ASPEKT-Laborverbund

Laborverbund zur Analyse sozialer, verhaltensbezogener, kognitiver, emotionaler und physiologischer Prozesse

Hintergrund

ASPEKT (Laborverbund zur Analyse sozialer, verhaltensbezogener, kognitiver, emotionaler und physiologischer Prozesse) soll die methodische Infrastruktur im Bereich der Videographie am Department Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München für verhaltensnahe psychologische Forschung entsprechend des Potentials der technologischen Innovationen in moderner Video- und Speichertechnik ausschöpfen und exzellente Arbeiten gemäß den hohen wissenschaftlichen Anforderungen im Bereich der empirischen Verhaltensforschung sicherstellen. Der technische und wissenschaftliche Fortschritt hat zu neuen Forschungsmethoden und -feldern geführt. Die technologischen Voraussetzungen zu deren Erschließung sollen auf ein nationales Spitzenniveau ausgebaut und somit der Anschluss an hochkarätige internationale Forschung langfristig sichergestellt werden.

Dieses Projekt entstand in Mitträgerschaft des Departments Psychologie durch Kooperation im Rahmen des Munich Center of the Learning Sciences (MCLS), in dem die beteiligten Lehr- und Forschungseinheiten bereits aufgrund der Überschneidungen ihrer inhaltlichen Ausrichtungen zusammenarbeiten. Konkret beantragt wurden eine gemeinsame Server-Infrastruktur und vier Videolabor-Konfigurationen, die jeweils für die Analyse spezifischer Prozesse ausgelegt sind, jedoch im Verbund die Analysemöglichkeiten stark erweitern. Die Anträge für Großgeräte nach Art. 91b GG (INST 86_1900-1 FUGG bis INST 86_1903-1 FUGG) wurden am 20.11.2018 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft bewilligt. Die technische Einrichtung der Laboreinheiten konnte zum 31.01.2021 abgeschlossen werden.

Ziele

Mit den bewilligten Konfigurationen werden folgende wissenschaftliche Zielsetzungen verfolgt:

  1. Erfassung dynamischer Prozesse in Echtzeit: Durch die präzise Analyse minimaler Verhaltensveränderungen können wissenschaftliche Ergebnisse erzielt werden, die dem Prozesscharakter des interaktionellen Austauschs gerecht werden.
  2. Multidimensionale Erfassung von zentralen Konstrukten: Interaktionelles Verhalten ist multidimensional (Mimik, Gestik, Vokalisation, Blickverhalten, etc.), wird durch diverse Prozesse beeinflusst (Hirnaktivität, Arousal, Denken, Fühlen, etc.) und erfordert somit eine Analyse aus mehreren forschungsmethodischen Perspektiven.
  3. Automatisierte Verhaltenskodierung: Computergestützte automatisierte Annotation des Interaktionsverhaltens kann eine Einsparung finanzieller und zeitlicher Ressourcen bedeuten sowie die Reliabilität und Validität der zu analysierenden Maße erhöhen.
  4. Verzahnung von Grundlagenforschung und Praxis: Die ermittelten Erkenntnisse sollen der Entwicklung und Überprüfung praktischer Anwendungen dienen, die als Förder- und Interventionsmaßnahmen in spezifischen Entwicklungsumgebungen implementiert werden können.
  5. Multiperspektivische Betrachtung emotionaler und zwischenmenschlicher Prozesse in spezifischen Lern- und Entwicklungskontexten: Die beforschten Prozesse sollen über verschiedene Entwicklungskontexte hinweg untersucht und in ein gemeinsames Rahmenmodell integriert werden.
  6. Entwicklung methodischer und datenschutzrechtlicher Standards für den Umgang mit Videodaten: Die Vereinbarung von Prinzipien der Open Science mit datenschutzrechtlichen Vorgaben erfordert die Spezifizierung von Richtlinien besonders im Fall nicht-anonymisierbaren (Video-)Datenmaterials.
  7. Expertenaustausch und -Vernetzung: Die Einrichtung von Workshops und eines projektinternen Intranets ermöglicht einen breiten und aktualisierbareren Informationsfluss zu technischen und methodischen Spezifika für möglichst homogene und hochwertige Analysetechniken.

