Station 09 Das Mittagstheater 1966-70: Die Studiobühne als Ort für Experimente, Politik und Unterhaltung
Ludwigstraße 28, 80539 München
Ludwigstraße 28, 80539 München
von Sophie Hohner und Daniel Mühlhauser
Hier erfahren Sie, wie die Studiobühne als weiteres Pausen-Vergnügen für die Studierendenschaft diente.
05.06.2026
Weitere Informationen zu Mittagstheater
Aus dem untersuchten Material ließ sich herauslesen, dass die Universitäts Verwaltung der Studiobühne das Ausschenken und den Verkauf von Essen und Getränken ab einem bestimmten Punkt untersagte. Die Mitarbeiter der Studiobühne waren nicht berechtigt, Essen und Getränke auszugeben. Zwar wurde das Mittagstheater durch diesen Stolperstein nicht in den Ruhestand getrieben, dennoch büßte es eine Vielzahl des Publikums ein. Es ist nicht ersichtlich, bei wie vielen Aufführungen Essen erworben werden konnte, beziehungsweise ab wann das Verbot in Kraft trat.
Im Jahr 1970 wurde in den Münchner Zeitungen das letzte Mal über Mittagstheater an der Studiobühne geschrieben. Die letzte Inszenierung war Der Hofmeister von Jakob Michael Reinhold Lenz. Die Form starb allerdings nicht aus und wurde am 12.07.1988 durch Mittagstheater: Klassisches Mittagsmenue nach Euripides, Shakespeare, Moliere, Lessing, Schiller und Kleist und Das Los des Anstreichers von J. Bälz durch das Münchner Studentenensemble einmalig wiederbelebt.
Prüfungsspiele: Gesellschaftskritik im Mittagstheater
Im Januar 1968 zeigte die Studiobühne die Inszenierung Prüfungsspiele unter der Leitung von Rainer Beck. Kritiker Arnd Rühle nannte, im Münchner Merkur, die 45-minütige Aufführung ein „staatswissenschaftliches Kellerstück“ mit soziologischem, philosophischem und politischem Inhalt. Die abstrakten, nahtlos miteinander verwobenen Szenen ließen die Figuren Krott, Parr, Dab und Doc über zentrale gesellschaftliche Fragen diskutieren: Herrschaft und Knechtschaft, Macht und Ohnmacht, Prüfer und Prüfling. Der Fokus lag weniger auf der Handlung als auf der Idee des Spiels als Zwang. Es ergab sich eine Reflexion über Prüfungs- und Machtstrukturen. Insgesamt wurden fünf Vorstellungen gezeigt, die letzte am 25. Januar 1968.
Die Demokratische Aktion 1968
Bereits kurz im Audiowalk angesprochen fällt die Premiere von Die Versteigerung am 22. Januar 1968 in den Entstehungszeitraum der Demokratischen Aktion. Die Demokratische Aktion wurde in diesem Jahr unter der Leitung des Schriftstellers Frank Arnau gegründet. Die überparteiliche Initiative erhielt Unterstützung von prominenten Persönlichkeiten aus SPD, FDP, Gewerkschaften und der studentischen Linken. Sie versuchten eine Gedenkveranstaltung – um die Machtergreifung der Nationalsozialisten kritisch zu reflektieren – am 31. Januar 1968 im Deutschen Museum zu erschließen. Dabei verband die Aktion die Erinnerung an den Faschismus mit der Debatte um die geplanten Notstandsgesetze, die sie als Gefahr für demokratische Rechte betrachtete. Sie riefen zu deren Ablehnung auf.
Helmut Brasch: Mitternachtstheater
Ein namentliches Gegenstück und konzeptuelles Pendant zum Mittagstheater bildete Ende der 1960er Jahre das Mitternachtstheater. Die Entstehung lässt sich auf Schauspieler Helmut Brasch zurückführen. Spielort war die Neue Schwabinger Bierhalle an der Ecke Herzog- und Apianstraße. Gespielt wurde Freitags und Samstags ab 23 Uhr. Das Programm war vielseitig: Bänkellieder von Julius Schittenhelm und Jörg Pfennig, Klavierlieder, amerikanische Folklore-Balladen von Doris Schittenhelm sowie Braschs eigene Moritaten und
Harmonika-Einlagen. Viele Beiträge waren ausgelegt auf Publikums Provokation oder inszenierten spielerische „Weltvernichtungsgelüste”6. Zum Repertoire gehörten auch Produktionen der Studiobühne, darunter die Klassikerparodie Der Mann, der Hamlet war.
