© edition text+kritik, Levelingstraße 6a, D-81673 München Titelfoto: ©Siegfried Lauterwasser; Karajan-Archive
BackstageClassical bringt einen Auszug aus dem Kapitel, in dem sich Rathert mit der Zeit des Dirigenten in Aachen (1935-1942) auseinandersetzt.
Unter allen großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts stellt Herbert von Karajan (1908–1989) wohl die weltweit berühmteste, zugleich aber am schwersten greifbare Erscheinung dar. Auf der Grundlage zahlreicher neuer oder bislang unbekannter Dokumente entwirft das Buch von Wolfgang Rathert ein differenziertes Bild dieser komplexen Persönlichkeit mit dem Ziel, ihre notwendige Entmythisierung fortzuführen.
Nach der ersten, über weite Strecken glänzenden Karriere im Nationalsozialismus entfaltete der "Generalmusikdirektor Europas" ab Mitte der 1950er Jahre als Nachfolger Furtwänglers an der Spitze der Berliner Philharmoniker, bei den Salzburger Festspielen, an der Wiener Staatsoper, in Luzern und Mailand und in strategischer Allianz mit der aufstrebenden Tonträger-Industrie seine Macht in beispielloser Weise. Nicht nur als Dirigent, sondern auch als Regisseur von Opern und Musikfilmen, als Intendant, als Festivalleiter und Musikunternehmer versuchte Karajan auf den Spuren Richard Wagners seine Vision eines perfekten musikalischen Kunstwerks zu realisieren. Seiner verdrängten musikpolitischen Vergangenheit und den Folgen seines Pakts mit dem technologischen Fortschritt stand Karajan jedoch zunehmend ohnmächtig gegenüber. Ob er am Ende an der Dialektik von Macht und Ohnmacht scheiterte und welches Vermächtnis er hinterlassen hat, bleibt diskussionswürdig.
Wolfgang Rathert: Herbert von Karajan - mal anders erzählt.
ARD Sounds, SWR Kultur, Treffpunkt Klassik, 16.07.2026
zur Sendung (7 Min.)
Backstage Classical, 29.07.2026
zum Podcast mit Interview (31 Min.)