Station 05 Von der Theater- zur Filmszene der 1960er

Türkenstraße 91, 80799 München (Astor-Kino)

von Maria Haupt

Hier erfahren Sie Einzelheiten über die brodelnde Filmszene der 1960er inmitten der Theaterwissenschaft.

05.06.2026

1 Kutscher, Brecht und der Film

Noch vor der Revolution des Films in den 68ern bot sich den Theaterwissenschaftler:innen in München die einmalige Gelegenheit, bereits in universitärem Kontext Film zu studieren. Was heute gang und gäbe scheint – greifen alle Wissenschaften doch theoretisch und praktisch ineinander – war damals ein absolutes Novum. Zu einer Zeit, in der sich die noch neue Theaterwissenschaft unbedingt von anderen Wissenschaften abgrenzen wollte, war es unter Artur Kutscher möglich, Film zu studieren. Mehr geduldet als gewollt, denn schließlich wollte sich die Theaterwissenschaft als unabhängiges Fach etablieren. Und sicher, wenn man den Versuch aus heutiger Sicht betrachtet, kann man feststellen, dass auch damals der Film nicht integriert oder die wirkliche Fusion zu Theater untersucht wurde. (1) Aber allein der Gedanke, dass Künste untereinander eine wechselseitige Beziehung zueinander tätigen, war revolutionär. Auch wenn Kutscher in seiner Lehre versucht, das Theater als eine Mutterkunst über die noch recht neue Filmkunst zu stellen, sind er und seine Studierenden dem Film neugierig zugeneigt. Schließlich geht vor allem für Kutscher, der den Anfang des Films und die damit einhergehende Sensation der technischen Möglichkeiten leibhaftig mitbekommen hat, von diesem neuen Medium eine magische Anziehung aus. Kutscher erinnert sich:

„Ich erinnere mich noch genau der frühen großen Filmvorführungen auf der Pariser Weltausstellung von 1900. In einer offenen Halle [...] hing über der Mitte eine mächtige Leinwand, auf welcher augenschmerzend Licht flimmert. Staunend erkannte man nach und nach zusammenhängende Bilder. Das Publikum stand Kopf an Kopf halbe Stunden lang und bewunderte: die neue Erscheinung: bewegte Photos! Photos, die dem Leben so nahe kamen, daß man lachen mußte wie ein Kind und am liebsten mit der Hand hineingefaßt hätte.” (2)

Nicht umsonst strömen – nachdem der Film nach anfänglichen Schwierigkeit seine eine Kunstform zu finden scheint und nicht mehr nur technische Sensation ist – Hunderttausende in die Kinos und schnell wird der Film zur zugänglichsten und damit einflussreichsten Kunstform seiner Zeit. (3) Dass damit eine große Verantwortung einhergeht, ist vielen Kunstschaffenden schnell bewusst. Der Film kann beeinflussen, nicht nur das Publikum, aber auch die anderen Kunstformen. In der Praxis funktioniert diese Einflussnahme nämlich bereits hervorragend. (4) So kommt es, dass sich immer mehr Theaterschaffende mit zurückhaltender Neugierde dem neuen Medium widmen. Natürlich wird der Fokus bei ihnen weiterhin auf dem Theater und seinen Eigenheiten liegen, aber dem Sog der filmischen Bewegtheit kann man sich nicht entziehen. Unter ihnen auch Bertolt Brecht. Er hatte sich zuvor durch sein politisches Drama und seinen besonderen Schauspielansatz einen Namen gemacht und versucht nun, seine Theatertechniken auf den Film zu übertragen. Sein Film Kuhle Wampe, der sich auf die Arbeiterschicht und den Arbeitsmarkt fokussiert und so die politischen Ungleichheiten hervorhebt, trifft den Kern der Zeit und läuft in sämtlichen Kinos Münchens. (5) Brecht war seinerseits Schüler von Kutscher. So schließt sich der Kreis. Im wahrsten Sinne, denn den „Kutscher-Kreis“ gab es wirklich, aber das ist eine andere Geschichte.

