Station 13 Protest in Polizeifilmen

Amalienstraße 83, 80799 München (Hintereingang des Hauptgebäudes der LMU)

von Lee Redepenning

In diesem Beitrag geht es um die Darstellung Protestierender in Filmen, die Polizeibeamte zwischen 1967 und 1969 zur Beweissicherung auf Demonstrationen aufgenommen haben, und um die archivalische Überlieferung dieser Filme.

05.06.2026

Erweitertes Transkript zur Hörstation: Protest in Polizeifilmen

Jetzt stehen wir zwischen zwei freistehenden Säulen auf der Amalienstraße. Genau hier versammelten sich im Juni 1967 Demonstrierende zum Gedenkmarsch für den von der Berliner Polizei erschossenen Benno Ohnesorg. (1)

Sieh Dich um. Stell Dir vor, Du bist umgeben von dieser Menschenmenge. Viele Trauer-schwarz gekleidet, sie warten, bald geht es los. Hier und da kannst Du Schilder erkennen: “BENNO OHNESORG POLITISCHER MORD”, “DEN WEG ZUM NOTSTAND FREISCHIESSEN?”; “VORSICHT: ZIVILE KRIPO SCHLÄGT NICHT SIE SCHIESST”. (2) Du siehst Menschen reden, erwartest die Stimmen hunderter Personen um dich herum; aber tatsächlich hören kannst Du in diesem Moment … [2 Sek. white noise] nichts.

Geschichtsschreibung. Schon der Begriff zeigt, wie stark unsere Vorstellung von Vergangenheit mit Schrift verbunden ist. In Geschichtsbüchern, in Zeitzeug:innenberichten, in den meisten Archivdokumenten, in erklärenden Kommentaren von Dokumentarfilmen, selbst in diesem Beitrag wird Geschichte schrift-sprachlich fixiert. Wie aber gehen wir mit textarmen oder textlosen Zeugnissen um? Wie schreiben wir Geschichte ohne schriftliche Grundlage? Wie kommen wir an diese Zeugnisse?

Die Suche nach Bildern von Protestierenden im Archiv führt auch zur Polizei. Die institutionelle Ordnung des Archivs folgt dort nicht den Perspektiven der Demonstrierenden, sondern dem Blick des staatlichen Organs, der Polizei, auf sie.

Archive sind keine natürlich gewachsenen Orte. Ihre Bestände sind keine neutralen Überbleibsel, sondern eingerichtete Sammlungen. Es sind Orte und Institutionen, die nach den Vorgaben einer Autorität bestimmte Dokumente und Dinge bewahren und ordnen. Indem sie Teile einer Vergangenheit in bestimmten Formaten aufbewahren, beeinflussen Archive, was in Zukunft über Vergangenheit gedacht und gewusst werden kann. (3)

So zum Beispiel bei der Filmsammlung der Polizeidirektion München. In den 1960er Jahren beginnt die Polizei Beamte mit Filmkameras zur Beweissicherung auf Demonstrationen zu schicken. Die Polizisten (4) dokumentieren mit 16mm Arriflex-Handkameras. Entsprechend der technischen Möglichkeiten der Zeit werden Ton und Bild getrennt aufgezeichnet. Die Tonbänder gibt es nicht mehr. (5) Die Filmrollen sind erhalten, sie liegen im Bayerischen Staatsarchiv München. Aus den Jahren 1967 bis 1969 gibt es mindestens neun dieser Filmrollen, jede maximal 25 Minuten lang, neuerdings auf DVDs kopiert. (6) Heute blickt man auf also einen Laptop-Bildschirm, sieht die Filme – schwarz-weiß und in mittlerer Auflösung – begleitet von Stille und dem leichten Surren des DVD-Spielers.

Die Filmaufnahmen zeigen Menschen beim Protestieren. Bei ganz unterschiedlichen Formen von Protest: bei Tag oder Nacht, friedlich oder chaotisch, auf Plätzen, bei Märschen oder Besetzungen. An Schildern und Bannern lässt sich erkennen, dass es sich immer um linke Proteste handelt.

„Gammler gegen NPD“ (7), „Springer ist der Mörder! Heute Dutschke morgen wir“ (8), „Schenkt eure Arbeitskraft nicht einem Staat der Sklaven schafft – Streikt! Streikt!“ (9). Zwei Leute sprechen in ein Megafon (10), eine Gruppe versammelt sich zum Ostermarsch am Karolinenplatz (11), eine junge Frau schwingt eine Flagge des Vietcong. (12)

Die Aufnahmen dokumentieren tatsächliche Handlungen von echten Menschen. Dennoch sind es keine unvoreingenommenen Bilder. Auf den ersten Blick mag das Filmbild den Anschein einer objektiven Wiedergabe vergangener Handlungen suggerieren. Schließlich ist das maschinelle Auge der Kamera weniger anfällig für Erinnerungsverschleiß oder Selbstinszenierung einer erzählenden Person. Doch tatsächlich ist an diesen Aufnahmen nichts neutral. Sie sind Auftragswerk der Polizei. Sie sind zweckmäßig und zielgerichtet. Ihre Funktion als Beweissicherung geht direkt aus dem Material hervor und lässt sich auch ohne schriftliche Grundlage klar erkennen.

