Station 10 Der Panizza-Skandal 1965: Generationenkonflikt und kultureller Aufbruch im Vorfeld von 1968
Ludwigstraße 28, 80539 München
Ludwigstraße 28, 80539 München
von Chenhui Yin
Hier erfahren Sie vom Panizza-Skandal 1965, als die Universität eine Theateraufführung zensierte und damit ungewollt den Weg zur Studentenrevolte von 1968 ebnete.
05.06.2026
Danksagung und Quellen
Die in diesem Audiowalk verwendeten Zeitzeugen-Zitate stammen aus Interviews, die Christiane Pfau 1994 für ihre Magisterarbeit über das Münchner Studententheater MÜST erhoben hat. Besonders die Gespräche mit Gert Heidenreich und Michael Skasa geben Einblicke in die damalige Stimmung und die beginnende Politisierung. Ohne diese Archivarbeit wären viele Details des Panizza-Skandals heute nicht mehr rekonstruierbar. Dafür gebührt Christiane Pfau großer Dank.
Die historische Einordnung des Skandals verdanke ich Stefan Hemlers detaillierter Analyse in seinem Artikel Protest-Inszenierungen, der den Zusammenhang zwischen dem Vorfall von 1965 und der späteren 68er Bewegung herausarbeitet.
Zum Weiterlesen
Ein vergessener Autor, ein verbotenes Stück
Oskar Panizza war ein bayerischer Psychiater, Schriftsteller und Satiriker, der – nicht zuletzt aufgrund seiner als antisemitisch gedeuteten Satire Der operierte Jud‘ – hochumstritten war. Auch sein 1894 geschriebenes Drama Das Liebeskonzil, eine blasphemische Satire über Papst Alexander VI. und die Entstehung der Syphilis als göttliche Strafe, erregte Aufsehen und brachte ihm 1895 eine Verurteilung zu einem Jahr Zuchthaus wegen Gotteslästerung ein. Das Stück blieb über siebzig Jahre verboten. (Grasberger 2025)
Der Skandal im Keller der Studiobühne
Im Dezember 1965 plante die Studiobühne der LMU München; damals im Keller der Ludwigstraße 28 ansässig; die szenische Lesung dieses verbotenen Texts. Was als kulturelles Experiment begann, entwickelte sich rasch zu einem politischen Konflikt. Die CSU und konservative Kräfte an der Universität intervenierten: Kurt Faltlhauser, damals AStA-Vorsitzender und späterer bayerischer Finanzminister, ließ den Kartenvorverkauf einstellen und alle Plakate entfernen. Die Universität schloss schließlich die Studiobühne, versiegelte sogar kurzzeitig die Türen. Die Süddeutsche Zeitung titelte „Streit um das Liebeskonzil“ und berichtete davon, dass Werbung und Kartenverkauf auf dem Gebiet der Universität untersagt worden seien. Die Studierenden gaben jedoch nicht auf. Sie verlegten die Aufführung nach außerhalb der universitären Kontrolle; ins Rationaltheater, ins Occam-Studio, in die TH-Mensa. Der Protest hatte den Keller verlassen.
Von unpolitisch zu politisch: Der Wendepunkt
Was diesen Vorfall so bedeutsam macht, ist weniger das Stück selbst als vielmehr seine Wirkung auf die Beteiligten. Stefan Hemler beschreibt in seiner Analyse der Münchner 68er-Bewegung den Panizza-Skandal als Schlüsselerlebnis, das eine „erkennbare Annäherung der Bühne an die Protestbewegung bewirkte“(Hemler 2000: 294). Die Linksopposition im Studentenparlament solidarisierte sich mit der Studiobühne und griff den konservativen AStA an. Nur wenige Monate später, im Mai 1966, stürzte die alte Koalition, und ein liberal-linksorientierter AStA kam ins Amt, dem auch ein Studiobühnen-Mitglied angehörte (Hemler 2000: 294).
Die Brückenfunktion der Studiobühne
Die Studiobühne war mehr als nur ein Theater. Solche personellen Verknüpfungen bestätigen Hübners Konzept der „Brückenfunktion“ des Studententheaters auch für die Münchner Studiobühne. Die Entstehung der Studiobühne war somit kein Zufall: Obwohl sich das Studententheater seltener explizit politisch exponierte als das Straßentheater, schuf es bereits im Vorfeld der 68er-Bewegung Netzwerke, die später im professionellen Theater nachwirkten. (Hemler 2000: 295). Viele der Beteiligten (Maria Reinhard, Gert Heidenreich, Rolf Parchwitz) gründeten später das Theater in der Kreide (TiK) und prägten die Münchner Theaterszene der 1970er Jahre. Was 1965 im Keller begann, wirkte lange nach.
Autor unbekannt: Streit um das Liebeskonzil. In: Süddeutsche Zeitung, 16. Dez 1965, S. 12.
Autor unbekannt: Kleines Notizbuch. In: Süddeutsche Zeitung, 9. Dez 1965, S. 14.
Bei der Kellen, Ralf. “Oskar Panizza: Das Liebeskonzil. Dichter von Gottes Gnaden.” Deutschlandfunk Kultur, 07. 02. 2016. https://www.deutschlandfunkkultur.de/oskar-panizza-das-liebeskonzil-dichter-von-gottes-gnaden-100.html.
Bayern 2, Hörspiel: „Der Fall Liebeskonzil: Kritiken der Zeit“,
Reihe: Zum 100. Todestag. Das Liebeskonzil: antikatholische Satire von Oskar Panizza. Von: Christine Grimm. Erscheinungsdatum: 04.07.2014
https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:publication:01f152ea68346ed7/
Grasberger, Thomas: „Oskar Panizza – der wahnsinnig geniale Dichter“. In: Bayerisches Feuilleton. Bayern 2, 10.12.2025. Zugegriffen am 10. Februar 2026. https://www.br.de/mediathek/podcast/bayerisches-feuilleton/oskar-panizza-der-wahnsinnig-geniale-dichter/1837798
Hemler, Stefan: Protest-Inszenierungen. Die 68er-Bewegung und das Theater in München. In: Körner, Hans-Michael/Schläder, Jürgen (Hg.): Münchner Theatergeschichtliches Symposium 2000 (= Studien zur Münchner Theatergeschichte, Bd. 1). München: Herbert Utz 2000, S. 276-318.
Panizza, Oskar: Das Liebeskonzil. Eine Himmelstragödie in fünf Aufzügesn. Projekt Gutenberg-DE, https://www.projekt-gutenberg.org/panizza/liebkonz/liebkov1.html. (Abrufdatum: 07.01.2026).
Pfau, Christiane: Das Münchner Studententheater MÜST. MA. – Schr., Ludwig-Maximilians-Universität München, 1994.
Poppek, Yvonne. „Was vom Skandal übrig blieb.“ Süddeutsche Zeitung, 01.01.2020. (Abrufdatum: 07.01.2026).
https://www.sueddeutsche.de/kultur/literaturkritik-was-vom-skandal-uebrig-blieb-1.4741374.