2 Im Herzen Schwabings: Die Filmkunst blüht im Hinterhof

Das Studio für Filmkunst in der Occamstraße beherbergt heute das Lustspielhaus. Wo man sich nun mit Kabarett, Schauspiel und Musik vergnügen kann, war einst die Herberge von hochkarätigem Kino. Man munkelt sogar, dass das Studio, wie es liebevoll genannt wurde, lange das einzige Filmkunstkino in Deutschland überhaupt war. (6) Ob das nun der Wahrheit entspricht oder nicht, ist Nebensache. Denn das Studio führt zumindest in München eine ganz andere Art des Filme-Sehens ein: ein Repertoirespielplan, wie man ihn vom Theater kennt, Filmwochen zu politischen Themen und Originalfassungen mit Untertitel. Der Betreiber Fritz Falter weiß, was er tut, schließlich laufen unter seiner Feder auch das Isabella-Filmkunstkino und der Türkendolch. Ziel des Studios ist es, mit bösen Filmen Unruhe zu stiften, das Programm besteht aus thematisch anspruchsvolle Filmen. Eine DDR-Themenwoche, (7) der italienische Politikfilm La Mosca Cieca, der die herkömmliche Filmgrammatik zerstört oder eine Filmdokumentation über Brechts Mutter Courage und ihre Kinder – das Studio bleibt am Zeitgeist und wird so Treffpunkt der Jugend. Der Münchner Komma-Klub, der liberale Studentenverbund und die Humanistische Union sind Stammgastierende. Neben einer flimmernden Leinwand kann das Studio noch mehr: Lesebühnen, politisches Kabarett oder öffentliche Streitgespräche, sodass das Kino schnell im flirrenden Schwabing zum Sammelpunkt der Diskussion wird. Im Film und in der Diskussion wird das Funktionieren der Demokratie und Gemeinschaft überprüft.

„Wir verlassen uns bei diesem in kommerzieller Hinsicht gewiss gewagten Experiment auf die Freunde des künstlerischen Films, von denen wir glauben, dass sie gerade in Schwabing besonders zahlreich anzutreffen sind. Sie sitzen bei uns zwar nicht in Polstersesseln, und die Brauerei-Architektur unseres Kinos lässt sich auch nicht verleugnen. Wir glauben aber, daß das Wesentliche in einem Kino die Filme sind. Ob alle Produktionen, die Sie bei uns sehen, künstlerisch wertvoll sind, überlassen wir Ihrem Urteil. Auf alle Fälle aber stehen sie formal oder inhaltlich über dem Durchschnitt der Konfektion, das können wir Ihnen versprechen. Bei der Eröffnung des Studios mit Duviviers in München noch nie gespielter ‚La belle Equipe‘ […] waren alle Filmkritiker Münchens mit Gunter Groll (8) an der Spitze und der Leiter der `Tönenden Leinwand´, Friedrich Sauer, anwesend. Jeder wusste in einer anschließenden Besprechung noch Ergänzungen zu dem Spielplan zu machen. Die wichtigste Anregung, die dabei gegeben wurde, war die, den Spielplan wie beim Sprechtheater zu gestalten, d. h. ein Repertoire-Theater zu machen, in dem wertvolle Filme wieder kurzfristig erscheinen. Wir geben dem Münchner `Studio für Filmkunst´ hier deshalb so viel Raum, weil wir glauben, dieser Versuch ist es wert, auch in anderen Großstädten nachgeahmt zu werden. Nur auf diesem Wege ist es möglich, das anspruchsvolle Publikum wieder zu regelmäßigen Kinobesuchern zu machen.“ (9)

Doch was in den 68ern noch in seiner vollen Blüte stand, sollte nur wenige Jahre später abrupt ein Ende finden: 1970 löst die Brauerei den Mietvertrag für das Studio auf und will die Räumlichkeiten in einen Gastronomiebetrieb umbauen. Doch das Erbe des Studios bleibt, der Kunstfilm etabliert sich in München und letztendlich ist auch die scharfzüngige Kunst im Studio geblieben, nun eben in Musik und Kabarett.

