Station 01: Klaus Lazarowicz und das langersehnte Ordinariat
Georgenstr. 11, 80799 München
Georgenstr. 11, 80799 München
von Victoria Pfeif
Diese Station handelt davon, wie die Theaterwissenschaft einen ersten Lehrstuhl bekam und wie nach langjähriger und beinahe schon hoffnungsloser Suche endlich ein Ordinarius für das Institut gefunden wurde.
01.06.2026
Die Anfänge der Theaterwissenschaft
Artur Kutscher gilt als einer der Gründerväter der deutschsprachigen, universitären Theaterwissenschaft, wobei sich sein Streben nach der Eigenständigkeit der Theaterwissenschaft als langwierig erwies. Erst 1926 wurde in München ein Institut für Theatergeschichte im Rahmen des Seminars für deutsche Philologie gegründet. Es war im Theatermuseum der Klara-Ziegler-Stiftung untergebracht, bis es 1944 im Krieg zerstört wurde. Institutsleiter wurde damals Hans Heinrich Borcherdt.
Wie sah es währenddessen in den anderen Städten Deutschlands aus?
Bereits 1919 wurden erste Institute für Theaterwissenschaft in Köln, Frankfurt, Kiel und Berlin eingerichtet. Das erste eigenständige Institut für Theaterwissenschaft wurde 1923 in Berlin gegründet. München ist mit der Institutsgründung 1926 der fünfte Standort, an dem es möglich war, Theaterwissenschaft zu studieren.
Wer folgt auf den Kutscher-Sitz?
Die Besetzung des Ordinariats in München in den 1960er Jahren (umgangssprachlich auch der „Kutscher-Sitz“ genannt) wurde von der Öffentlichkeit sehr genau beobachtet. Die Bezeichnung des Lehrstuhls als Kutscher-Sitz lässt sich im Übrigen darauf zurückverfolgen, dass Artur Kutscher zu seiner Zeit nur als außerordentlicher Professor das Amt innehatte. Nach der Erhebung zum Ordinariat wurde im Jahr 1962 von der Fachkommission ein erster Vorschlag für eine Berufungsliste vorgelegt. Die drei Top-Favoriten waren Eckehardt Catholy, Rolf Badenhausen und Alois M. Nagler.
Fun Fact
Die Idee zur Umbenennung des Instituts stammte 1963 tatsächlich von Eckehard Catholy, dem Wunschkandidaten. In seiner Berufungsverhandlung forderte er, dass man das Institut für Theatergeschichte in „Theaterwissenschaftliches Institut“ umbenennen solle, da der Begriff Theatergeschichte zu spezifisch sei und nicht alle Aspekte des Theaters abdecke. Das Dekanat genehmigte die Umbenennung. Doch Catholy schlug daraufhin das Angebot zugunsten eines Rufs an die Freien Universität Berlin aus. Danach schlugen auch Badenhausen und Nagler das Angebot aus. Schließlich hat die Fachkommission im Jahre 1966 dem Ministerium einen zweiten Vorschlag für die Besetzung des Lehrstuhls vorgelegt: Lazarowicz war an dritter Stelle, direkt nach den Theaterpraktikern Günter Skopnik und Gerhard F. Hering.
Die Entwicklung vom Nischen- zum Massenfach
Trotz der schwierigen Personalsituation und des Studierendenzuwachses ab dem Wintersemester 1964/65 trieb Lazarowicz den Ausbau des Instituts erheblich voran. Aus der Literaturgeschichte kommend, beschäftigte er sich mit dem Theater des Barocks, der Romantik, dem Naturalismus sowie der Dramaturgie von Klassikerinszenierungen und der Zeit des Sturm und Drang. Unter ihm entstanden Doktorarbeiten zu Themen wie dem Bauhaus-Theater oder der Geschichte des Gärtnerplatztheaters. Er selbst forschte seit den 1970er Jahren zunehmend im Bereich der Publikumsforschung. Lazarowicz blieb von 1964 bis zu seiner Emeritierung 1985 der einzige Professor und Prüfungsberechtigte des Instituts.
1970 zieht das Institut in die Ludwigstraße 25 und bekommt nun bessere Bedingungen für Forschung und Lehre: mehrere Büros, eine Bibliothek mit 16.000 Bänden, ein Fotolabor und eine eigene Studiobühne. Im Jahr 1974 wird das Institut für Theatergeschichte endlich in „Institut für Theaterwissenschaft“ umbenannt und gehört von nun an zu den Geschichts- und Kunstwissenschaften (Fachbereich 9).
