Meisterwerke von Frauen: Aus der Vergessenheit geholt
Elise Bürger war einst eine sehr erfolgreiche Dramatikerin, ist aber im kulturellen Gedächtnis nicht präsent – bis LMU-Forschende sich auf ihre Spuren gemacht haben.
Elise Bürger war einst eine sehr erfolgreiche Dramatikerin, ist aber im kulturellen Gedächtnis nicht präsent – bis LMU-Forschende sich auf ihre Spuren gemacht haben.
LMU-Literaturwissenschaftlerin Anna Axtner-Borsutzky erweitert den Kanon um Dramatikerinnen aus dem 18. und 19. Jahrhundert und ihre Werke. Die zu Lebzeiten teilweise sehr erfolgreichen Autorinnen waren bislang weitestgehend aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden. Woran das lag, zeigt beispielhaft die Forschung von Axtner-Borsutzky und ihrem Team zur Dramatikerin Elise Bürger.
Diese aus einer Albernheit entstandene Ehe hätte für die junge Elise Hahn nicht schlechter ausgehen können. Als Scherz waren ihre lobpreisenden Verse auf den Dichter Gottfried August Bürger gedacht, die wohl ohne ihr Wissen von ihrem Freundeskreis – allerdings ohne Nennung ihres Namens – veröffentlicht wurden. Sie rührten Bürger, der 21 Jahre älter war als sie, so sehr, dass er die Dichterin aufspürte und der damals 20-Jährigen einen Antrag machte.
Zwei Jahre nach der Hochzeit, die im Jahr 1790 stattgefunden hatte, war Elise Bürger geschieden, mittellos, ihres Sohnes Agathon beraubt, den sie nicht mehr sehen durfte, und mit dem Ruf einer „dirnenhaften, putzsüchtigen, verschwenderischen und rechthaberischen Frau“ versehen, wie es noch heute, mehr als 200 Jahre später, im Internet nachzulesen ist, in der NDB – einem grundlegenden biographischen Nachschlagewerk.
Statt sich zurückziehen, suchte Elise Bürger die Bühne und schrieb weiter. Die folgenden Jahre etablierte sie sich als Dramatikerin und Schauspielerin. Ihre Stücke wurden häufig und in ganz Mitteleuropa gespielt, ihr Können als Künstlerin gefeiert. Sie schrieb oft über Frauen, die sich gegen erfahrenes Unrecht wehrten oder mit den gängigen Geschlechternormen kämpften. Der Nachwelt ist ihr Schaffen jedoch unbekannt, ihre Werke sind kaum zugänglich.
Das ändert sich aktuell durch die Forschung von Dr. Anna Axtner-Borsutzky. Die LMU-Literaturwissenschaftlerin ist Co-Leiterin des Projekts „Lost in Archives“ und hat sich mit ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterin Sunna Kroy und ihrem Team seit 2024 auf die Suche nach den verschollenen Werken von Dramatikerinnen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts gemacht. „Elise Bürger ist ein sehr gutes Beispiel dafür: Ihre eigene Geschichte ist nur in ganz kleinen Teilen bekannt und ihr Leben als Schriftstellerin und Schauspielerin in Vergessenheit geraten“, sagt Axtner-Borsutzky.
Denn Elise Bürger ist kein Einzelfall. Es gab vor 200 Jahren sehr erfolgreiche Dramatikerinnen, deren Stücke öfter aufgeführt wurden als die ihrer männlichen Kollegen, obwohl es für sie aufgrund ihrer gesellschaftlichen Position schwieriger war, sich einen Namen zu machen. Es war damals nicht üblich, dass adlige Frauen ihren Lebensunterhalt verdienten. Ihr Zugang zu Bildung war häufig beschränkt. Nur Frauen aus dem Adel und gebildeten Bürgertum hatten überhaupt eine Chance, ihr künstlerisches Talent und ihre intellektuellen Fähigkeiten zu entfalten. Die es taten, sahen sich mit starken Vorurteilen konfrontiert. Viele veröffentlichten daher unter Pseudonym oder, wenn sie nicht zwingend auf die damit verbundene Einkommensmöglichkeit angewiesen waren wie zum Beispiel Charlotte von Stein, zunächst gar nicht, später anonym.