  1. Vgl. Christopher Balme. Einführung in die Theaterwissenschaft. 2. Aufl. Berlin: Erich Schmidt, 2001, 147.
  2. Artur Kutscher. Grundriss der Theaterwissenschaft. 2. Aufl. München: Kurt Desch, 1949, 352.
  3. Vgl. ebd., 357.
  4. Vgl. Balme, Einführung in die Theaterwissenschaft, 147.
  5. Vgl. W. R.. „Brecht und der Film“, Süddeutsche Zeitung, 21. April 1969.
  6. Vgl. Helmut Färber. „Der Untertan“. Süddeutsche Zeitung, 14./15. Mai 1966.
  7. Vgl. „DDR-Woche in München“. Süddeutsche Zeitung, 22. Oktober 1969.
  8. Derselbe Groll, der eng mit Kutscher in Kontakt stand.
  9. Vgl. Alle Kinos. „Studio für Filmkunst“, zuletzt aufgerufen am 19. Februar 2026, http://www.allekinos.com/MUENCHEN%20StudiofuerFilmkunst.htm.

Balme, Christopher. Einführung in die Theaterwissenschaft. 2. Aufl. Berlin: Erich Schmidt, 2001.

Färber, Helmut. „Der Untertan“. Süddeutsche Zeitung, 14./15.Mai 1966.

Armin Jäger. „Im Dienst der Bewegung“, Süddeutsche Zeitung, zuletzt aufgerufen am 19. Januar 2026, https://www.sueddeutsche.de/kultur/kamerahersteller-arri-nationalsozialismus-dokumente-1.6051073?reduced=true.

Kutscher, Artur. Grundriss der Theaterwissenschaft. 2. Aufl. München: Kurt Desch, 1949.

Kürten, Jochen. „ Die `68er und das Kino“, Deutsche Welle, zuletzt aufgerufen am 19. Januar 2026, https://www.dw.com/de/filmwende-das-jahr-1968-und-das-kino/a-43378942.

—„DVD-Tipp: Neuer Deutscher Film“, Deutsche Welle, zuletzt aufgerufen am 19. Januar 2026, https://www.dw.com/de/dvd-tipp-die-oberhausener/a-16064639.

Limmer, Wolfgang. „Filmtips“, Süddeutsche Zeitung, 22. September 1972.

Pfau, Christiane. „Das Münchner Studententheater MÜST“. Magisterarbeit, LMU, 1994.

R., W. „Brecht und der Film“, Süddeutsche Zeitung, 21. April 1969.

Wellinski, Patrick. „Das andere Kino 1968“, Deutschlandfunk Kultur, zuletzt aufgerufen am 19. Januar 2026, https://www.deutschlandfunkkultur.de/das-andere-kino-1968-man-wollte-anders-sein-und-hat-grenzen-100.html.

Alle Kinos. „Studio für Filmkunst“, zuletzt aufgerufen am 19. Februar 2026, http://www.allekinos.com/MUENCHEN%20StudiofuerFilmkunst.htm.

„Rubrik Kulturkalender“. Süddeutsche Zeitung, 14. November 1967.

„Rubrik Münchner Kalender“. Süddeutsche Zeitung, 28.Mai 1968.

„Besonders wertvoll in München beschlagnahmt“. Süddeutsche Zeitung, 16. August 1968.

„Rubrik Kulturkalender“. Süddeutsche Zeitung, 6. November 1968.

„Wetter auf dem Weg der Besserung“. Süddeutsche Zeitung, 01. September 1969.

„DDR-Woche in München“. Süddeutsche Zeitung, 22. Oktober 1969.

Personen- und Vorlesungsverzeichnis für das Wintersemester 1970/71, LMU.