den Gefahren des Bösen in der Immanenz sind zugleich gefordert, aber weder praktisch noch narrativ leicht vereinbar. Wird erstere forciert, entstehen charakteristische Latenzen unbewältigter moralischer Ambivalenz, die das Teilprojekt am legendarischen Erzählen analysiert. Wird jedoch der moralische Agon selbst als Kampf zwischen guten und bösen Geistwesen dramatisiert, dann erodiert die moralische Zurechenbarkeit des Subjekts. Solche Effekte untersuchen wir an verschiedenen Entwürfen der kollektiven Organisation von Engeln und Teufeln.
Die Aufmerksamkeit von Organisationsmitgliedern, die auf interne Missstände gerichtet ist und in externe Missstandsmitteilungen mündet (Whistleblowing), wird gesellschaftlich oft zugleich affirmativ wie kritisch bewertet. Ein wesentlicher Grund dafür ist das Spannungsfeld aus konfligierenden Loyalitäts- und Transparenzforderungen, durch das es bei der Nicht-/Enthüllung zwangsläufig zu Erwartungsenttäuschungen kommen muss. Das Teilprojekt rekonstruiert und analysiert diese Ambivalenz am Beispiel der Polizeiorganisation. Es stützt sich dabei vorwiegend auf ein diskursanalytisches Vorgehen und bezieht unterschiedliche Diskursdokumente von Akteur:innen der Polizei und ihres Umfeldes ein.
Das Teilprojekt analysiert Vigilanz in benediktinischen Klöstern der Vormoderne am Beispiel der Bursfelder Kongregation zwischen ca. 1400 und 1618.
Dieses Teilprojekt erforscht den Beitrag subalterner Gruppen zur Verwaltung des spätrömischen Staats.
Das Projekt untersucht kollaborative Praxisformen wachsamer Lektüre, die sich in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts in staatlichen Institutionen, Organisationen des Buchmarkts und der literarischen Öffentlichkeit herausbildeten.
Das Teilprojekt untersucht die durch die Einführung neuer Technologien bedingte Transformation von Wachsamkeitskonzepten und -praktiken sowie die Auswirkungen für das nunmehr durch internationale Kooperationen erweiterte Akteurssetting.
Raum und Vigilanz sind in Teilen wechselseitig konstitutiv. So werden alle Erscheinungsformen von Vigilanz, auch ihre Präskriptionen und Reflexionen, durch räumliche Konstellationen moduliert: Gefahren oder Chancen sind darin lozierbar, die Grade und Wahrscheinlichkeiten der Wahrnehmbarkeit schon angelegt, und selbst das Eintreten in Verantwortungen kann vom Standort der oder des Betroffenen abhängen. Diese Relation ist jedoch potentiell auch umkehrbar und dabei auf signifikante Weise zeitlich instabil. Sie kann sozial, performativ, diskursiv usw. erheblich variiert werden, etwa durch das Eintreffen einer Gruppe, Autorität, Information oder auch schlicht durch das Einsetzen der Dämmerung.
B01 fragt in Phase II, wie sich die Beziehungen zwischen dem Beobachten, Dokumentieren und Interpretieren von Himmelsphänomenen auf die politische Entscheidungsfindung im Assyrischen Reich (864–612 v. Chr., Schwerpunkt: 7. Jahrhundert v. Chr.) und Babylonischen Reich (625–539 v. Chr.) auswirkte.
Das Projekt untersucht das Zusammenspiel von den in den städtischen Normen dauerhaft vorgegebenen Aufmerksamkeitserwartungen und den konkreten Settings, in denen einschlägige Normverletzungen auf eine besonders hohe Rügebereitschaft der Einwohner:innen stießen.
B03 untersucht, welche Effekte und welche Voraussetzungen die Einbindung der Sinneswahrnehmung der Bevölkerung vormoderner Städte in politische und gesellschaftliche Aufgaben besaß.
Das Teilprojekt fragt nach Vigilanz an südeuropäischen Küsten des 17. und 18. Jahrhunderts. Es untersucht lokale litorale Wachsamkeit und ihre Verschränkung mit transmediterranen Sicherungssystemen wie der konsularischen Korrespondenz.
Das Projekt untersucht die doppelte, spirituelle und soziale Vigilanz osmanischer und postosmanischer Bektaşî-Sufis und führt damit die erste Phase des Projekts über in die Untersuchung dieser Vigilanz unter Bedingungen von Verbot und Verfolgung: Der Bektaşî-Orden ist seit 1826 verboten.
Im Mittelpunkt des Teilprojekts steht die Vigilanz von Personen lateinamerikanischer Abstammung in San Diego, die als Migrant:innen rassifiziert werden, obwohl sie US-amerikanische Bürger:innen sind. Das Teilprojekt untersucht Prozesse ihrer sozialen Aufwärtsmobilität und die damit einhergehenden Ambivalenzen von Zugehörigkeit.
