Station 17 Schahbesuch, transnationale Proteste und der „Fall Farazi“ 1967

Max-Joseph-Platz 2, 80539 München (Nationaltheater)

von Reihaneh Jafaribidhendi

Diese Station beleuchtet den Staatsbesuch des Schahs von Iran im Jahr 1967 in München und die Proteste iranischer Studierender. Im Fokus stehen der politische Kontext, die Ereignisse rund um den Tod Benno Ohnesorgs sowie die transnationale Dimension der Studierendenbewegung.

05.06.2026

Zum Weiterlesen

Anmerkung: dieser Text über die sich weiter volatil entwickelnde Lage im Iran entstand im Februar 2025.

Ausgewählte Dokumente aus dem studentischen und politischen Kontext 1967 bis 1969: Die folgenden Auszüge stammen aus Flugblättern, Presseerklärungen und Informationsschriften studentischer Gruppen sowie iranischer Organisationen in München und Europa aus den Jahren 1967 bis 1969. Sie dokumentieren, wie Fragen von Menschenrechten, politischer Repression und internationaler Solidarität im Zusammenhang mit dem Besuch des Schahs öffentlich verhandelt wurden.

In einem Text zum 2. Juni 1967 wird auf fünfzehn Jahre seit dem CIA gestützten Putsch im Iran Bezug genommen. Darin heißt es, der Schah habe in dieser Zeit durch Unterdrückung der Opposition, Aufhebung der Pressefreiheit, faktische Ausschaltung des Parlaments und Einschränkung von Arbeiterrechten seine Macht konsolidiert. Dieser Prozess sei nur durch enge Zusammenarbeit mit der CIA sowie durch das bewusste Schweigen der USA und der Sowjetunion möglich gewesen. Zugleich wird von einem umfassenden Propagandaapparat gesprochen, der darauf abziele, die tatsächlichen Zustände im Iran zu verschleiern. Der 2. Juni 1967 wird im Zusammenhang mit dem Besuch des Schahs, den Protesten, deren Niederschlagung und dem Tod Benno Ohnesorgs von der Konföderation Iranischer Studenten als Tag der Solidarität zwischen deutschen und iranischen Studenten bezeichnet.

In einem weiteren Dokument vom 17. Dezember 1967 wird ein Boykott der sogenannten Iranischen Olympiade angekündigt mit der Begründung, die politische Führung des Iran halte sich nicht an Menschenrechte. Es werden Berichte über Haftbedingungen, extreme räumliche Einschränkungen, fehlenden Zugang zu Tageslicht und Frischluft sowie minimale Lebensmittelrationen angeführt. Der Tod einzelner Gefangener unter Folter und schwere körperliche Misshandlungen werden erwähnt. Der Text protestiert ausdrücklich gegen Militärgerichtsverfahren und fordert die sofortige Freilassung der Verurteilten. Unterzeichnet ist das Dokument unter anderem vom AStA der Universität München, vom AStA der Technischen Universität München, von der Iranischen Studentenvereinigung München, vom SDS München sowie von weiteren studentischen Organisationen.

Eine Presseerklärung vom Juni 1969 beschreibt eine zunehmende Verletzung grundlegender Menschenrechte im Iran. Genannt werden Massenverhaftungen, Folter, Sammelprozesse und Hinrichtungen. Bezug genommen wird auf das Verfahren gegen vierzehn Intellektuelle im Februar 1969, das zu Haftstrafen von bis zu fünfzehn Jahren führte. Trotz strenger Nachrichtenzensur werden die geheime Inhaftierung von einundzwanzig politischen Gefangenen seit Dezember 1968 unter schweren Folterbedingungen, neue Verhaftungen im März 1969 darunter Ajatollah Taleghani, Militärgerichtsverfahren gegen kurdische Angeklagte mit etwa vierzig Todesurteilen, ein Hungerstreik politischer Gefangener seit dem 14. Januar sowie eine neue Welle von Repressionen gegen Studierende berichtet. Die Konföderation fordert öffentliche und nicht militärische Verfahren gemäß der iranischen Verfassung unter Beteiligung von Geschworenen.

