Ethnologie des Verschwindens: Von Flüchtlingsbewegungen, Vermissten und fehlenden Trauerritualen

Migration übers Mittelmeer: „Was passiert mit denen, die diese Überfahrt nicht überstehen?“ Die Ethnologin Gerhild Perl erforscht, wie Angehörige und Gesellschaften mit dem Verlust von Menschen umgehen.

Sie kamen schwimmend, sie kletterten über die Klippen, überwanden den Grenzzaum. Innerhalb weniger Tage Ende Juli waren es offiziellen Schätzungen zufolge 70.000 Flüchtende, die Ceuta erreichten, diesen kleinen Zipfel Spanien an der Mittelmeerküste Nordafrikas. Die Medien rund um die Welt waren voll von den Ereignissen an der Straße von Gibraltar. Wieder einmal.

Aber hinter der großen Zahl und den Berichten über unhaltbare Zustände in einer überforderten Stadt verschwanden allzu leicht die Schicksale der Einzelnen: ihr Aufbruch in eine heikle Ungewissheit, ihre verzweifelte Hoffnung, ihre Verlassenheit – und nicht zuletzt die Tatsache, dass etwa 150 Menschen beim Versuch, nach Europa zu kommen, umgekommen waren; etwa 50 weitere wurden zuletzt noch vermisst.

Hunderte von Migranten versuchen, von Marokko aus zur spanischen Stadt Ceuta in Nordafrika zu schwimmen.
Massenansturm auf Ceuta

Hunderte von Migrantinnen und Migranten versuchten Ende Juli 2026, von Marokko aus zur spanischen Stadt Ceuta in Nordafrika zu schwimmen.

© picture alliance / Anadolu | Marcos Moreno

Tausende Geflüchtete waren schwimmend und zu Fuß in die autonome Stadt gelangt, indem sie die Schutzmauer umgangen hatten, die Ceuta von Marokko trennt. Am Strand blieben hunderte Schwimmreifen zurück.

© picture alliance / Europa Press / ABACA

Die Frage nach Leben und Tod – das Bedürfnis nach Gewissheit

Gerhild Perl kennt die Verhältnisse diesseits und jenseits der Meerenge, der Grenze zwischen Spanien und Marokko, zwischen Europa und Afrika, nur zu gut. Seit bald 15 Jahren forscht die Ethnologin zu Fragen der Migration und zum Tod im Mittelmeer. Unlängst hat die LMU-Professorin eine „Ethnologie des Verschwindens“ mitentworfen, in der die Forschenden ganz verschiedene Arten des Verschwindens, ihre Ursachen und Folgewirkungen beleuchten. Und ob es nun um Menschen geht, die in Kriegen und militärischen Auseinandersetzungen weltweit oder den Folterkellern lateinamerikanischer Diktaturen verschwanden, von Drogenkartellen verschleppt wurden oder eben die, die auf Flucht und Überfahrt ihr Leben ließen – für Gerhild Perl bestätigen all diese Fälle die „soziale Macht“ der Verschwundenen.

Die Kategorie des Verschwundenen, heißt es in dem Band, „konfrontiert uns mit tiefgreifenden Fragen zum menschlichen Leben: nicht nur zu Anwesenheit und Abwesenheit, sondern auch zu Leben und Tod“. Es gehe um „Rituale und Trauer, Schutz und Verletzlichkeit, um Unterdrückung und Macht, Politik und Persönlichstes“.

Als sie damals mit ihren Recherchen begann, berichtet Gerhild Perl, habe sie schon viele Forschungsberichte darüber lesen können, warum Menschen auf die Flucht gehen, über ihre Ankunft in den europäischen Ländern und die Herausforderungen, die damit verbunden sind. „Aber ich habe nichts dazu gefunden, was mit den Menschen passiert, die diese Überfahrt nicht überleben. Und das sind erschreckend viele.“

Ethnologin Gerhild Perl

© Johanna Weber / LMU

»Manche Familien, deren Söhne sich damals auf die gefährliche Überfahrt gemacht hatten, leben noch heute gegen alle Wahrscheinlichkeit in einer Ungewissheit. Sie fragen sich, ob ihr Sohn noch lebt, ob er nicht doch irgendwann zurückkommt.«

Gerhild Perl, Professorin am Institut für Ethnologie

Geflüchtete im Boot vor der italienischen Insel Lampedusa

Geflüchtete im Boot vor der italienischen Insel Lampedusa

© picture alliance / Laurin Schmid

Wie viele Menschen sterben auf den gefährlichen Fluchtrouten?

Allein im Mittelmeerraum waren es in dem vergangenen Dutzend Jahren offiziellen Schätzungen zufolge rund 35.000 Menschen, weltweit sind es mehr als 80.000 – dokumentierte – Fälle. Die tatsächlichen Zahlen jedoch dürften weitaus höher liegen, sagt LMU-Ethnologin Gerhild Perl.

