Kunst und Wissen: „Ich, vor Mona Lisa“
24.02.2026
Ein Interview mit Kunsthistoriker Ulrich Pfisterer über die alltägliche Flut von Bildern und ihre Wirkung auf Kunst und Wissensbildung.
24.02.2026
Ein Interview mit Kunsthistoriker Ulrich Pfisterer über die alltägliche Flut von Bildern und ihre Wirkung auf Kunst und Wissensbildung.
© Helena Heilig
Vom 25. bis 28. Februar findet an der LMU der 38. Deutsche Kongress für Kunstgeschichte statt. Er widmet sich dem Thema „wissen“ und visuellem Weltverständnis in seiner historischen und aktuellen Dimension. Professor Ulrich Pfisterer, Direktor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte und Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Kunstgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Kunst Italiens an der LMU spricht im Interview über die Rolle von Bildern für den Erwerb und die Verbreitung von Wissen und wie die alltägliche Bilderflut in den Medien auf die Kunst zurückwirkt.
Der anstehende Kunstgeschichte-Kongress an der LMU hat sich „wissen“ zum Thema gesetzt. Welche Rolle spielen Bilder heute im Wissensprozess?
Ulrich Pfisterer: Wissensbildung läuft heute in einem Maße über Bilder und Videoclips, das vor der Zeit des Digitalen, vor Social Media und Smartphone, nicht möglich war. Damit scheint zum ersten Mal seit sehr langer Zeit in unserer Wissensvermittlung Schrift nicht mehr die Führungsrolle innezuhaben, was nicht heißt, dass Bilder früher nicht ebenfalls schon entscheidend zum ‚Wissen‘ beigetragen hätten. Aber wenn wir heute beobachten, wie Wissen im Alltag zustande kommt, wird deutlich, wie sehr unser Sehen und unsere ästhetische Wahrnehmung von Bildern beeinflusst sind – von der Abbildung eines Alltagsgegenstands über das Verkehrsschild bis hin zum Foto der Sixtinischen Kapelle.
Auch Nachrichten von Ereignissen werden über Bilder verbreitet und triggern politisches Geschehen. Zum Beispiel die Videos, die von ICE-Beamten in Minneapolis kursieren: Eine reine Textnachricht hätte nicht dieselbe Art von Durchschlagskraft wie diese Bilder.
Visuell vermitteltes Wissen ist weltweit rezipierbar und wir nehmen an, wir sehen neutral. Aber es gibt eine kulturelle Bedingtheit des Sehens, die man sich oft erst klarmachen muss.Ulrich Pfisterer, Direktor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte und Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Kunstgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Kunst Italiens an der LMU
Ändert sich auch der Blick auf die Kunst dadurch, dass Bilder allgegenwärtig sind?
Ja, und das liegt nicht nur an der Menge der Bilder, sondern auch an der Schnelligkeit, mit der sie produziert werden. Ins Internet werden täglich Milliarden neuer Bilder geladen. Diese Beschleunigung und inflationäre Masse sorgen dafür, dass auch für Personen, die sich als Künstlerinnen und Künstler verstehen, eine ganz andere Konkurrenz des Visuellen besteht. Die Idee ist noch immer, dass Kunst etwas Neues und Originelles produziert. Dieses Kriterium ist kaum mehr zu erfüllen, wenn ich als Künstler oder Künstlerin jeden Tag Milliarden neuer Bilder gegenüberstehe, die alle der Ökonomie des Höher, Schneller, Weiter folgen.
Dazu kommt die globale Konkurrenz. Wer bisher an einer Akademie studierte und ausstellte, musste erst einmal im lokalen Kontext reüssieren. Heute können wir sofort sehen, was in Peking oder Argentinien produziert wird. Alles ist zur gleichen Zeit präsent.
Für mich als Kunstwissenschaftler ist daran interessant, dass visuell vermitteltes Wissen weltweit rezipierbar ist und wir annehmen, wir sehen neutral. Aber es gibt eine kulturelle Bedingtheit des Sehens, die man sich oft erst klarmachen muss. Wir wissen über diese anderen Kontexte womöglich nichts – weder über die Sprache noch über das gesellschaftliche und politische Umfeld. Und so verstehen wir möglicherweise völlig miss, was allein auf Ebene der Farben ausgedrückt werden soll.
Wie greifen Künstlerinnen und Künstler diese technologische Entwicklung und die Allgegenwart von Bildern auf?