Dieses Teilprojekt analysiert die im Zusammenwirken von administrativen Strukturen und Kulturelementen erfolgte Diffusion von Selbst-Zurücknahme und Etablierung von selbst- und drittgerichteter Aufmerksamkeit im semi-öffentlichen Raum der Nachbarschaften.
Mit welchen Techniken und Praktiken wird die Koppelung von individueller Aufmerksamkeit mit kulturell vermittelten, überindividuellen Zielsetzungen oder mit konkreten Handlungs- und Kommunikationsoptionen angeregt, ermöglicht und stabilisiert? Auch hier ist von einer erheblichen Varianz auszugehen: außergewöhnliche oder alltägliche Gegenstände oder Praktiken, wie etwa Spiegel, methodisierte Sündenreflexion, Beobachtungs- und Schreibtechniken oder der Spaziergang. Damit sind aber die Umschlagspunkte zu bestimmen, an denen sie sich aus anderen alltäglichen Funktionen lösen und Vigilanz etablieren, also ein Spaziergang beispielsweise zu einem Kontrollgang wird.
Das Teilprojekt untersucht, wie christliche Vigilanz im Kontext von Reue, Beichte und Buße in volkssprachlichen Texten des Spätmittelalters thematisiert, propagiert und reflektiert wird und welche Dynamiken von Selbstbeobachtung und Fremdbeobachtung sich hierbei in der Literatur entfalten.
Das Teilprojekt ergründet die frühneuzeitliche Spannung von Scham und Vigilanz in Hinblick auf Theorien und Praktiken der Geschlechternormierung.
Italienische Literatur des 17. Jahrhunderts entsteht im Schnittpunkt von religiöser Zensur und poetologischer Kritik. Dies wird meist reduktiv als Beschränkung und Zwang modelliert. Dagegen arbeitet das Projekt das kreative Potential und die besonderen Techniken des Schreibens unter wachsamer Beobachtung heraus und erschließt damit verbundene Aufmerksamkeitsformen, insbesondere anhand damals innovativer, nicht aristotelisch normierter Gattungen wie Roman und Oper.
Das Teilprojekt geht Wachsamkeit als Diskurs, Auftrag und Praxis auf lokaler Ebene nach. Wie Aufmerksamkeit für die öffentlich sichtbare Sexarbeit von Frauen aus der ethnischen Minderheit der Roma erzeugt und in Handeln überführt wurde, wird am Beispiel zweier Städte untersucht.
Nichtwissen bildet eine Grundlage theatraler Dynamiken, die Vigilanz erzeugen. Das Teilprojekt untersucht diese Relation im englischen Theater um 1600, speziell im Werk William Shakespeares.
Das Teilprojekt untersucht die für die Themenstellung des SFB sehr wichtige Transformation religiöser in aufgeklärt-weltliche Formen von Vigilanz anhand ausgewählter historischer Quellen und autobiographischer Texte des 18. Jahrhunderts.
Das Teilprojekt beschäftigt sich mit der Frage, auf welche Weise sich das Verhältnis zwischen Theater, Politik und Öffentlichkeit zwischen 1918 und 1936 durch eine Aufhebung der Zensur, verstärktes finanzielles Engagement der öffentlichen Hand und Kontrolle durch die öffentliche Meinung, verstanden hier als Presse und Theaterpublikum, veränderte.
Das Teilprojekt untersucht Transformationen von Privatheit in den USA des 20. und 21. Jahrhunderts anhand von Techniken der Fremd- und Selbstbeobachtung.
Ziel des Teilprojektes ist es, die kulturellen Werteordnungen der Akteure sowie deren Praktiken als Teile dieses Beobachtungsraumes multiperspektivisch auszuleuchten. Es fokussiert dazu fallstudienartig auf die Heiratsmigration aus Russland nach Deutschland und ethnografiert, wie die einschlägigen Einrichtungen in Russland diese Prüfungen des Ehegattennachzugs nach Deutschland durchführen und wie die Paare damit umgehen.
Unser Teilprojekt fragt nach den Techniken von Aufmerksamkeitslenkung oder -schärfung, wie sie im frühneuzeitlichen Playhouse sowohl zum Einsatz als auch zur Darstellung und kulturellen Reflexion gelangen.
Das Teilprojekt untersucht Fasten und freiwilligen Nahrungsverzicht als Praxis und zugleich als Objekt politischer, medizinischer und religiöser Auseinandersetzungen in zwei Arbeitsbereichen zu Russland und zu Polen-Litauen der Vormoderne.