Was also bedeuten solche Verluste? Wie gehen die Zurückgebliebenen mit der Flucht von Familienmitgliedern und Freunden um? Mit ihrem Verschwinden, mit dem Nichtwissen, was aus ihnen geworden ist? Und auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar? Was heißt es für die Menschen dort, wenn sie Tote am Strand bergen, identifizieren und begraben müssen?



Nur wenige Hundert Meter vor der andalusischen Küste ertrunken

Gerhild Perl hat das „politische und soziale Nachleben“ der Verschwundenen untersucht. Zum Ausgangspunkt hat sie dabei ein Unglück genommen, bei dem rund 40 zumeist Jugendliche und junge Männer aus Marokko ertrunken waren – nur wenige Hundert Meter vor der andalusischen Küste bei Rota. Der Fall zeigt exemplarisch viele Facetten eines Flüchtlingsdramas, wie es sich nicht selten wiederholt hat. Für die Hinterbliebenen, aber auch für nur mittelbar Beteiligte ist das Geschehen noch immer eine nicht abgeschlossene Geschichte. „Manche Familien, deren Söhne sich damals auf die gefährliche Überfahrt gemacht hatten, leben noch heute gegen alle Wahrscheinlichkeit in einer Ungewissheit“, erzählt Gerhild Perl. „Sie fragen sich, ob ihr Sohn noch lebt, ob er nicht doch irgendwann zurückkommt.“ Dann kursiert vielleicht ein Gerücht im Nachbardorf, dass jemand wieder da sei. Und schon lässt es sie wieder hoffen.

Wenn jemand verschwunden ist, ist sein Tod immer möglich. Und je mehr Zeit vergeht, desto wahrscheinlicher wird er. „Aber er wird nicht zur Sicherheit“, sagt Perl, „es wird für die Menschen zu einer Qual, die weiterlebt“, sie nicht ständig lähmt, aber immer wieder mal. Und zu der Trauer um den Verlust eines Menschen kommt die Trauer um den Verlust eines Körpers, den man nicht begraben kann. „Man kann dann kein Grab besuchen, man kann die tote Person sozusagen nicht in die soziale Welt aufnehmen.“ Und so entsteht, sagt Perl, „wirklich ein Verlangen nach diesem Körper“, denn nur der Leichnam „kann den Tod bestätigen“.

Graffito in der südspanischen Stadt Tarifa: Mann mit Surfbrett und Mann mit Rettungsring
Spuren an der Wand

Graffito in der südspanischen Stadt Tarifa: Mann mit Surfbrett und Mann mit Rettungsring

© Driss Elhadj
Anonymens Nischengrab in Südspanien

Anonymes Nischengrab auf dem alten Friedhof von Algeciras in Südspanien: Die Bilder stammen aus dem Buch "Hope", erschienen im Christoph Merian Verlag, Basel.

© Sarah Hildebrand

Auf der einen Seite die toten Körper, auf der anderen die Namen der Verschwundenen

Und auf der spanischen Seite? „Da sind die Menschen, die Leichen finden, konfrontiert mit einem Körper, der keinen Namen hat.“ Nicht zuletzt bei dem Versuch, einen Toten zu identifizieren, versuchen sie sich vorzustellen, wer dieser Mensch gewesen sein mag. „Ein Freiwilliger, der dort mitgeholfen hat, die Leichname zu bergen“, erzählt Perl, „hat von Kichererbsen gesprochen, die er in den Hosentaschen eines Toten gefunden hat. Er sagte, die kamen mit Kichererbsen, die haben Kichererbsen gegessen. Diese kleinen Dinge machten die Leichname zu greifbaren Personen, die bis vor Kurzem noch gelebt hatten.“

Es entstehe also eine Kluft: „Auf der einen Seite haben sie die Körper, auf der anderen Seite sind die Familien, die Namen und Identität von Verschwundenen haben.“ Gerhild Perl erzählt von einem Bestatter, der schon kurz vor der Jahrtausendwende – in einer Mischung aus Engagement und Geschäftsmodell – begonnen hatte, diese Kluft zu überwinden. Er suchte auf eigene Faust Wege zur Identifizierung und Rückführung der Toten. Zunächst also waren es eher private Initiativen, mittlerweile, so sagt die LMU-Forscherin, gäbe es immer mehr Organisationen, die daran arbeiteten, die Leichname zu identifizieren.

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Moderne Methoden der forensischen Anthropologie

Nicht von ungefähr, sagt Perl, hätten Länder wie Argentinien, Bosnien und eben auch Spanien zur Identifizierung moderne Methoden der forensischen Anthropologie vorangetrieben. In den zuständigen spanischen Behörden gebe es klare Protokolle, was mit einem anonym gefundenen Körper passiert. Es werden DNA-Proben genommen, Fotos gemacht vor allem von auffälligen Merkmalen eines Körpers. „Auch Fingerabdrücke, die oft ausgewaschen sind vom Meer, werden für den Abgleich in den Datenbanken restauriert.“ Die wenigsten Toten allerdings lassen sich so identifizieren. Das Wissen wird auf spanischer Seite generiert – und archiviert. „Die Zusammenführung funktioniert nicht.“ Kein Angehöriger aus Marokko beispielsweise bekäme ein Visum nur für einen DNA-Abgleich.