Die so unterschiedlichen Autorinnen Elise Bürger und Charlotte von Stein verbindet jedoch, dass man sich bislang vor allem in Relation zu einem Mann an sie erinnert. Charlotte von Stein ist bekannt als Freundin Goethes und Elise Bürger höchstens als geschiedene Frau von Gottfried August. „Die Geschichte der Elise Bürger endet aber eben nicht mit der Ehe. Sie geht da eigentlich erst los. Aber genau diesen Teil kennen wir nicht mehr“, sagt Axtner-Borsutzky.
Einst erfolgreiche Dramatikerinnen wie Elise Bürger hatten oft schwierige Voraussetzungen, um in die Archive aufgenommen zu werden – sei es, weil sie unter Pseudonym veröffentlichten, sei es, weil es niemanden gab, der sich um den Nachlass kümmerte. Entscheidend waren auch immer Personen, die darüber urteilten, was als wertvoll und erhaltenswert galt. In der Forschung ist inzwischen vom „Archiv als Machtinstrument“ die Rede. „Es hat in den letzten 200 Jahren viele Momente gegeben, zu denen gerade Bestände von Frauen ihren Weg nicht in die Sammlungsorte gefunden haben. Dadurch wird heute das Bild erzeugt, dass es ihre Werke nie gab. Wir haben ein Beispiel, in dem ganz klar von einem Archivdirektor gesagt wurde: Den Nachlass des Mannes nehmen wir. Der der Frau kann weg, es sei denn, es sind Briefe von wichtigen Männern“, erklärt Axtner-Borsutzky und nennt ihre Forschung darüber „Arbeit mit der Lücke“.
Elise Bürger, Dramatikerin und Schauspielerin (1769-1833)
Anna Axtner-Borsutzky, Leiterin des Teilprojekts Theaterwesen im Rahmen des BMBF-Forschungsvorhabens „Lost in Archive"
Einige Manuskripte Elise Bürgers galten als verschollen. Auch das LMU-Forschungsteam ist zunächst Spuren gefolgt, die ins Leere liefen, etwa weil es Bibliotheken, in denen Material vermutet wurde, nicht mehr gibt. „Es reicht nicht, in die Online-Kataloge zu schauen. Dort wird man nicht finden, was als verloren gilt oder als nicht wichtig genug angesehen wurde, um aufgenommen zu werden“, erläutert Axtner-Borsutzky. Mit ihrem Team hat sie sich zum Beispiel auf die Suche nach Theaterzetteln von Aufführungen, nach Briefen und Rezensionen gemacht. Inzwischen haben die Wissenschaftlerinnen vier Manuskripte des Dramas „Klara von Montalban“ wiedergefunden, das bis in die 1840er-Jahre hinein in ganz Mitteleuropa gespielt wurde. Sie edieren es nun und bereiten eine Leseausgabe vor, die kommendes Jahr erscheinen soll.
Es ist nur eines von mindestens zwölf Dramen, die Elise Bürger geschrieben hat. Und Elise Bürger ist nur eine der vielen Dramatikerinnen, deren Werke dem kulturellen Gedächtnis verloren gegangen waren und die nun zumindest im Ansatz durch das LMU-Projekt wieder ans Licht geholt werden. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir so viele Manuskripte und so vieles finden, was zu tun ist“, sagt Axtner-Borsutzky und urteilt mit Blick auf ihre Forschungsleistung: „Das ist nur die Spitze des Eisbergs.“
Dr. Anna Axtner-Borsutzky ist Akademische Rätin a. Z. an der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften der LMU und leitet das Teilprojekt Theaterwesen im Rahmen des BMBF-Forschungsvorhabens „Lost in Archives. Auf der Suche nach unsichtbaren Frauen im 18. Jahrhundert“.
Auf der Website des Forschungsprojekts „Lost in Archives“ gibt es weitere Informationen zu der Dramatikerin und ihren schreibenden Zeitgenossinnen.
Das Forschungsprojekt „Lost in Archives“ stellt seine Ergebnisse im Rahmen einer Wanderausstellung der Öffentlichkeit vor. Zugleich wird eine Graphic Novel veröffentlicht.
Die Ausstellung eröffnet am 12. November 2026 im Schopenhauer-Studio der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
In einer Kooperation mit dem Staatstheater Darmstadt werden Stücke von Dramatikerinnen aus dem 18. Jahrhundert aufgeführt und gelesen, die im Rahmen des Projekts „Lost in Archives“ wiederentdeckt wurden:
Unerhört: Elise Bürger am Staatstheater Darmstadt
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