Beteiligte Lehr- und Forschungseinheiten

Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters (Prof. Dr. Corinna Reck) & Klinische Psychologie und Psychotherapie (Prof. Dr. Thomas Ehring)

EEKIP-Labor (Echtzeit-Eltern-Kind-Interaktions-Paradigmen)

Die Forschungsschwerpunkte der „Klinischen Psychologie des Kindes- und Jugendalters“ beinhalten die Analyse des Interaktionsverhaltens zwischen Eltern und ihren Kindern im Alter von 3 Monaten bis 12 Jahren mit dem Ziel, Risiko- und Schutzfaktoren in der intergenerationalen Transmission psychischer Störungen aufzudecken. Diese dienen zur Entwicklung Eltern-Kind-zentrierter Diagnose- und Interventionsmaßnahmen, die in der LMU-Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche (Leitung: Prof. Dr. Corinna Reck) auf Präventions- und Interventionseffekte überprüft werden. Das Interaktionsverhalten wird hierzu in standardisierten laborexperimentellen Verhaltensbeobachtungen videographiert und anschließend auf manualisierte spezifische Verhaltens- und Affektkategorien kodiert. Diese werden zur Psychopathologie von Eltern und Kindern sowie zu biologischen und Entwicklungsparametern in Beziehung gesetzt.

Die Forschungsschwerpunkte der „Klinischen Psychologie und Psychotherapie“ beinhalten einerseits die Ätiologie und Behandlung von psychischen Störungen als Folge traumatischer Lebensereignisse, und andererseits die Erforschung transdiagnostisch relevanter Prozesse (u.a. Emotionserkennung & -regulation) für die Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen, die durch eine defizitäre emotionale Verarbeitung gekennzeichnet sind (z.B. Depression). Ziele sind u.a. die Weiterentwicklung und Validierung psychotherapeutischer Interventionen bei Patientinnen und Patienten mit (komplexen) Trauma-Folgestörungen. Die Verwendung von Videomaterial bietet die Möglichkeit, durch Verhaltensbeobachtung bedeutsame zusätzliche Parameter emotionaler und interaktioneller Prozesse in Echtzeit zu erfassen und mit psychophysiologischen und kognitiven Maßen in Beziehung zu setzen. Dies ist v.a. für die Untersuchung emotionaler Reaktionen, interpersoneller Auffälligkeiten und der Emotionsregulation vielversprechend.

Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie (Prof. Dr. Markus Paulus, Prof. Dr. Jeanine Grütter)

EVEnT-Labor (Echtzeiterfassung von Verhaltens- und Entwicklungsmaßen und Motion-Tracking)

Die Einheit verfügt über umfassende Expertise in der Erforschung der kognitiven und sozialen Entwicklung zwischen dem Säuglings- und Grundschulalter. Die Schwerpunkte liegen in der Entwicklung der Theory of Mind und ihrer Korrelate - vom Handlungsverständnis im Säuglingsalter bis zu sozial-kognitiven und metakognitiven Prozessen im Schulalter. Diese Konstrukte und das frühkindlichen Handlungsverständnis sowie die prosoziale und moralische Entwicklung in früher Kindheit werden sowohl in experimentellen Einzeltestungen als auch in Interaktionen zu Dritten (z. B. zur Mutter) erfasst. Neben der videobasierten Verhaltensbeobachtung werden neuronale Verfahren wie EEG und fMRI, Blickbewegungsmessung (Eyetracking) eingesetzt. Für die meisten Projekte werden Testsituationen oder Interaktionen zwischen Versuchsteilnehmer/innen und -leiter/innen und/oder Elternteil oder auch zwischen verschiedenen Versuchsteilnehmer/innen gefilmt und verbale wie nonverbale Verhaltensweisen kodiert. Vorgesehen ist darüber hinaus das Motion-Tracking von Hand- und Armbewegungen.

