MZAW-Gastprofessur für Kulturgeschichte des Altertums
Die Gastprofessur wird an hervorragende nationale und internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vergeben. Am MZAW verfolgen diese ein originelles Forschungsprojekt von breiter altertumswissenschaftlicher Relevanz, das disziplinäre Grenzen überschreitet und neue Impulse setzt. Mit innovativen Lehrangeboten unterstützen sie die altertumswissenschaftliche Graduiertenausbildung an der LMU.
Hybridität, Kreolisierung: Wege zum Verständnis der Verbreitung von antiken Institutionen und sozialen Praktiken / Métissage, créolisation : approches pour comprendre la diffusion des institutions et des pratiques sociales antiques
Die Tagung, die am 21.-22. Mai im Veranstaltungsraum des Philologicums der LMU stattfand, verfolgte zwei Ziele: Erstens sollte sie eine Plattform bieten, um Konzepte zur Beschreibung von Austauschprozessen zwischen Zivilisationen sowie zur (wechselseitigen oder einseitigen) Übernahme institutioneller und sozialer Praktiken zu diskutieren: Hybridisierung, métissage, Kreolisierung usw. Zweitens sollte mit der Tagung der internationale Austausch zwischen jungen Forscherinnen und Forschern gefördert werden. 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor allem aus München und Bordeaux, sowie aus Spanien, Griechenland und Italien folgten der Einladung des MZAW und seines diesjährigen Gastprofessors Pierre Fröhlich.
Die zahlreichen Vorträge boten eine große Bandbreite an methodischen Ansätzen und Interpretationen, insbesondere in Bezug auf den Begriff der „Hybridität". Die Fragestellungen in den Beiträgen bezogen sich auf gemischte und vielschichtige Identitäten von Individuen im Kontext geografischer oder sozialer Mobilität; auf komplexe, multikulturelle Situationen im römischen Osten, insbesondere im Kontext der Rechtsprechung oder der Adoption; auf die höchst originelle Welt der magischen Papyri und die Kaufmannsgesellschaft Ägyptens ‑ kurzum auf eine Hybridisierung oder ein „métissage", das man mit einem „middle ground" vergleichen könnte. Darüber hinaus wurden Fälle institutioneller Begegnungen in der Welt der griechischen Stadtstaaten diskutiert: politische und religiöse Praktiken, Korrespondenz, Auswirkungen der Integration in die Welt der Herrscher, das Römische Reich usw. Als roter Faden erwies sich dabei die Dichotomie von „agency" und Widerstand.
Als vorläufiges Ergebnis der Tagung lässt sich vor allem postulieren, dass sich in semantischer Hinsicht keiner der im Titel der Tagung vertretenen Begriffe ‑ gerade der Begriff der „Hybridität" sollte besser gänzlich vermieden werden ‑ als methodisches Konzept behaupten konnte. Zu sehr hängen diese Begriffe vom Gegenstand der jeweiligen Untersuchung ab, z. B. davon, ob man von einem Ergebnis (etwa „middle ground" oder „entanglement") oder von einem Prozess („métissage", „Aneignung") ausgeht. Zudem variieren die Begriffe je nach Art der Quellen und je nach der von den Forscherinnen und Forschern verwendeten Sprache. Eine internationale Tagung erlaubt es folglich zu verstehen, wie stark die verschiedenen Sichtweisen von Sprachbarrieren ebenso wie von nationalen Forschungstraditionen abhängen.
Ausgezeichnete Beiträge und eine hervorragende Stimmung unter den Teilnehmenden trugen zu einem überaus konstruktiven Austausch bei, der sich in künftigen Kooperationen untereinander und im Rahmen einer Gegeneinladung in Bordeaux, geplant für 2028, fortsetzen soll.