Studierende mit Long Covid oder ME/CFS stehen im Studienalltag oft vor besonderen Herausforderungen und haben zugleich nur wenige Möglichkeiten zum Austausch. An der LMU ist deshalb eine Peer Group entstanden, die genau hier ansetzt: Sie bietet einen niedrigschwelligen Raum für Vernetzung, gegenseitige Unterstützung und Erfahrungsaustausch. Zwei Inklusionstutorinnen berichten, wie das Angebot entstanden ist, wie die Treffen ablaufen – und warum es sich lohnt, dazuzukommen.
Vorgestellt: Die Inklusionstutorinnen und Inklusionstutoren
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Der Weg zu eurem Engagement war ja durchaus unterschiedlich. Wie seid ihr beide zu den Inklusionstutorinnen gekommen und schließlich zur Arbeit in der Peer Group?
Katharina Haack: Ich studiere VWL im dritten Semester und bin über den LMU-Newsletter auf die Inklusionstutorinnen aufmerksam geworden. Die Ausbildung hat mich sofort angesprochen und ich wollte einfach ausprobieren, ob das etwas für mich ist. Dabei habe ich gemerkt, wie wichtig dieses Engagement ist. Gerade die Peer Group ist inzwischen ein großer Teil davon geworden.
Reinhold Altmann: Bei mir war es ein bisschen anders. Ich bin im Seniorenstudium und war vorher viele Jahre als Ingenieur tätig. Mir war wichtig, nach dem Beruf etwas Sinnvolles zu machen und mit jungen Menschen in Kontakt zu bleiben. Über die Ausbildung zum Inklusionstutor hat sich dann die Möglichkeit ergeben, genau das zu verbinden und auch etwas zurückzugeben. Die Peer Group ist daraus entstanden, weil wir gesehen haben, dass es hier einen konkreten Bedarf gibt.
Als Inklusionstutorin und -tutor an der LMU: Katharina Haack und Reinhold Altmann
Beratung und Austausch für Studierende mit Beeinträchtigung
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Was macht ihr in eurem Alltag als Inklusionstutorinnen?
Katharina Haack: Wir unterstützen Studierende mit Beeinträchtigungen ganz praktisch, zum Beispiel beim Studienstart oder bei organisatorischen Fragen. In der Ausbildung wird man auch erstmal dafür sensibilisiert, mit welchen Barrieren Studierende konfrontiert sind, etwa bei der Orientierung auf dem Campus. Ich selbst konzentriere mich aktuell vor allem auf die Peer Group und bereite mich dafür auch inhaltlich vor, etwa durch Vorträge und Materialien zum Thema Fatigue und Long Covid.
Reinhold Altmann: Das Seniorenstudium bietet mir die Möglichkeit meine Erfahrung fakultätsübergreifend einzusetzen und mich mit Studierenden, Lehrenden und der Beratungsstelle für Studierende mit Beeinträchtigung zu vernetzen. Ich ermutige gerne Menschen achtsam untereinander zu sein. Inklusion im Alltag bedeutet für mich Menschen mit offenen Augen zu begegnen.
Es braucht einen Raum, in dem sich Betroffene untereinander austauschen und gegenseitig unterstützen können.
Reinhold Altmann
Austausch auf Augenhöhe statt allein mit der Erkrankung
Irgendwann wurde dann aus diesem allgemeinen Engagement eine ganz konkrete Idee: eine eigene Peer Group für Betroffene. Wie kam es dazu?
Reinhold Altmann: Der Impuls kam aus der Beratungsstelle für Studieren mit Beeinträchtigung. Dort gab es viele Anfragen von Studierenden mit Long Covid beziehungsweise ME/CFS, aber kein passendes Austauschformat. Also wurde klar: Es braucht einen Raum, in dem sich Betroffene untereinander austauschen können und so haben wir die Peer Group aufgebaut.
Damit so ein Angebot überhaupt wirken kann, müssen Studierende natürlich erst einmal davon erfahren. Wie erreicht ihr eure Zielgruppe?
Katharina Haack: Vor allem über die Beratungsstelle selbst und über den LMU-Newsletter. Zusätzlich versuchen wir, über Flyer und Social Media mehr Sichtbarkeit zu schaffen. Der einfachste Weg ist aktuell, sich bei der Beratungsstelle zu melden. Von dort wird der Kontakt zur Peer Group hergestellt. Viele wissen allerdings noch gar nicht, dass es dieses Angebot gibt.