Psychology in the Learning Sciences (Prof. Dr. Anne Frenzel)

FEEL-Labor (Forschung zur Echtzeit-Emotionserkennung im Lernkontext)

Im Labor FEEL werden umfangreiche, multimodale nicht-invasive Methoden für die Messung von Emotionen umgesetzt, um Erkenntnisse zu Antezedenzien, Konsequenzen und Korrelaten von Emotionen in Lehr- und Lernsituationen zu generieren. So sollen typische Verzerrungs- und Störeffekte, durch welche die bisherige vorwiegend auf Selbstbericht basierenden Forschung in diesem Kontext gekennzeichnet ist, ausgeschlossen werden. Die fortlaufende situationsadaptive und multimodale Emotionsmessung mittels der Softwareplattform iMotions erlaubt innovative Forschungsfragen der experimentellen Emotionspsychologie zu beantworten, die sich auf die Funktionen von Emotionen für die Informationsverarbeitung und das Lernen beziehen. Neben solchen intrapersonellen Phänomenen werden im Labor auch soziale Lehr-Lernsettings mit mehreren Personen umgesetzt, beispielsweise um Phänomene der interpersonellen Synchronisation des emotionalen Erlebens von Interaktionspartnern (Stichwort emotionale Ansteckung) zu explorieren.

Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie (Prof. Dr. Frank Fischer)

SkiLL-Labor (Simulation von komplexen interaktiven Lernumgebungen für kompetenzorientiertes Lernen)

Die Einheit beschäftigt sich mit dem Wissen und Kompetenzerwerb in komplexen Lernumgebungen. Hierbei werden kognitionspsychologisch fundierte Instruktionsmodelle auf unterschiedlichen sozialen Ebenen (z.B. Individuum, Kleingruppe, Klassenplenum) überprüft und weiterentwickelt. Dazu sind neben der Messung des Lernerfolgs differenzierte Analysen von Lern- und Interaktionsprozessen zentral. Wichtige Forschungskontexte der Einheit mit interdisziplinären Forschungskooperationen sind derzeit digital unterstützte Lernumgebungen (Simulationen) in der Lehrerbildung und im Medizinstudium. Methodisch werden u.a. die Möglichkeiten der Video- und Simulationstechnologie zur Erstellung komplexer Lernumgebungen genutzt. Des Weiteren entspricht es dem internationalen Standard, Lehr-, Lern- und Interaktionsprozesse in komplexen Lernumgebungen verhaltensnah zu erfassen. Zur Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen sozialen Ebenen (Plenum, Kleingruppen, Individuum) ist es erforderlich, zeitlich synchronisierbare Daten für jede dieser Ebenen zu erfassen.

Emotion und Motivation (Allgemeine Psychologie 2) (Prof. Dr. Markus Maier)

Die Einheit stellt eine effiziente Lösung für Forschungsvorhaben dar, die eine computerbasierte Laboruntersuchung mit hoher Stichprobengröße erfordern. Durch die Bereitstellung von getrennten Erhebungskabinen, können bis zu zehn Versuchspersonen parallel getestet werden. Jeder Arbeitsplatz ist dabei mit einem Taster / Response Pad, Kopfhörer, sowie einem Hardwarezufallsgenerator ausgestattet. Zusätzlich besteht die Möglichkeit der Durchführung von Experimenten in einer Virtual Reality (VR)-Umgebung durch Bereitstellung eines entsprechenden Headsets (Samsung Odyssey).