Weitere Aufführungen des Mitternachtstheaters reichten von avantgardistischen Experimenten wie Die Spaziergänge des Buster Keaton über das politische Revue Das Lied der sechziger Jahre bis hin zur popkulturellen Dokumentation Aufstieg und Fall des Donald Duck.
„Aktion Januar 1968.” Süddeutsche Zeitung, 09. Januar 1968, 13.
Bleisch, Ernst Günther. „Die Frage um Görings Maybach.” Münchner Merkur, 25. Januar 1968.
„Das Märchen von der Aufgeschlossenheit der jungen Leute. Eine Münchner Umfrage bei Theatern, AStA, Komma-Klub und Junger Akademie.” Münchner Merkur, 28. Juni 1966.
„Das Mittagstheater in der Münchner Universität bietet: Von Kästner bis Jewtuschenko.” Abendzeitung, 15. Dezember 1967.
Hemler, Stefan. Protest-Inszenierungen. Die 68er-Bewegung und das Theater in München, in: Körner Hans-Michael und Jürgen Schläder (Hgg.): Münchner Theatergeschichtliches Symposium 2000 (= Studien zur Münchner Theatergeschichte 1), München 2000, S. 276-318.
„Heute Premiere in der Münchner Studiobühne: Kein Konkurrenztheater.” Abendzeitung, 20. Mai 1969.
„In Helmut Braschs Mitternachtstheater in Schwabing: Kleine Weltvernichtungsgelüste.” Abendzeitung 24. Juni 1967.
„In Münchner Privattheatern.” Süddeutsche Zeitung, 12. Juli 1988, 29.
„Kein Mitleid mit fadem Theater.” Abendzeitung, 25. Mai 1966.
„Kultur Kalender.” Süddeutsche Zeitung, 02. Juni 1984, 20.
„Kultur Kalender.” Süddeutsche Zeitung, 09. Juni 1984, 4.
Lesch, Helmut. „Die Versteigerung in der Studiobühne der Uni: Theater statt Mensa-Eintopf.” Abendzeitung, 26. Januar 1968.
Meschede, Eva. „Zwischen zwei Vorlesungen einen Happen Kultur.” Süddeutsche Zeitung, 13. Mai 1988, 15.
„Mittagstheater der Studiobühne: Muntere Montage.” Abendzeitung, 26. Feb. 1968.
„Münchner Kulturberichte.” Süddeutsche Zeitung, 27. Nov. 1969, 11.
„Obsaldia Premiere im Mittagstheater der Studiobühne: Hacken Sie mir meinen Elfenbeinhals ab!.” Münchner Merkur, 22. Mai 1969.
Pfau, Christiane. „Das Münchner Studententheater MÜST”. MA. - Schr., Ludwig-Maximilians-Universität München, 1994.
„Premiere im Treppenhaus.” Abendzeitung, 23. April 1954.
Reichel, Verena. „Spiel im Stand.” Abendzeitung, 04. Juli 1969.
Rühle, Arnd. „Prüfungsspiele im Keller.” Münchner Merkur, 17. Januar 1968.
„Schwabing ohne Krampf. “Mitternachtstheater”.” Abendzeitung, 26. April 1967.
„Schauspielerin bricht Vorstellung ab.” Frankenpost, 10. Nov. 1959.
Skasa, Michael. „Reinhard mit einfachem d.” Süddeutsche Zeitung, 18. April 1988, 32.
Stankiewitz, Karl. „Hamlet als Happening: Im Theatertreibhaus München blühen seltsame Bühnen auf.” Augsburger Allgemeine, 10. März 1967.
„Theater.” Süddeutsche Zeitung, 10. Feb. 1970, 15.
„Theater.” Süddeutsche Zeitung, 12. Feb. 1970, 24.
„Theater und Brotzeit Pläne der Münchner Studentenbühne.” Süddeutsche Zeitung, 30. November 1966, 11.
Thieringer, Thomas. „Gute Teamarbeit - „Klare Sicht” von Phil Young in München.” Süddeutsche Zeitung, 21. Juli 1988, 12.
U. J. „Hamlet als Schnellimbiß." Süddeutsche Zeitung, 02. Dez. 1966, 25.
U. J. „Wackere Nachhut - Die Münchner Studiobühne spielt Beckett und Ziem.” Süddeutsche Zeitung, 04. Juli 1969, 11.
„Was sie heute wissen müssen.” Süddeutsche Zeitung, 30. Nov. 1966, 16.
„Was sie heute wissen müssen - Kulturkalender.” Süddeutsche Zeitung, 13. Dez. 1967, 14.
„Was sie heute wissen müssen - Kulturkalender.” Süddeutsche Zeitung, 03. Feb. 1970, 10.