Viele der Polizeifilme folgen einem ähnlichen Schema. Zuerst schwenken kurze shots über die Menge der Protestierenden und verschaffen einen Eindruck über die Größe der Veranstaltung. Danach fixiert der „Kamerapolizist“ konkrete Personen. Er wählt dabei den Bildausschnitt so, dass Gesichter und ganze Körper eindeutig zu identifizieren sind. Auch Schilder und Banner werden lesbar abgefilmt. Die Kamera folgt besonders Protestierenden, die sich aktiv am Geschehen beteiligen: solchen, die Schilder tragen, Flugblätter verteilen, agitieren, Parolen rufen.

Verstärkt wird dieser Eindruck gerade durch Momente, die aus diesem Schema fallen. Wie etwa bei einer Demonstration im Juni 1967 auf dem Königsplatz für Frieden in Israel. (13) Über Minuten filmt der Kamera-polizist die Menschenmenge aus der Entfernung und von hinten. Fast keine Person auf diesen Bildern lässt sich identifizieren. Die Kamera schwenkt wiederholt weg von Gesichtern, es gibt keine Nahaufnahmen. Der Schluss liegt nahe, dass hier der Auftrag ein anderer war als Aufrührer:innen dingfest zu machen.

Bei allen gesichteten Sequenzen schweift die Wahrnehmung der Kamerapolizisten gelegentlich von den Demonstrierenden ab. Sie schwenkt auf die Reaktionen von Unbeteiligten, der Presse oder zu Nahaufnahmen von Gesichtern der Polizeikollegen. Was sollte dieses Material also sonst noch leisten? Für welche Augen war es bestimmt? Wohin wurde es zirkuliert? – Wo die Kamera bestimmte Erkenntnisse ermöglicht, verdeckt sie andere.

Die Filmaufnahmen zeigen, was Geschichtsbücher oft nicht abbilden: Die Vielfalt der Protestierenden. Menschen aller Geschlechter, Altersgruppen und – sofern sich das aus einem Blick von außen erahnen lässt – sozialer Hintergründe. Gerade die große Anzahl an weiblich gelesenen Demonstrantinnen bietet eine Alternative zu verbreiteten Narrativen der 68er Bewegung. (14) Hier sieht man viele Frauen an vorderster Linie organisieren und agitieren: Flugblätter verteilen, Menschenketten bilden, mit Polizisten streiten.

Auffällig ist auch die Alltäglichkeit, mit der die Demonstrierenden auftreten. In normaler Alltagskleidung – anders als die uniformierten Polizisten – stehen die Demonstrierenden herum, lachen, rauchen. Durch ihre Körperhaltungen und Interaktionen erscheint Protest als notwendige aber auch normale Handlung.

Im starken Kontrast: die Gewalt, vor allem die Polizeigewalt. Viele der Aufnahmen zeigen verhältnismäßig friedliche Demonstrationen. Aber eben nicht alle. Für die Gewaltausbrüche von Pro-testierenden, etwa bei den Osterunruhen 1968 sind die Polizeifilme wenig ergiebig, da die Kameras oft von weit hinter der Polizeikette filmen und viele Ausschreitungen gar nicht erfassen. (15)

Ein Abschnitt in Filmsammlung 10 zeigt eine Gruppe von jungen Leuten in einem Kino- oder Theatersaal. (16) Einige sitzen in den Sitzreihen, viele im Gang auf dem Boden, dicht an dicht, die Arme untereinander verschränkt. Gefilmt wird schräg von oben, von einer Bühne herab.

Jemand ruft etwas, ein anderer hält ein Schild mit der Aufschrift „Schlafen Sie gut Herr Johnson?“. Noch kein Zeichen von körperlicher Gewalt. Durch die Seitentür strömen zahlreiche Polizisten. Erst einer, dann zwei zerren immer stärker an einer sitzenden Figur am Rand der Gruppe. Nach einigen Sekunden schwenkt die Kamera nach unten, mehr auf die Sitzgruppe und weg von den zerrenden Polizisten.

Während der gesamten drei Minuten dieses Abschnitts konzentriert sich die Kamera auf die Gruppe der Besetzenden. Die Besetzenden sind alle zu erkennen, die Polizisten bleiben gesichtslos. Später filmt der Kamera-polizist aus den Sitzreihen, filmt die Demonstrierenden nah von der Seite. Körperlose Polizistenarme greifen aus dem Off nach Kleidung, Haaren, Extremitäten. Die Kamera fängt schmerzverzerrte Gesichter der Protestierenden ein, zeigt wie sie aus dem Bild geschleift werden, hält ihre stummen Schreie fest.

Unbeabsichtigt erhöht die Stille die Drastik der Gewalt. Welche Provokationen kamen, bevor die Kamera zu filmen beginnt, lässt sich nicht sagen. Was gesagt oder gerufen wurde auch nicht. Übrig bleiben Aufnahmen von körperlich nicht gewalttätigen Protestierenden im starken Kontrast zu handgreiflichen Polizisten.

