Station 08: Eine vielfältige, paradoxe Theaterszene

Akademiestraße 2–4 (große Treppe der Akademie), 80799 München

von Rebecca Schau, Johanna Marxreiter und Theresa Eisele

Diese Station behandelt die vielfältige Theaterszene der 1960er Jahre – die insbesondere auch durch Gastspiele aus den USA geprägt war – und das Verhältnis der Theaterwissenschaft, ihrer Lehrenden und Studierenden zu dieser Szene.

05.06.2026

In München – und genauer: im Schwabing zwischen Türkenstraße 103 und den Treppen der Akademie – entfaltete sich ab Mitte der 1960er Jahre eine theaterhistorisch spannungsreiche Konstellation. Hier fand 1969 an den Treppen der Akademie ein interventionistischer Auftritt des US-amerikanischen Bread & Puppet Theater statt. Einige Meter weiter, in der Türkenstraße 103, befand sich das Institut für Theatergeschichte, wo der Lehrstuhlinhaber Klaus Lazarowicz eine bürgerlich-konservative Idee von Theater vertrat und sich immer wieder gegen interventionistisches Theater seiner Zeit aussprach für das auch das Bread and Puppet Theater standen. Auf der einen Seite also die Auflösung der Rampe, die Entgrenzung des Theaterspiels, die spielerische Einbindung des Publikums und die Vermischung von Theater und Leben. Auf der anderen Seite das Plädoyer Lazarowiczs für die Notwendigkeit der vierten Wand, für die regelhafte Ordnung des „Als-Ob“ im Theater, für „bühnenkundige“ Autorschaft und schriftlich fixiertes Drama. Als Ordinarius der Theatergeschichte trat Klaus Lazarowicz im Hörsaal und vor allem auch in seinen akademischen Texten als Vertreter eines literaturbasierten Theaters auf, das sich an gemeinsam vereinbarte Regeln halte. Als erklärter „Vertreter einer konservativen Theaterwissenschaft“ stand er den Happenings und Performances der 1960er Jahre kritisch gegenüber, die gerade auf die Auflösung bürgerlicher Konventionen zielten und denen Lazarowicz einen naiven „Pantheatralismus“ unterstellte. Dabei bezog sich Lazarowicz durchaus auf Theatererlebnisse, die er vor Ort in München gesehen, erlebt oder zumindest kolportiert bekommen haben mag. 1965 trat etwa das New Yorker Theaterkollektiv Living Theatre auf; später forumlierte Lazarowicz eine Kritik an einer Ästhetik, die implizit auf das Living Theatre Bezug zu nehmen schien. Er befand, dass „szenische Gymnastik, rhythmische Etüden, Yoga- oder Turnübungen“ keinen Ersatz darstellten für eine „von einem bühnenkundigen Autor verfaßte Spielvorlage“. Der Bann der dramatischen Literatur bekomme dem Theater nicht.

Klaus Lazarowiczs Texte – die er seit 1964 als kommissarischer Leiter, ab 1966 als Inhaber des Ordinariats am Institut für Theatergeschichte verfasste – zeugen so auch von der in den 1960er Jahren brisant gewordenen Auseinandersetzung um den Theaterbegriff: welche Art von Theater sollte zum Gegenstand der Theaterwissenschaft werden – und warum? Und wie verhält sich die junge Disziplin und ihre Theoriebildung zur Theaterpraxis? Der Schwabinger Stadtraum zwischen Türken- und Akademiestraße steht dabei exemplarisch für dieses Verhältnis zwischen Theorie und Praxis, das in München durchaus engagiert und konfrontativ ausgetragen wurden. Während Lazarowicz seine Position in Texten darlegte und sich hier auch explizit gegen die neuen Theatertrends der Zeit aussprach, sind Positionen von Studierenden zur Theatertheorie und -praxis schwieriger zugänglich. Die twm Studiobühne, um die es in den folgenden Stationen gehen soll, bietet vielleicht einen Zugang zu den theatralen Experimenten und theoretischen Positionen der Studierendenschaft.

