Die Musik des Mittelalters: Taktgeber einer vergangenen Zeit
Vieles am heutigen „Mittelaltersound“ ist moderne Fiktion. LMU-Musikwissenschaftlerin Irene Holzer zeigt: Musik war damals kein bloßes Hintergrundrauschen. Als funktionales Medium strukturierte sie soziale Räume und religiöse Rituale. Eine Spurensuche zwischen flüchtigen Tönen und rätselhaften Notationen.
Noch bevor der Mittelaltermarkt sichtbar wird, ist er schon zu hören: Raue, tiefe Stimmen erklingen zwischen den Buden, irgendwo schlägt eine Trommel, ein Dudelsack setzt ein. Für einen Moment scheint die Sache klar: So muss es damals gewesen sein. Auch in Historienfilmen und Fantasy-Serien funktioniert Musik wie eine Zeitmaschine.
Doch wie viel von diesem Sound gehört wirklich ins Mittelalter, und wie viel ist eine Erfindung der Neuzeit? Irene Holzer, Professorin für Musikwissenschaft an der LMU, geht dieser Frage nach. Sie hört bei typischer „Mittelaltermusik“ nicht zuerst Atmosphäre, sondern Struktur. „Ich höre eigentlich immer analytisch“, sagt sie. Gerade das hilft ihr, die musikalischen Muster aus Film, Popkultur und Mittelaltermarkt von dem zu trennen, was in den Burgen, Kirchen und Dörfern des Mittelalters tatsächlich gespielt wurde.
Hören und analysieren
Um sich dem wahren Klang des Mittelalters anzunähern, arbeitet Irene Holzer mit historischen Notenblättern – aber auch mit Musikerinnen und Musikern wie dem Sänger und Lautenisten Joel Frederiksen.
Wer wissen will, wie Musik im Mittelalter klang, muss zunächst akzeptieren: Es gab nicht den einen mittelalterlichen Sound. Musik hing stark davon ab, wo sie erklang und in welchem sozialen Kontext sie stand. Genau darin liegt für Holzer ein zentraler Punkt: „Musik war nicht einfach Klangkulisse, sondern an Ort, Funktion und Anlass gebunden.“
In den Kirchen und Klöstern dominierte Gesang. Der Choral war einstimmig, frei von festen Rhythmen und fest in die Liturgie eingebunden. „Diese Musik war hier nicht für Unterhaltung gedacht, sondern Teil eines religiösen Rituals“, sagt Holzer. Viele Gesänge seien nur deshalb überliefert worden, weil sie als rituelle, göttliche Musik als aufzeichnungswürdig empfunden wurde. Zugleich war sie aber kein Klang für ein breites Publikum, sondern lediglich für den Gottesdienst in Kirchen und Klöstern.
»Musik war nicht einfach Klangkulisse, sondern an Ort, Funktion und Anlass gebunden.«
Am Hof klang Musik wiederum anders. Minnesänger, Troubadoure und andere Formen höfischer Musik gehörten zur Repräsentation und zur Kommunikation, indem sie Taten oder Eigenschaften des Adels lobten. Sie begleiteten Feste, markierten Rangverhältnisse und machten höfische Kultur hörbar. Sie waren gleichzeitig Teil einer geschlossenen Gesellschaft. „Außerhalb höfischer Kreise haben die meisten Menschen so eine Musik wahrscheinlich nie gehört“, so Holzer. Auch hier zeigt sich: Die Klangräume des Mittelalters waren klar begrenzt.
In Stadt und Dorf schließlich traten Spielleute mit Instrumenten wie Trommeln, Flöten oder Lauten auf, Menschen musizierten bei Festen oder im Alltag selbst. „Vieles davon ist weniger gut dokumentiert, aber literarisch und bildlich belegt“, so Holzer. „In diesen Kontexten wird deutlich, dass Musik Teil eines lebendigen Alltags war, in dem Erzählen, Singen und Hören eng zusammengehörten.“ Für Holzer ist Musik deshalb auch ein Kommunikationsmedium, eingebettet in Liturgie, Erzählung und höfische Ordnung.
Spurensuche auf dem Notenblatt
Aber können sich Forschende wirklich sicher sein, wie Musik damals wirklich klang? Nein, sagt Holzer. „Musik ist flüchtig – sie verschwindet im Moment des Erklingens. Wir haben nicht die gleichen Stimmen wie damals, nicht die gleichen Räume und nicht die gleichen Instrumente. Jede Rekonstruktion ist deswegen auch Interpretation.“ Was die Jahrhunderte überdauerte, sind Notationen, theoretische Schriften, Bildquellen und einige wenige erhaltene Instrumente. Mit diesen Relikten nähern sich Forschende der Aufführungspraxis von damals so weit wie möglich an.
Handschriftliche Neumen auf Pergament:
Ein Liturgisches Rollenbuch für die Kantoren des Deutschen Ordens aus der Mitte des 15. Jahrhunderts.
Ein Schwerpunkt von Holzers Forschung liegt dabei auf mittelalterlichen Notationssystemen. Diese Zeichen sind keine Partituren im modernen Sinn. „Musik stand nicht fertig auf Pergament“, erklärt sie. Notationen waren eher Gedächtnisstützen für Menschen, die die Musik kannten und sie im Vortrag lebendig werden ließen. Musik war weniger ein festes Werk als eine Praxis.