Ein weiteres Dokument thematisiert die Ausweisung des iranischen Autors Dr. Bahman Nirumand aus der Bundesrepublik Deutschland. Die Maßnahme wird als Beispiel für den Umgang der Behörden mit ausländischen Intellektuellen gewertet, die von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen. Gleichzeitig wird auf Militärgerichtsverfahren gegen vierzehn iranische Studierende und Intellektuelle verwiesen, deren Haftstrafen als faktisch schleichende Todesurteile beschrieben werden. Internationale Beobachter hätten berichtet, dass Angeklagte während der Haft gefoltert worden seien, dass die Anklagepunkte nicht bewiesen wurden und dass Dolmetscher Verbindungen zum iranischen Geheimdienst SAVAK gehabt hätten. Unter dem Titel Iran Was geschieht in diesem Land wird in einem Informationsblatt eine Reihe von Ereignissen seit den 1950er Jahren aufgelistet. Genannt werden Angriffe auf die Universität Teheran, gewaltsame Niederschlagung von Protesten, Massenverhaftungen, Folterberichte, Erschießungen politischer Gefangener sowie die Ausweisung Nirumands aus Deutschland. Das Dokument kündigt eine Informationsveranstaltung mit einem Vertreter iranischer Studierender, einem deutschen Prozessbeobachter und einem Historiker an. In einem Text vom 28. April 1969 mit der Überschrift Nie wieder ein Ohnesorg wird der Besuch des iranischen Ministerpräsidenten Amir Abbas Hoveyda in der Bundesrepublik kritisch kommentiert. Bezug genommen wird auf politische Gefangene, frühere Gewaltereignisse und die Rolle westlicher Unterstützung. Zugleich wird auf offizielle Formulierungen bundesdeutscher Entwicklungshilfepolitik verwiesen, die Stabilität und Anerkennung privaten Kapitals betonen.

Ein weiteres Dokument trägt den Titel Kein Todesurteil aber verurteilt zu einem langsamen Tod. Darin werden Militärprozesse gegen iranische Studierende beschrieben, Aussagen über Folter durch den SAVAK zitiert sowie ein Ausspruch von Bijan Jazani wiedergegeben, der die Vorwürfe eines bewaffneten Aufstands als unrealistisch zurückweist. Obwohl internationale Proteste Todesurteile verhinderten, werden langjährige Haftstrafen als faktisch lebensgefährdend charakterisiert. Ein Zitat von Parviz Nikkhah lautet Ihr habt meine Hinrichtung verhindert aber das Regime hat mich zu einem langsamen Tod verurteilt.

Ein weiteres Flugblatt mit dem Titel Der Schah in Österreich kritisiert die Zusammenarbeit österreichischer Behörden mit dem SAVAK während des Wien-Besuchs des Schahs im Januar 1969. Gefordert werden die Freilassung festgenommener Demonstranten, Aufklärung über das Verschwinden iranischer Studierender und die Unterbindung von Geheimdienstaktivitäten. Das Dokument schließt mit dem Aufruf zu internationaler Solidarität gegen diktatorische Systeme. Diese Texte dokumentieren die Argumentationsweisen, Forderungen und politischen Selbstverständnisse studentischer und exiliranischer Gruppen in den Jahren 1967 bis 1969 und bilden den zeitgenössischen Diskursrahmen, innerhalb dessen die beschriebenen Ereignisse öffentlich verhandelt wurden.

Zu Beginn des Semesters wählte ich dieses Thema, um den offiziellen Besuch des Schahs in der Bundesrepublik und die Proteste iranischer Studierender in Deutschland, insbesondere den Fall Homayoun Farazi, zu untersuchen. Zunächst ging ich davon aus, dass es sich um eine rein historische Arbeit handeln würde, die sich auf Archive, Flugblätter und zeitgenössische Dokumente stützt. Im Verlauf der Arbeit wurde mir jedoch deutlich, dass dieses Thema nicht nur der Vergangenheit angehört, sondern in einer tiefen Weise mit meiner eigenen Gegenwart verbunden ist.

