Der oberschlägige Hammerflügel des Instituts aus dem Jahr 1825
gebaut von Nannette Streicher, geb. Stein und Sohn
gebaut von Nannette Streicher, geb. Stein und Sohn
Glanzstück des Instituts für Musikwissenschaft und ein Highlight vieler seiner Konzerte in der Großen Aula ist der 1825 in Wien gebaute oberschlägige Hammerflügel. Er ist das älteste erhaltene Exemplar eines ungewöhnlichen Instrumententypus, der weltweit nur sehr selten in Konzerten zu hören ist. Es handelt sich um einen sechs Oktaven (von F1 bis f4) umfassenden, durchweg dreichörig besaiteten Hammerflügel der Wiener Firma „Nannette Streicher geb. Stein und Sohn“ mit der von eben dieser Firma 1823 entwickelten und patentierten „oberschlägigen“ Mechanik, bei der die Hämmer von oben auf die Saiten prallen statt von unten, weshalb sie dann durch Federn jeweils wieder zurückgeholt werden müssen. Dementsprechend muss auch die Tastatur höher liegen als üblich und der Klavierstuhl entsprechend höher gebaut sein; die Füße ruhen über dem Boden auf einem Pedalbrett.
Das 1964 vom Institut erworbene, seit den 1980er Jahren aber nicht mehr spielbare Instrument wurde im Jahr 2002 mit Mitteln der Münchner Universitätsgesellschaft von Robert Brown (Oberndorf am Inn) aufwendig restauriert und wieder spielbar gemacht.
Streichers Instrumente sind genau nummeriert und datiert. Daher wissen wir, dass der Flügel 1825 gebaut wurde, das 1977. Instrument der Firma insgesamt und das neunzehnte mit oberschlägiger Mechanik war. Heute ist es der älteste noch erhaltene oberschlägige Flügel (Nr. 22 dieser Serie steht im Scenkonstmuseet Stockholm; aus den Folgejahren 1826 und 1827 gibt es jeweils nur noch ein, aber nicht mehr komplett originales Instrument und aus dem Jahr 1828 eines im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg).
Die Vorteile der oberschlägigen Mechanik hat Streicher in mehreren Werbeanzeigen umrissen. Weil im Inneren des Flügels kein Raum mehr für die Hammerrotation gelassen werden muss, kann der Korpus verbundener und stabiler gebaut sowie der Resonanzboden vergrößert werden. Damit soll dem Flügel „Stärke, Gleichheit und […] Wohlklang seiner Töne in der Höhe und Tiefe“ verliehen werden. In Wien war nämlich die Konkurrenz der englischen und französischen Klaviere spürbar, die ein deutlich anderes Klangideal verfolgten, deren Mechanik aber für Wiener Verhältnisse als zu schwergängig empfunden wurde. Streicher schaffte es mit den oberschlägigen Flügeln, sich klanglich an die englischen Instrumente anzunähern, ohne dabei aber das Spielgefühl der Wiener Mechanik aufzugeben, denn der Mechanismus ist hier identisch, nur umgedreht. Außerdem wurden diese Flügel als ideale Konzertinstrumente bezeichnet, weil die höhere Spielposition anmutiger sei und das Publikum die Hände von jeder Position im Raum aus gut sehen könne.
Nannette Streicher war 1769 in Augsburg als Tochter des renommierten Klavier- und Orgelbauers Johann Andreas Stein geboren worden und begann als Zehnjährige ihre Ausbildung zur Klavierbauerin. Nach dem Tod ihres Vaters übernahm sie dessen Betrieb und zog 1794 mit ihrem Mann, dem Schiller-Freund Johann Andreas Streicher nach Wien, wo sich ihre Werkstatt bald als eine der führenden Wiener Klavierbau-Firmen etablierte, mit einer Jahresproduktion von bis zu 100 Instrumenten. Sie leitete dabei nicht nur, später unterstützt durch ihren Sohn Johann Baptist Streicher, die Geschäfte – was für eine Frau ungewöhnlich genug war –, sondern war auch handwerklich tätig; insbesondere leistete sie jeweils die für den Klang entscheidende mechanische und intonatorische Feinarbeit. Die oberschlägigen Flügel entwickelte ihr Sohn Johann Baptist, der im Jahr des Patents 1823 in die Firma eintrat und zuvor auf einer langen Reise den englischen und französischen Klavierbau studiert hatte.
Eine besondere, wohl auch freundschaftliche Beziehung verband Nannette Streicher mit Ludwig van Beethoven. Ab 1813 brachte sie Ordnung in Beethovens ziemlich chaotischen Haushalt und galt als seine „Oberhofmeisterin“. Beethoven schätzte wiederum die Streicher‘schen Klaviere außerordentlich und wird sie in der Werkstatt von Nannette Streicher auch gerne ausprobiert haben, zumal ihn technische Innovationen stets faszinierten und die größere Klangstärke der oberschlägigen Instrumente ihn besonders interessieren musste. Allerdings konnte er infolge seiner Ertaubung unseren Flügel 1825 dann doch nicht mehr in all seiner farbenreichen Klangpracht hören, die von bedrohlich grummelnden, sehr klar zeichnenden Basstönen bis zu silbrig-hellen Tönen im obersten Register reicht.
Auch die Komponisten der Frühromantik schätzten Nannette Streichers Hammerklavier wohl gerade wegen ihres Reichtums an verschiedenen Klangfarben sehr. Von Johann Nepomuk Hummel ist bekannt, dass ihm ein von der Firma Streicher geschenkter baugleicher oberschlägiger Flügel von 1825 gehörte, der inzwischen allerdings zu den Kriegsverlusten des Leipziger Grassi-Museums zählt. Auch E. T. A. Hoffmann, der als Literat und Komponist maßgeblich die Romantische Musikästhetik konzipiert und formuliert hat, besaß einen Streicher-Flügel. In seiner großen Rezension von Beethovens Klaviertrios op. 70 von 1813 schwärmt er von den romantischen Klangwirkungen des Flügels, wenn er über das koloristische Adagio des „Geistertrios“ und dessen geheimnisvolle Tremolo-Passagen schreibt: „Rec[ensent] that zu dem Pianozug und den Dampfern auch noch den sogenannten Harmonicazug, der bekanntlich das Manual verschiebt, so dass die Hämmer nur eine Saite anschlagen, und aus dem schönen Streicherschen Flügel schwebten Töne hervor, die wie duftende Traumgestalten das Gemüt umfingen und in den magischen Kreis seltsamer Ahnungen lockten.“
Katharina Preller und Silke Berdux: „Patentes Piano. Der oberschlägige Hammerflügel von Nannette Streicher und Sohn (Wien, 1825) im Institut für Musikwissenschaft der LMU“, in: Von der Musik ausgehen. Musikgeschichtliche Schlaglichter vom Madrigal bis Richard Strauss – und darüber hinaus. Festschrift für Hartmut Schick zum 65. Geburtstag, hrsg. von Sebastian Bolz und Stefanie Strigl (Münchner Veröffentlichungen zur Musikgeschichte, 82), München: Allitera 2025, S. 171–211.
Franz Schuberts Liederzyklus "Die schöne Müllerin" und ihre Berliner Vorgeschichte. Mit Julian Prégardien (Tenor) und Kristian Bezuidenhout (Hammerflügel)