Es sind Geschichten wie diese, aus denen Perl ihre Erkenntnis gewinnt. Auch in ihren wissenschaftlichen Arbeiten erzählt sie von einzelnen Begebenheiten, schildert Situatives, pflegt das dialogische Schreiben. „Wir haben Geschichten, das ist so in der Ethnologie.“ Menschen sind für sie „nicht einfach Forschungsobjekte“. „In so einer Forschung geht man Beziehungen ein mit ihnen. Das ist grundlegend für uns; wir brauchen Menschen, die uns einladen in ihr Leben.“ Für ihre Dissertation war sie insgesamt 16 Monate in der Grenzregion zwischen Spanien und Marokko. Seitdem ist sie immer wieder dort und hält Kontakte.

Was für Perl zählt, ist nicht der vermeintlich objektive „Blick von nirgendwo“. Als Ethnologin schreibe sie immer mit dem Wissen, dass es eine partielle Erzählung ist, und reflektiere ihren Blick. „Ich beobachte, fühle auch mit, und notiere alles, meine Feldforschungstagebücher sind dafür zentral.“ Es ist eine interpretative Wissenschaft. „Es geht mir darum, ein tieferes Verständnis von einer bestimmten Gegebenheit zu schaffen. Ich bette die Situationen, die ich beobachten kann, ein in unsere heutige Welt, wie diese auch politisch beschaffen und wie sie historisch konstituiert ist.“

»Wir haben Geschichten, das ist so in der Ethnologie. Menschen sind für uns nicht einfach Forschungsobjekte. In so einer Forschung geht man Beziehungen ein mit ihnen. Das ist grundlegend für uns; wir brauchen Menschen, die uns einladen in ihr Leben.«

Gerhild Perl, Professorin am Institut für Ethnologie

Massengrab aus der Franco-Zeit in El Estepar, Spanien
Massengrab aus der Franco-Ära

Auf diesem Foto vom 26. Juli 2014 arbeiten Mitglieder der Wissenschaftlichen Gesellschaft Aranzadi und des Vereins zur Wiederherstellung des historischen Gedächtnisses von Burgos an einem ehemals verborgenen Massengrab in El Estepar, Spanien. Teams aus ehrenamtlichen Archäologinnen, Anthropologen und Forensikerinnen auf Expeditionen, um nach mutmaßlichen Massengräbern zu graben – ein Erbe der faschistischen Vergangenheit Spaniens zur Zeit von General Francisco Franco.

© picture alliance / AP Photo | Daniel Ochoa de Olza

Widerspruch: Mehr Bewegungsfreiheit in Europa, mehr Tote im Meer

„Für meine Forschung war ich viel in Archiven und auf Friedhöfen. Und dort sieht man dann wirklich: Mit dem Jahr 1991 steigt die Zahl der Einträge von nicht identifizierten Körpern, die an die Küste angespült werden“, sagt die LMU-Ethnologin. „Es ist ein trauriges Paradox“, dass dies verknüpft sei mit einer großen Errungenschaft: einem freizügigen Europa mit offenen Binnengrenzen. Auch Spanien war 1986 der Europäischen Gemeinschaft beigetreten und 1991 dem Schengen-Raum; das verpflichtete das Land, fortan die Außengrenzen zu schließen. Zuvor war der Grenzverkehr zwischen Spanien und Marokko visumsfrei. „Es gab enge Beziehungen, nicht nur auf politischer, sondern auch auf Alltagsebene.“

In der bleiernen Zeit der 1960er bis 1980er Jahre war Marokko ein Land der Repression. Das Regime unter Hassan II. ließ Tausende in Gefängnissen und Lagern verschwinden. „Das wirkt nach und prägt das Verhältnis eines Individuums zu seinem Staat“, sagt Perl. Auch Spanien habe eine Geschichte des „Verschwindenmachens“, die noch heute die Gesellschaft untergründig formt. 50 Jahre nach Francos Tod und dem Ende der Diktatur ist mittlerweile eine starke Bewegung entstanden, die fordert, die zahllosen Massengräber, in denen die Opfer des spanischen Faschismus verscharrt wurden, zu öffnen und den Versuch zu starten, zumindest einen Teil der Toten zu identifizieren. Und auch hier, sagt die Ethnologin, sind die Familien, die Nachfahren der Verschwundenen, der treibende Faktor.

Auch hier zeigt sich die „soziale Kraft der Verschwundenen“, das verbindet die so unterschiedlichen Geschichten aus Spanien und Marokko. Perl erzählt von einer Frau in Marokko, die seit 26 Jahren ihren Sohn vermisst, der aufgebrochen und nie „in Europa“ angekommen ist. „Es ist, so hat sie mir gesagt, immer eine kleine Flamme, die nie ganz erlischt.“

Gerhild Perl ist Professorin am Institut für Ethnologie der LMU.


Text von Martin Thurau


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