Ich würde zum Beispiel den amerikanischen Künstler Eduardo Kac nennen. Er erschuf im Jahr 2000 angeblich ein grünes Kaninchen, indem er es gentechnisch verändert hat. Er hat also das aktuellste medizinische Wissen seiner Zeit genutzt, um eine neue Form von Kunstwerk zu produzieren. Dabei ist das Kaninchen auf ‚normalen‘ Fotografien weiß und fluoresziert nur unter bestimmten Bedingungen grün. Das heißt, dass es eben auch Fake sein könnte, weil wir als Betrachter nicht nachvollziehen können, was stimmt und was nicht.
Das zeigt eine weitere Dimension des Wissensthemas, die vor neue Herausforderungen stellt: Wir sind heute nicht mehr (oder zumindest nicht mehr auf den ersten Blick) in der Lage, zu erkennen, ob ein Foto oder Video echt oder mit KI generiert ist. Da diese Medien bislang aber auch zur Dokumentation eingesetzt wurden, mit ihrer Lichtspur doch scheinbar getreu die Realität festhalten, ist das Täuschungs- und Verführungspotenzial gerade dieser Bilder besonders hoch.
Das Prinzip einer KI ist ja, aus einer Datenmenge die optimale Lösung herauszufiltern. Und bei Kunst würde ich nicht denken, dass das Kriterium der optimalen Lösung immer das Entscheidende ist. Das Interessante an Kunst ist eben nicht eine Akkumulation von Mehrheitsmeinung, sondern tatsächlich die irritierend andere, überraschende Einzelleistung.Ulrich Pfisterer, Direktor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte und Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Kunstgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Kunst Italiens an der LMU
Gilt das auch für Kunst? Können wir hier auch nicht mehr unterscheiden, ob sie echt oder KI-gemacht ist?
Das erste KI-Kunstwerk wurde bereits versteigert und hat einen überraschend hohen Verkaufspreis erzielt. Der monetäre Wert ist zwar sicher nicht das letzte Kriterium für die Bedeutung von Kunst, aber im momentanen Kunstbetrieb ist er kein ganz falscher Indikator. Ich würde aber denken, dass in diesem Fall der Reiz auf dem Wort „das erste“ liegt. Ich kann mir schwer vorstellen, dass KI von Menschen gemachte Kunst ersetzen wird.
Das Prinzip einer KI ist ja, aus einer Datenmenge die optimale Lösung herauszufiltern. Und bei Kunst würde ich nicht denken, dass das Kriterium der optimalen Lösung immer das Entscheidende ist. Wenn Sie an ein expressionistisches oder surrealistisches Gemälde denken: Da ist es ja gerade das verstörend Nicht-Erwartete, das gegen die Norm gerichtet ist, was den Wert ausmacht. Das Interessante an Kunst ist eben nicht eine Akkumulation von Mehrheitsmeinung, sondern tatsächlich die irritierend andere, überraschende Einzelleistung.
Den Reiz, dass ich eine Bearbeitungsspur sehe und einen individuellen Stil, kann KI nicht befriedigen. Sie kann natürlich zum Beispiel den Stil von van Gogh kopieren, aber das konnten Kunstfälscher wie Wolfgang Beltracchi auch. Der Punkt ist nicht, ob man sich einem künstlerischen Stil annähern kann, wenn man ihn studiert. Die Kunst von van Gogh fasziniert uns heute, weil er sie im späten 19. Jahrhundert gemalt hat. Wenn eine KI das macht, fehlt der Kontext. Eine KI müsste also in der Lage sein, eine Art von aktuellem KI-Stil zu entwickeln, den wir als faszinierend wahrnehmen.
Wenn es so weit käme, könnte dieser individuelle KI-Stil unendlich viele Gemälde produzieren, das würde das Interesse daran vermutlich wieder senken?
Genau. Da ist der Reiz weg. Deswegen glaube ich auch, dass in der Kunst im Augenblick Materialien und Techniken wichtiger werden, während bislang vielleicht eher die Botschaft oder Ästhetik interessierte. Es wird nun verstärkt darauf geachtet, dass man sieht, wie etwas gemacht ist, und es eben nicht von einer KI produziert wurde. Das würde ich als Gegenreaktion zu dieser visuellen Abstraktion sehen, von der wir umgeben sind.