Reinhold Altmann:
Es ist noch eine Herausforderung das Thema Inklusion in die Breite zu tragen. Ich habe immer Flyer der Beratungs- und Unterstützungsleistungen der LMU dabei und nutze gern die Einführungsveranstaltungen, die Infoveranstaltung für Studierende mit Beeinträchtigung und die Campustage. Außerdem haben wir eine neue Instagram Seite inklusion.in.muenchen mit der wir betroffene Menschen erreichen wollen.
Der größte Mehrwert ist die Vernetzung, weil viele Betroffene im Alltag kaum Möglichkeiten haben, sich auszutauschen.
Katharina Haack
Wenn ihr nach vorne schaut: Was wünscht ihr euch für die Weiterentwicklung der Peer Group, aber auch für den Umgang mit dem Thema an der Universität?
Reinhold Altmann: Vor allem, dass mehr Betroffene den Weg zu uns finden. Damit wirklich Austausch entstehen kann, braucht es mehrere Teilnehmende.
Katharina Haack: Und darüber hinaus mehr Sichtbarkeit an der Universität. Viele wissen gar nicht, wie stark diese Erkrankungen Studierende einschränken können. Gerade in der Lehre gibt es noch Hürden, etwa wenn Materialien nicht online verfügbar sind. Da wäre mehr Sensibilität wichtig.
Wenn jetzt jemand diesen Beitrag liest und sich angesprochen fühlt, was würdet ihr dieser Person mitgeben?
Reinhold Altmann: Den ersten Schritt zu machen, kostet Überwindung – aber es lohnt sich. Die Gruppe ist ein geschützter Raum, in dem niemand bewertet wird.
Katharina Haack: Man kann einfach dazukommen und schauen, ob es passt. Ohne Druck. Genau dafür ist die Peer Group da.
Man kann einfach dazukommen und schauen, ob es passt – ganz ohne Druck und Verpflichtung.
Katharina Haack
Wenn man noch nie bei so einem Treffen dabei war: Wie kann man sich eine typische Sitzung der Peer Group vorstellen?
Katharina Haack: Wir treffen uns alle drei Wochen online. Zu Beginn gibt es einen kurzen Input von uns. Zum Beispiel zu Nachteilsausgleichen oder anderen Unterstützungsangeboten.
Danach steht der Austausch im Mittelpunkt. Die Teilnehmenden können ihre Erfahrungen teilen, Fragen stellen oder einfach zuhören.
Reinhold Altmann: Ganz wichtig ist: Alles ist freiwillig und sehr niedrigschwellig. Man kann ohne Anmeldung dazukommen, die Kamera ausgeschaltet lassen oder auch nur für einen Teil der Zeit teilnehmen. Je nachdem, wie es einem gesundheitlich möglich ist. Die Treffen dauern in der Regel etwa eine Stunde, um niemanden zu überfordern.
Ein niedrigschwelliges Angebot für unterschiedliche Bedürfnisse
Das klingt nach einem sehr offenen Format. Was macht aus eurer Sicht den besonderen Mehrwert dieser Peer Group aus?
Katharina Haack: Der größte Mehrwert ist die Vernetzung. Viele Betroffene sind im Alltag eingeschränkt und haben kaum Möglichkeiten, sich auszutauschen. In der Gruppe merken sie: Andere machen ähnliche Erfahrungen. Man kann sich Tipps geben, aber auch einfach verstanden fühlen. Ein Vorteil ist auch die kleine Gruppengröße. So entsteht eher ein persönlicher Austausch als in sehr großen Formaten. Wir sehen uns dabei eher als Rahmen. Der eigentliche Austausch passiert zwischen den Teilnehmenden.
Ein Grund dafür ist ja auch, dass die Krankheitsverläufe sehr unterschiedlich sein können. Wie erlebt ihr das in eurer Arbeit?
Reinhold Altmann: Sehr unterschiedlich. Es gibt leichtere Verläufe, bei denen ein Studium noch möglich ist, aber auch Fälle, in denen selbst kurze Konzentrationsphasen eine große Herausforderung sind. Teilweise können Betroffene nur begrenzte Zeit aktiv teilnehmen oder müssen ihren Alltag stark anpassen. Das zeigt, wie unterschiedlich die Bedürfnisse sind und wie wichtig ein flexibles Austauschformat ist.
Katharina Haack: Genau, das Spektrum ist sehr breit. Die Krankheit entwickelt sich oft schleichend und wird am Anfang nicht immer sofort erkannt. Gerade deshalb ist es hilfreich, sich mit anderen auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen machen.
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