In den Polizeifilmen bleiben viele Fragen unbeantwortet: Ort und Zeit der Aufnahme bleiben oft vage. Was die Gefilmten gedacht oder gesagt haben, bleibt verborgen. Was wurde nicht gefilmt? Warum sind alle diese Aufnahmen von links-orientierten Demonstrationen?

Tonlose Filmaufnahmen von Polizisten ersetzen andere Quellen nicht, können sie aber durchaus ergänzen. Sie zeigen, was die Polizei für dokumentierenswert hielt. Sie liefern neue Denkanstöße und andere Bilder der 68er.

  1. „Demonstrationszug von Studenten aufgrund der Ermordung Benno Ohnesorgs am 5.6.1967 durch die Amalienstraße zum Karolinenplatz” Findbuch StAM, Polizeidirektion München Filmsammlung 16mm, 3.
  2. StAM, Polizeidirektion München, Filmsammlung 10, TC: 09:34-13:40.
  3. Vgl. Jaques Derrida, „Dem Archiv verschrieben,” in Archivologie. Theorien des Archivs in Wissenschaft, Medien und Künsten, hg. von Knut Ebeling und Stephan Günzel (Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2009), 32–39.
  4. Frauen im uniformierten Polizeivollzugsdienst erst am 1990, siehe Bayerische Staatsregierung, „Herrmann feiert 30 Jahre Frauen im uniformierten Polizeivollzugsdienst,” 28. Februar 2020, https://www.bayern.de/herrmann-feiert-30-jahre-frauen-im-uniformierten-polizeivollzugsdienst/.
  5. Staatsarchiv München und Gerhard Fürmetz, Protest oder „Störung"?: Studenten und Staatsmacht in München um 1968 ; Eine Ausstellung des Staatsarchivs München ; [28. Oktober 1999 Bis 7. Januar 2000] (München, 1999), 19.
  6. StAM, Polizeidirektion München, Filmsammlung 8-16.
  7. Ebd., Filmsammlung 9, TC: 00:10-03:23.
  8. Ebd., Filmsammlung 12, TC 07:50-08:35.
  9. Ebd., Filmsammlung 14, TC 09:22-09:45.
  10. Ebd., Filmsammlung 10, TC 05:53-09:06.
  11. Ebd., Filmsammlung 11B, 00:10-01:30.
  12. Ebd., Filmsammlung 9, 03:26.
  13. „Kundgebung am Königsplatz: Frieden und Sicherheit für Israel (Pro-Israel) am 6.6.1967“ (siehe Findbuch StAM, Polizeidirektion München Filmsammlung 16mm, 3); Polizeidirektion München, Filmsammlung 9, TC 14:46–16:28.
  14. Thomas Gerhards, „Achtundsechzig als Problem der historischen Forschung und der politischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland,“ in Die Bonner Republik: 1960–1975 – Aufbrüche vor und nach »1968«, hg. von Gertrude Cepl-Kaufmann, Jasmin Grande, Ulrich Rosar, Jürgen Wiener (Bielefeld: transcript 2020), 52f.
  15. Siehe StAM, Polizeidirektion München, Filmsammlung 8, 11B, 12. Außerdem einige Aufnahmen mit näherer Kamera, die sehr bewegt und oft unscharf sind;siehe StAM, Polizeidirektion München, Filmsammlung 9, 11A, 11B.
  16. StAM,Polizeidirektion München, Filmsammlung 10, TC 00:00–02:41; laut Findbuch handelt es sich um die Besetzung des Amerikahauses am 8.2.1968; Findbuch StAM, Polizeidirektion München Filmsammlung 16mm, 3.

Quellen

Staatsarchiv (StAM) München, Polizeidirektion München, Filmsammlung 8-16.

Literatur

Bayerische Staatsregierung. „Herrmann feiert 30 Jahre Frauen im uniformierten Polizeivollzugsdienst,” 28. Februar 2020, https://www.bayern.de/herrmann-feiert-30-jahre-frauen-im-uniformierten-polizeivollzugsdienst/.

Derrida, Jaques. „Dem Archiv verschrieben.” In Archivologie. Theorien des Archivs in Wissenschaft, Medien und Künsten, hg. von Knut Ebeling und Stephan Günzel, 29–60. Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2009.

Findbuch StAM, Polizeidirektion München Filmsammlung 16mm.

Gerhards, Thomas. „Achtundsechzig als Problem der historischen Forschung und der politischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland.“ In Die Bonner Republik: 1960–1975 – Aufbrüche vor und nach »1968«, hg. von Gertrude Cepl-Kaufmann, Jasmin Grande, Ulrich Rosar und Jürgen Wiener, 27–75. Bielefeld: transcript, 2020.

Staatsarchiv München und Gerhard Fürmetz. Protest oder „Störung"?: Studenten und Staatsmacht in München um 1968 ; Eine Ausstellung des Staatsarchivs München ; [28. Oktober 1999 Bis 7. Januar 2000]. München, 1999.