Eine Herausforderung ist ja aktuell auch, dass auf unseren Bildschirmen alles gleich groß präsentiert wird. Egal, ob es sich um eine Miniaturdarstellung oder eine fünf Meter große Wandmalerei handelt: Auf meinem Bildschirm ist alles im gleichen Format. Daher ist auch die Frage, wie ich mich körperlich zu etwas verhalte, wieder interessanter geworden: Sehe ich nach oben? Stehe ich draußen oder drinnen? Bin ich alleine oder in der Gruppe?
Ich glaube, dass in der Kunst im Augenblick Materialien und Techniken wichtiger werden, während bislang vielleicht eher die Botschaft oder Ästhetik interessierte. Es wird nun verstärkt darauf geachtet, dass man sieht, wie etwas gemacht ist, und es eben nicht von einer KI produziert wurde. Das würde ich als Gegenreaktion zu dieser visuellen Abstraktion sehen, von der wir umgeben sind.Ulrich Pfisterer, Direktor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte und Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Kunstgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Kunst Italiens an der LMU
Ist es auch das, was einen Museumsbesuch heute für manche ausmacht?
Ja klar, wenn Sie zum Beispiel an den amerikanischen Bildhauer und Maler Barnett Newman denken und die amerikanische Farbfeldmalerei. Wenn Sie nah davorstehen, versinken Sie in der Farbfläche. Das konnte man schon bei Caspar David Friedrich sagen, beim ,Der Mönch am Meer‘ zum Beispiel. Das sind so riesige Leinwände, wenn Sie nah rangehen, um den Mönch zu sehen, erkennen sie links und rechts schon gar nichts mehr.
Wobei sich die Art und Weise, wie man Dinge wahrnimmt, ändert. Heute sagen wir, es darf nicht zu viel an einer Wand hängen, damit sich das Werk entfalten kann. Wir wissen aber, dass zur Entstehungszeit von manchen Bildern im 18. Jahrhundert die Hängung eine andere war: in drei, vier Reihen übereinander. Das heißt, die Art der Wahrnehmung von Kunst ist historisch immer mitbedingt.
Heute werden all diese Aspekte wieder interessant, die verloren gehen im digitalen Raum, wo wir alles von überall – ob am Schreibtisch oder im Bett liegend – sehen können.
Auch Museen nutzen die digitalen Möglichkeiten, sind auf Social Media und verkaufen in ihren Shops bekannte Bilder auf Regenschirme oder Untersetzer gedruckt. Welche Folgen hat das für die Wahrnehmung von Kunst?
Diese Merchandising-Produkte sorgen dafür, dass manche Museen mit drei, vier Bildern verbunden werden. Das lässt sich auch an dieser Selfie-Ästhetik feststellen, wenn sich Besuchende vor den Bildern fotografieren: „Ich, vor Mona Lisa“ oder „Ich und der Wanderer über dem Nebelmeer“.
Aktuell bilden sich Schlangen vor dem Landesmuseum Wiesbaden, weil das Gemälde der Ophelia von Taylor Swift als Vorlage in einem Musikvideo verwendet wurde. Da geht es nur darum, das Kunstwerk zu sehen, das im Song vorkommt, und dann natürlich ein Foto davon zu machen und dieses ins Internet zu stellen. Auch diese Phänomene tragen so letztlich entscheidend zu unserem Wissenshorizont bei.
greift das Motiv der Pioneer-Plakette auf, die mit ins All geschickt wurde, um vom Menschen zu erzählen.
Die LMU ist vom 25. bis 28. Februar Gastgeberin des Deutschen Kongresses für Kunstgeschichte. Der Kongress widmet sich dem Thema „wissen“ und visuellem Weltverständnis in seiner historischen und aktuellen Dimension.
Ausgerichtet wird der Kongress vom Deutschen Verband für Kunstgeschichte in Kooperation mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte und der Ludwig-Maximilians-Universität München. In den Räumlichkeiten der LMU sowie an weiteren Orten im Stadtgebiet werden rund 900 Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker aus dem In- und Ausland erwartet. Ortsbegehungen und Veranstaltungen führen zu vielen Museen, so am Donnerstagabend ins Museum Brandhorst.
Eine Teilnahme steht allen Interessierten offen. Eine Anmeldung (und ein Ticketerwerb) ist erforderlich.
Zur Webseite: 38. Deutscher Kongress für Kunstgeschichte