Von Anfang an war es mir wichtig, die Geschichte nicht zu verfälschen. Ich fühlte mich verpflichtet, das Material aus dem Archiv so wiederzugeben, wie es mir begegnet ist. Die Flugblätter, Stellungnahmen und Berichte sprechen in ihrer eigenen Sprache und aus ihrer jeweiligen historischen Perspektive. Meine Aufgabe war nicht, diese Texte umzuschreiben, sondern sie sorgfältig zu lesen und zugänglich zu machen. Auch dann, wenn diese Quellen in Spannung zu meinen heutigen Erfahrungen oder Gefühlen standen, habe ich bewusst versucht, die damalige Perspektive ernst zu nehmen und das Vergangene nicht mit heutigen Maßstäben vorschnell zu beurteilen.

Gleichzeitig konnte ich mich emotional nicht vollständig distanzieren. Ich lese diese Dokumente nicht im Jahr 1967, sondern Jahrzehnte später in derselben Stadt, in denselben Straßen und an derselben Universität. Es war für mich eine belastende Erkenntnis, dass ich heute als iranische Studentin in genau den Räumen unterwegs bin, von denen ich spreche. Auch ich gehe in München auf die Straße und erhebe meine Stimme. Der Unterschied besteht darin, dass die Proteste damals gegen den Schah gerichtet waren, während sie sich heute gegen die Islamische Republik richten. Was für die damaligen Aktivisten als Kampf gegen eine Diktatur verstanden wurde, führte in der Folge zur Etablierung eines Systems, das sich selbst als revolutionär bezeichnete, sich jedoch im Laufe der Jahrzehnte als zutiefst repressiv und gewalttätig erwies. Viele derjenigen, die in den 1960er Jahren in Europa gegen den Schah mobilisierten, haben später selbst eingeräumt, dass ihre damaligen Darstellungen vereinfacht oder teilweise unzutreffend gewesen seien. Die Konsequenzen dieser historischen Fehlwahrnehmungen trugen jedoch nicht sie selbst. Die Konsequenzen trugen spätere Generationen, eine Generation, die in Gefängnissen landete, die getötet wurde oder die gezwungen war, das Land zu verlassen.

In jener Zeit kamen einige mit staatlichen Stipendien des Schah-Regimes nach Europa, studierten hier und protestierten in deutschen Straßen gegen eben dieses Regime. Heute leben junge Iranerinnen und Iraner mit den Folgen des Systems, das nach dem Sturz des Schahs an die Macht kam. Ein System, das Millionen Menschen zur Migration zwang, Proteste brutal unterdrückte, Gefängnisse füllte und die systematische Verzerrung von Wahrheit zu einem festen Bestandteil politischer Praxis machte. Geschichte wiederholt sich nicht mechanisch, aber Räume wiederholen sich. Die Straßen sind dieselben. Die Universität ist dieselbe. Doch die Parolen haben sich verändert. Heute stehen iranische Studierende wieder in den Straßen Münchens. Diesmal nicht gegen den Schah, sondern gegen die Islamische Republik. Die historische Ironie besteht darin, dass heute manche offen über eine Rückkehr des Sohnes des Schahs sprechen. Am 14. Februar 2026 fand in München eine der größten Demonstrationen iranischer Exilierter gegen die Islamische Republik statt. Ich war persönlich anwesend. Es existieren Fotos, Videos und zahlreiche Zeugenaussagen. Dennoch behauptet das Regime bis heute, es habe keine nennenswerte Versammlung gegeben oder nur eine sehr geringe Beteiligung. Die sichtbare Realität wird trotz dokumentierter Belege geleugnet. Diese Erfahrung prägt meinen Blick auf die Archive von 1967. Ich habe gelernt, wie systematisch dieses Regime mit Wahrheit umgeht, wie Narrative konstruiert und Tatsachen bestritten werden. Gerade deshalb war es mir wichtig, die historischen Dokumente unverändert zu präsentieren.