Lazarowicz, Klaus. Triadische Kollusion. 1977. In: Gespielte Welt. Eine Einführung in die Theaterwissenschaft anhand ausgewählter Beispiele, 1997. Frankfurt a.M.
Lazarowicz, Klaus. Szenische Agitation. 1987. In: Gespielte Welt. Eine Einführung in die Theaterwissenschaft anhand ausgewählter Beispiele, 1997. Frankfurt a.M.
Abendzeitung. Nr. 281, 24. November 1967, von kth: „Tränen aus dem Kopf“ (Reaktionen auf Antrittsvorlesung von Lazarowicz). In: Akte E-II-5183: Dr. Lazarowicz. Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.
Antrag bei der Philosophischen Fakultät. Bewerbung um Assistentenstelle beim Seminar für deutsche Philologie, 28. April 1955. In: Akte E-II-5183: Dr. Lazarowicz. Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.
Aus dem Lebenslauf von Lazarowicz. In: Akte E-II-5183: Dr. Lazarowicz. Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.
Einladungsschreiben. Vom Rektorat der Universität München zur Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Klaus Lazarowicz, 6. November 1967. In: Akte E-II-5183: Dr. Klaus Lazarowicz. Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.
Fakultätssitzungsprotokoll. Verlängerung der Vertretung des Lehrstuhls für Theatergeschichte durch K. Lazarowicz im SoSe 1965 (auf Antrag von Prof. Hermann Kunisch), 29. Januar 1965. In: Akte O-XV-20: Professur für Theaterwissenschaft (neu): Berufung von Klaus Lazarowicz. Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.
Genehmigung der Umbenennung des Instituts für Theatergeschichte in „Theaterwissenschaftliches Institut“ durch die Fakultät am 24. Januar 1964 und Weiterleitung an das Ministerium (Ruf an Prof. Dr. E. Catholy). Akte O-XV-20. Professur für Theaterwissenschaft (neu): Berufung von Klaus Lazarowicz. Theaterwissenschaft 2. Teil (Prof. Dr. Lazarowicz). Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.
Kürschners (Deutscher Gelehrten-Kreis). Vita-Kopie. 1983. Institutsgeschichte (Kopie aus Infos itw WS 77). In: Akte FakGuK-IX-88: Institut für Theaterwissenschaft (Prof. Dr. Hans-Peter Bayerdörfer). Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.
Mölter, Veit. Interview in Abendzeitung mit Lazarowicz, 19./20. November 1966 (Nr. 584): „Mit der Kamera ins Parkett.“ In: Akte Sen-I-541: Kutscher Nachfolge: Berufung von K. Lazarowicz. Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.
Münchner Merkur. Nr. 236, 4. Oktober 1961. Ingrid Seidenfaden: „Endlich ein Professor auf dem Kutscher-Sitz.“ In: Akte Sen-I-541: Kutscher Nachfolge: Berufung von K. Lazarowicz. Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.
Schreiben und Petition für Dr. Lazarowicz. An Dekan Dr. Fritz Wölcken von Studenten der Theatergeschichte, 29. November 1965. In: Akte O-XV-20: Theaterwissenschaft ab 1964. Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.
Schreiben von Kunisch an Dekan Müller. Bitte zur Verlängerung der Beauftragung der Institutsleitung durch Lazarowicz, 1964. In: Akte O-XV-20: Professur für Theaterwissenschaft (neu): Berufung von Klaus Lazarowicz. Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.
Schreiben vom Regierungsrat an Lazarowicz. Ernennung zum ordentlichen Professor, 14. Dezember 1966. In: Akte E-II-5183: Dr. Lazarowicz. Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.
Schreiben vom Dekan. Anlässlich des 75. Geburtstags von Lazarowicz, 22. Januar 1995. In: Akte FakGuK-IX-88: Institut für Theaterwissenschaft (Prof. Dr. Hans-Peter Bayerdörfer). Universitätsarchiv München.
Süddeutsche Zeitung. Nr. 14 (Seite 7), Starnberger Neueste Nachrichten, 19. Januar 2000: „Ein Verfechter des einfachen Stils: Der Theaterwissenschaftler Klaus L. feiert heute seinen 80. Geburtstag.“ In: Akte E-II-5183. Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.
Vorlage Berufungsliste. Zur Besetzung des Extraordinariats für Theaterwissenschaft an das Ministerium für Unterricht und Kultus über den Herrn Rektor der Universität München, 1966. In: Akte Sen-I-541: Kutscher Nachfolge: Berufung von K. Lazarowicz. Nachlass Lazarowicz (NL-086). Universitätsarchiv München.