»Musik ist flüchtig – sie verschwindet im Moment des Erklingens. Wir haben nicht die gleichen Stimmen wie damals, nicht die gleichen Räume und nicht die gleichen Instrumente. Jede Rekonstruktion ist deswegen auch Interpretation.«
Irene Holzer
Frühe Notationen, sogenannte Neumen, geben zwar Tonverläufe an, aber keinen exakt fixierten Rhythmus. Spätere Mensuralnotation wurde durch die deutlichere Angabe von rhythmischen Dauern präziser, blieb aber ebenfalls deutungsbedürftig, weil ihre Notenwerte oft erst aus Form, Gruppierung und musikalischem Zusammenhang lesbar wurden. Hinzu kommt, dass viele Stücke zunächst mündlich tradiert wurden. Wer also mittelalterliche Musik rekonstruiert, rekonstruiert immer auch mit Lücken, Annahmen und Auslegungen.
Experimentelle Musikwissenschaft
„Die Gegenüberstellung von Neuer und Alter Musik hält meinen Geist offen und mein Musizieren frisch“, sagt der amerikanische Musiker Joel Frederiksen.
Und doch genügt heute oft ein kleiner Klangimpuls, um das Mittelalter heraufzubeschwören. Ein Bordunton zum Beispiel – ein Ton, der über längere Zeit mitschwingt oder stehenbleibt – erzeugt sofort eine besondere Spannung. Auch modale Wendungen, also Melodien, die nicht nach dem vertrauten Dur-Moll-Schema gebaut sind, wirken auf moderne Ohren schnell alt, fremd oder exotisch.
„Wir hören diese Kategorien und sortieren die Musik intuitiv ein“, sagt Holzer. Ein paar Töne reichen, und schon ist eine ganze Vorstellungswelt da. Hinzu kommt die Sozialisierung durch Medien: Filme, Serien und Videospiele vermitteln, dass bestimmte Instrumente und Klangfarben als mittelalterlich zu lesen sind.
Dieser Klangcode hat eine lange Vorgeschichte. Schon um 1800 suchten Volksliedsammler und romantische Denker in überlieferten Liedern nach vermeintlich ursprünglichen Klangformen. Später versuchte man sich insbesondere in Deutschlandmit einer Rückkehr zu älteren musikalischen Formen der NS-Zeit abzugrenzen. Das Mittelalter wurde zum Ausweichraum, weil „deutsche“ Musik im Nationalsozialismus ideologisch vereinnahmt worden war. Mittelalter- und Folkklänge konnten nach 1945 eine Distanz zu dieser belasteten Nähe herstellen. In den 1970er- und 1980er-Jahren gewann dann die Alte-Musik-Bewegung an Bedeutung; sie legte Wert auf historische Instrumente und auf klangliche Authentizität.
Moderner Mittelalter-Sound
Auf Mittelalterfesten spielt auch Musik eine große Rolle. Bei vielen Mittelalterbands mischen sich historische Texte und Instrumente mit modernen Elementen.
Parallel dazu entstand eine populäre Mittelaltermusik, die historische Texte mit Folk- und Rockelementen verband. Holzer verweist hier besonders auf die Band Ougenweide und ihre Vertonung der Merseburger Zaubersprüche. „An den Merseburger Zaubersprüchen lässt sich gut zeigen, wie Mittelalterklang funktioniert“, sagt sie. Die Musik sei tonlich schwebend, nicht eindeutig zwischen Dur und Moll festgelegt, dazu einfach gebaut und fast songhaft. Gerade diese Mischung mache den Reiz aus.
Seit den 2000er-Jahren hat sich der Klang noch einmal vervielfältigt. Von Der Herr der Ringe bis zu Serien wie Game of Thrones oder Vikings mischen Fantasy-Produktionen mittelalterliche Anklänge mit großorchestraler Filmmusik. Neben Dudelsack und Rahmentrommel sind vor allem Streicher und Blechbläser zu festen Markern geworden, auch wenn sie historisch oft weniger zentral waren, als es die heutige Klangästhetik vermuten lässt.
Eine andere Art des Hörens
Im Vergleich mit moderner Filmmusik mag die echte Musik des Mittelalters fremd und sperrig klingen. Forschung und Rekonstruktion wollen aber auch nicht einfach einen verlorenen Originalklang zurückholen. Sie sollen sichtbar und hörbar machen, wie Musik damals organisiert war, wie sie aufgeführt wurde und in welchem Kontext sie erklang.
»Indem wir Musik nicht als Hintergrundbeschallung, sondern bewusst wahrnehmen, kommen wir dem Mittelalter zumindest in der Rezeption ein Stückchen näher.«
Irene Holzer
LMU-Musikwissenschaftlerin Irene Holzer in der Münchner Altstadt.
Die Citole ist eine mittelalterliche, gezupfte Schalenhalslaute mit vier (seltener drei und fünf) Saiten, die besonders vom 13. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts verbreitet war.
Holzer betont deshalb den performativen Charakter und den Stellenwert, den Musik im Mittelalter hatte: „Musik war nicht allgegenwärtig, sondern ein bewusst eingesetztes zwischenmenschliches Kommunikationsmedium zur Vermittlung von Geschichten, Ritualen und gesellschaftlichen Ordnungen. Deswegen wurde sie auch anders, fokussierter wahrgenommen.“
Und obwohl moderne mittelalterliche Musik wenig mit dem Original gemeinsam hat, so kann man sich laut Holzer als Hörer immerhin der Rezeptionsweise von damals annähern. „Indem wir Musik nicht als Hintergrundbeschallung, sondern bewusst wahrnehmen. So kommen wir dem Mittelalter zumindest ein Stückchen näher.“
Irene Holzer ist Professorin für Musikwissenschaft am Department Kunstwissenschaften der LMU.
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