Neben der Verpflichtung zur historischen Genauigkeit empfinde ich jedoch auch eine weitere Verantwortung. Ich halte es für notwendig auszusprechen, dass Menschen im Iran seit Jahrzehnten unter Repression und Gewalt leben, dass meine Generation die Folgen politischer Entscheidungen der Vergangenheit trägt und dass heute in den Straßen Münchens Freiheit für Iran gefordert wird, in der Hoffnung auf ein freies, gerechtes und lebenswertes Land.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart liegt nicht nur Zeit. Es liegt Verantwortung.

Archiv der Ludwig-Maximilians-Universität München, Sammlung Flugblätter Studierendenbewegung:

​Flugblätter Januar–Dezember 1965 (Slg-XXXIV-8):

Stellungnahme des Verbands Deutscher Studentenschaften (VDS) zur Unterstützung der Proteste der Konföderation iranischer Studierender gegen die Auslieferung iranischer Studierender an das Schah-Regime.

Flugblätter Dezember 1967 (Slg-XXXIV-17): Pressemitteilung des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) der Ludwig-Maximilians-Universität München gegen die geplante Auslieferung eines iranischen Studenten der LMU.

Flugblätter Januar 1968 (Slg-XXXIV-18): Informationsblatt des AStA zum „Fall Farazi“; Informationsblätter des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), Terror-Information Nr. 1 und 2.

​Flugblätter Mai 1968 (Slg-XXXIV-21): Kritik des AStA der Technischen Hochschule München an der Iran-Konferenz.

Flugblätter Juni 1968 (Slg-XXXIV-22): Protestaufruf gegen die Auslieferung zweier iranischer Studenten an das Schah-Regime durch Frankreich.

Flugblätter 1967 (Slg-XXXIV-11 bis 13).

​Flugblätter 1968 (Slg-XXXIV-25): Aufruf zur Unterstützung von Demonstrationen gegen das Schah-Regime durch den Iranischen Studentenverein München e. V. und den Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Technischen Hochschule München.

Flugblätter November 1968 (Slg-XXXIV-26): Pressemitteilung der Konföderation iranischer Studierender (CIS) und der CISNU über politischen Terror im Iran.

Protest gegen Ausweisung Farazis, Süddeutsche Zeitung, München, Freitag, 15. Dezember 1967, o. S.

​Krimineller als Beobachter in der Universität, Süddeutsche Zeitung, München, Mittwoch, 20. Dezember 1967, o. S.

​Um die Polizei in der Universität, Süddeutsche Zeitung, München, Donnerstag, 21. Dezember 1967, o. S.

​Die studentische Linke, Süddeutsche Zeitung, München, Freitag, 19. Januar 1968, o. S.

​​Radau vor der Alten Pinakothek, Süddeutsche Zeitung, München, Freitag, 2. Juni 1967, S. 14.

​Schahbesuch im Hause Siemens … und im Nationaltheater, Süddeutsche Zeitung, München, Freitag, 2. Juni 1967, S. 14.

​​Mit dem Notizblock durchs München, Süddeutsche Zeitung, München, Dezember 1967, S. 14.

Benno Ohnesorg und der Schah | Karambolage | ARTE

https://youtu.be/X6zvJcOyvp0 (letzter Zugriff: 18.02.2026)

Der Polizeistaatsbesuch – Der Schah

https://youtu.be/cHw0yASOg6c (letzter Zugriff: 18.02.2026)

Nirumand, Bahman (1967): Persien. Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

​Michels, Eckard (2017): Schahbesuch 1967. Fanal für die Studentenbewegung. Berlin: Ch. Links Verlag.

​Enzensberger, Hans Magnus (1967): Nacherinnerung zu: Nirumand, Bahman: Persien. Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.