Sozialpsychologie (Prof. Dr. Mario Gollwitzer)

Die Einheit beschäftigt sich mit den Wechselbeziehungen zwischen sozialen Wahrnehmungen, Urteilen und Reaktionen (beispielsweise der Reaktion auf erlebte Ungerechtigkeit) und Persönlichkeitseigenschaften. Typischerweise werden Probandinnen und Probanden mit speziellen (experimentell kontrollierten) sozialen Situationen konfrontiert (bspw. in Form einer schriftlichen Beschreibung, eines Videos oder einer „virtuellen Realität“). Ihre Wahrnehmungen der Situation, ihre Urteile und ihre Reaktionen werden dann standardisiert auf der Basis jeweils geeigneter Messverfahren erfasst und quantifiziert. Dabei kommen sowohl Selbstberichte als auch reaktionszeitgestützte und verhaltensnahe Maße zum Einsatz. Bei der Planung und Durchführung dieser Studien wird höchsten methodischen, technischen und forschungsethischen Standards Rechnung getragen.

Verortung

Der Laborverbund wird in Mitträgerschaft des Departments Psychologie im “Expertise Team 7: Dyadic social interaction: Developmental and clinical perspectives” (ET 7) des Munich Center of the Learning Sciences (MCLS) verortet. Das Board des Laborverbunds besteht aus den in der Antragstellung beteiligten Professoren. Die Rolle des/der Sprechers:in und Co-Sprecher:in wird derzeit kommissarisch vertreten durch Prof. Dr. Frank Fischer und Prof. Dr. Corinna Reck.

Das wissenschaftliche (Dr. Mitho Müller) und technische Labormanagement (Alexander Kacina) untersteht direkt der/dem Speaker/in und Co-Speaker/in.

Labornutzung

Raumbuchungen innerhalb des Videolaborverbunds Raumbuchungen innerhalb des Videolabor-Netzwerks erfolgen über die webbasierte Terminbuchungsplattform eTermin. Sie sind buchungs- oder leseberechtigt und möchten beispielsweise wissen, wie die aktuelle Raumauslastung eines Videolabors aussieht? Eine detaillierte Schritt für Schritt Anleitung erhalten Sie dafür von Alexander Kacina.

Die in den Laborräumlichkeiten enthaltene Technik sowie ihre Einsatzmöglichkeiten stehen in den folgenden Moodle-Kursen beschrieben (Anmeldung erforderlich). Den Zugangsschlüssel erhalten Sie ebenfalls von Alexander Kacina.

EEKIP & EVEnT Lab Technology Showcase
FEEL-Labortechnik Showcase
SkILL-Labortechnik Showcase

Kontakt

Sie möchten mit dem Laborverbund kooperieren oder erwägen sogar einen Beitritt? Bitte wenden Sie sich an Dr. Mitho Müller. Oder sind Sie neu an einer der Professuren des Laborverbunds, möchten gerne die Möglichkeiten näher kennenlernen oder eine Einweisung in die Technik erhalten? Bitte wenden Sie sich an Alexander Kacina.

Sie möchten gerne Räumlichkeiten und Videotechnik für eine Studie oder ein Forschungsvorhaben nutzen? Bitte wenden Sie sich direkt an die Ansprechpartner:innen der Teillabore über dei untenstehende Tabelle.

Bei Anliegen bezüglich der Leitung des Laborverbunds wenden Sie sich bitte an Prof. Dr. Frank Fischer oder Prof. Dr. Corinna Reck.

Ansprechpartner:innen für Raumbuchungen und Verfügbarkeitsanfragen der Teillabore

EEKIP-Lab Dr. Mitho Müller
EVEnT-Lab PD Dr. Jörg Meinhardt
FEEL-Lab Dr. Sara Schmode-Laybourn
SkiLL-Lab Alexander Kacina
Emotion und Motivation (Allgemeine Psychologie 2)-Lab Dr. Moritz Dechamps
Sozialpsychologie-Lab Franziska Brotzeller