Wortwechsel: Sie wollten einen neuen Sound
Eine Oral History des Popjournalismus: Erika Thomalla lässt in ihrem Buch „Gegenwart machen“ die Beteiligten von damals erzählen – eine subjektive Sicht auf ein kulturelles Phänomen.
Eine Oral History des Popjournalismus: Erika Thomalla lässt in ihrem Buch „Gegenwart machen“ die Beteiligten von damals erzählen – eine subjektive Sicht auf ein kulturelles Phänomen.
Es begann in den späten Siebzigern, Schreiben war zu 100 Prozent analog und Deutschland hieß bei ihnen noch „BRD“: Ein paar Fanzines aus den Szenebiotopen waren es zunächst, ein paar Stadtmagazine, die landauf, landab im Kleinen mit Klebeumbruch und Kneipenverkauf ihre Leserschaft suchten. Mit Musikzeitschriften wie Sounds, später Spex nahm der Trend an Fahrt auf. Die Hefte spülte es in die Zeitschriftenregale, sie hielten sich lange Jahre mit ihrer Mischung aus Pop und linker Theorie. Später waren es zeitgeistige Blätter wie Wiener und Tempo, an denen das Lifestyle-Etikett klebte, und andere Konzernprodukte wie Max, Neon und zuletzt die deutsche Vanity Fair, die vielen der älteren Autorinnen und Autoren wiederum deutlich zu kommerziell waren.
Sie alle und viele Hefte mehr lassen sich unter dem Sammelbegriff Popjournalismus zusammenfassen. Nicht über Pop schreiben, sondern „Pop schreiben“ war die gemeinsame Maxime. „Der Text wollte selbst eine Kunstform sein, analog zu dem, was er beschrieb. Der Text wollte die Aussage sein. Oder die Musik“, etwa hieß es bei Spex. Und so unterschiedlich die Produkte auch waren, ob nischig oder breit, ob prekär oder pompös – ihre Macher einte der unbedingte Wille, anders zu sein: bloß kein anzuggrauer Mainstream, bloß kein „Augstein-Nannen-Establishment“ wie bei Spiegel und Stern. Sie wollten einen neuen Sound, eine neue Form von literarischem Journalismus etablieren.
Erika Thomalla, Buchwissenschaftlerin an der LMU
So erinnern sich die Beteiligten von damals. Erika Thomalla, Buchwissenschaftlerin an der LMU, hat sie befragt und aus den Stimmen eine „Oral History des Popjournalismus“ komponiert. Eigentlich, so erzählt sie, sollten die Interviews nur eine Recherchegrundlage für ihr Habilitationsprojekt zur „Epoche der Zeitschriftenliteratur“ sein, nicht zuletzt, weil die Archivsituation, was die Popjournale angeht, nicht die beste ist.
Doch dann war dieses Gemisch aus Selbstbild, Strukturanalyse und Namedropping, aus Nostalgie und Reflexion, aus Heldenreise und zeitgeschichtlicher Einordnung einfach zu ergiebig, um es allein nur in die wissenschaftliche Arbeit einfließen zu lassen. Und so montierte Erika Thomalla die subjektiven Statements zusammen und wo nötig auch gegeneinander. Sie versah das Ganze mit einem einordnenden Vorwort, ließ es ansonsten aber unkommentiert. „Das ist ja gerade der Witz einer Oral History, dass die Beiträge für sich stehen können sollten.“
Insofern spiegelt das Bauprinzip der Oral History hier auch ihren Gegenstand. Radikale Subjektivität war im Popjournalismus das alles strukturierende Programm: unbedingte Ich-Perspektive, Experimentierfreude, mitunter schrill, ein zentraler Fokus auf Ästhetik und Oberfläche. „Mode und Popmusik nahmen wir genauso ernst wie Politik und soziale Themen. Damit eröffneten wir einen Generationenkonflikt. Das lag auch an der subjektiven Form. Man versuchte, aus seinem Leben heraus zu schreiben und nicht mehr den Reporterblick von außen einzunehmen“, erinnert sich Andrian Kreye, heute leitender Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung (SZ), an seine Zeit bei Tempo. Etwas steiler formuliert es sein damaliger Kollege Maxim Biller, heute bekannter Buchautor: „Und jetzt kamen wir und vernichteten mit jeder unserer irren Ich-Geschichten ihre langweilige Edeljournalistenwelt.“ Angriffslust also gehörte zum Geschäftsmodell, die Sottise zum guten Ton.
Und so arbeiteten sie sich ab an der Frage der Objektivität. „Mit dem amerikanischen New Journalism argumentierten sie: Es gibt immer nur eine gefilterte, perspektivisch gebundene Sicht auf die Welt im Journalismus“, sagt Erika Thomalla. „Und es sei doch klüger und interessanter, sie kenntlich zu machen, als so zu tun, als gäbe es eine objektive Sicht auf die Welt.“
Heute erscheinen auch die letzten der früheren Pop-Magazine längst nicht mehr, als Supplement überlebt hat etwa das SZ-Magazin. Die Zeitungskrise Ende der Nullerjahre und der Siegeszug von Internet und Sozialen Medien haben den Markt umgekrempelt. Manche Macher, weniger Macherinnen, haben es allerdings bis in die höheren Ränge der einst abgelehnten großen Medienkonzerne geschafft. Wieder andere wie Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre oder Moritz von Uslar haben sich „in die Literatur geflüchtet (wo wir ja eh alle hinwollten)“, wie einer der Beteiligten von damals bilanziert.
Doch was ist aus ihrer Art des Journalismus geworden? Politische und kulturelle Themen „mit der Brille des Pop, also mit einem Fokus auf Ästhetik und Oberfläche“, zu sehen, sei in populären Formaten im Fernsehen, im Netz und in Social Media durchaus noch gängig, sagt Erika Thomalla. „Das könnte eine sehr zeitgemäße Perspektive sein“ angesichts der so weit fortgeschrittenen „Medialisierung der Welt“. Dafür allerdings fehle meist die Metaperspektive, eine „kluge“ Reflexionsebene, wie sie einige der Popjournale gehabt hätten.
Heute bauten sich viele Nutzerinnen und Nutzer „ihre eigene kleine Medienwelt“ zusammen, „Onlineseiten, Instagram-Accounts, TikTok, Podcasts, Newsletter – Magazine sind nur noch ein Element von vielen“, sagt Christoph Amend, früher Redakteur beim Jetzt-Magazin der SZ, heute Editorial Director bei der Zeit. „Ich glaube aber, dass vieles von dem, was die Magazine der 1980er- oder 1990er-Jahre ausgemacht hat, in diesen Formaten fortgesetzt wird.“
Und die Pop-Attitüde? „Pop ist inzwischen überall“, sagt Philipp Oehmke, der auch mal bei Tempo war und heute das Kulturressort beim Spiegel leitet. „Er stellt kein Distinktionsmerkmal mehr dar.“ In dieser Mainstream-Variante sei er „aus sich selbst heraus nicht mehr cool“.
Erika Thomalla: Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2025
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