Studentische Perspektiven: ein Gespräch mit dem Zeitzeugen Wolfgang Ruf

Im Rahmen des Seminars hat uns Wolfgang Ruf besucht. Ruf war als Dramaturg, als Direktor der Westdeutschen Kurzfilmtage und Chefredakteur der Deutschen Bühne tätig. Im April 1966 inskribierte er an der LMU München für ein Studium der Germanistik und Theatergeschichte.

Neben seinem Studium tauchte Ruf in die Theaterszene der Zeit ein. Im Gespräch mit unserer Gruppe gab Wolfgang Ruf Einblick in diese Zeit. Rufs Erinnerungen können begleitend zu den Audios der Stationen 3,8 und 15 gehört werden.

Hier erinnert sich Wolfgang Ruf an die Münchner Theaterkultur der 1960er Jahre, seine Vorliebe für die Münchner Kammerspiele und an die Zeit eines theatralen Umbruchs.

Theaterszene

22.06.2026

Zeit des Umbruchs

22.06.2026

Braun, Hanns. Die eingeschlossenen von Fudschjjama. Zweite Living Theater Premiere im Theater an der Leopoldstraße. Süddeutsche Zeitung. 28. Juli 1965. 14.

Bread and Puppet Theater zieht durch München. Süddeutsche Zeitung. 11.06.1969.

Feller, Max Christian: New Yorker „Bread and Puppet Theater“ eröffnet die Münchner Werkraum-Woche. Dröhnende Opposition der Amateure. Münchner Merkur. 09.06.1969.

Hemler, Stefan: Protest-Inszenierungen. Die 68er-Bewegung und das Theater in München. In: Hans-Michael Körner, Jürgen Schläder (Hrsg.): Münchner Theatergeschichtliches Symposium 2000. München 2000.

Unter freiem Himmel. Süddeutsche Zeitung. 12.06.1969.

Jansen, Wolfgang: Musical – das Musiktheater der Gegenwart. Gesammelte Schriften zum Populären Musiktheater (Bd. 3). Münster 2024.

Lazarowicz, Klaus: Die Rampe (1971), in: ders., Gespielte Welt. Eine Einführung in die Theaterwissenschaft anhand ausgewählten Beispielen, Frankfurt a.M. 1997. + 2-seitiges Vorwort.

Lazarowicz, Klaus: Triadische Kollusion (1977), in: ders., Gespielte Welt. Eine Einführung in die Theaterwissenschaft anhand ausgewählten Beispielen, Frankfurt a.M. 1997.

Lazarowicz, Klaus: Szenische Agitation (1987), in: ders., Gespielte Welt. Eine Einführung in die Theaterwissenschaft anhand ausgewählten Beispielen, Frankfurt a.M. 1997.

Nennecke, Charlotte: Stein des Anstoßes auf der Bühne. Süddeutsche Zeitung. 20. Juli 1965. 15.

Ragni, Gerome / Rado, James: Haare. Vollständiges Textbuch des Musicals “Haare”. München 1969.

Schöll, Norbert / Kleindiek, Jürgen W.: Braucht das Theater eine eigene Wissenschaft? Von der Krise einer Universitätsdisziplin (1970), in: Helmar Klier (Hg.), Theaterwissenschaft im deutschsprachigen Raum, Darmstadt 1981, 171–178.

Siegmund, Gerald: Guy Debord, die Situationistische Internationale und der Stadtraum, in: ders., Theater- und Tanzperformances zur Einführung, Hamburg 2020, 49–61.

Zielske, Harald: Theatergeschichte oder praktisches Theater? Bemerkungen über den Gegenstand der Theaterwissenschaft (1970), in: Helmar Klier (Hg.), Theaterwissenschaft im deutschsprachigen Raum, Darmstadt 1981, 164–170.